Leben am Bach - eine Erzählung (Teil 7)

in #deutsch3 years ago (edited)

Meine Heimat ist Kärnten, genauer gesagt, das Gailtal. Ich wuchs in den Sechziger- und Siebzigerjahren in einem schlichten Einfamilienhaus am Hermagorer Mühlbach auf, im sogenannten "Oberen Markt" des von Bergen eingesäumten Städtchens, da wo das Gitschtal mit seinem Fluss Gössering ins Gailtal mit der gefürchteten Gail übergeht. Von meinen naturverbundenen Erinnerungen handeln die Episoden „Leben am Bach“.

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Leben am Bach (Teil 7)

Weitere Mutproben

Ja, der Besuch beim alten Steinmetz, der uns ein Heftchen mit Blattgold schenkte, war eine harmlosere von Gerlis Mutproben.

Der Sprung

Gerli war ein sehr zierliches, sehniges Mädchen, das noch sportlicher als ich war.

In einem Winter wollten die Schneefälle wieder einmal nicht enden. Ein bis zwei Meter Schneehöhe bei Neuschnee waren damals in unserem Tal keine Seltenheit. In den Bergen schneite es ohne Übertreibung ein Vielfaches dieser Schneemengen, wie beispielsweise auf dem Nassfeld, heute einer ausgedehnten Schiregion. Diese Schneemengen bedeuteten viel Schneeräumung für unsere Eltern. Wir Kinder spielten vergnügt im Schnee.

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Eines Tages war ich nach der Schule bei meiner Schulfreundin Gerli. Sie kletterte mit mir zusammen aufs nur leicht abgeschrägte Garagendach, das sich an ihr Elternhaus schmiegte, und überredete mich zu einem Sprung in den tief verschneiten Garten. Ich wollte mir natürlich keine Blöße geben und sprang. Fast wäre ich erstickt, weil keine von uns daran gedacht hatten, dass wir kleinen Mädchen im tiefen Schnee steckenbleiben würden!

Die Schneehöhe im Garten von Gerlis Familie dürfte in diesem Rekordwinter im Bereich an der Garage etwa 170 cm betragen haben. Ich sank ein und wäre fast erstickt. Nur mit Müh‘ und Not konnte ich mich frei strampeln und aus der misslichen Lage befreien. Gerli war am Dach geblieben und rief mir Aufmunterndes zu. Das schlechte Gewissen schien sie aber doch zu plagen. Sie half mir, mich vom Schnee zu befreien, ehe ich zu viel Nässe abbekam. Unseren Eltern erzählten wir natürlich nie ein Wort von unseren Missetaten.

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Die Buche

Auch Gerlis Idee, an einem sonnigen Spätsommertag auf eine hohe Buche in steiler Hanglage zu klettern, erwies sich als weniger fein. Auch in diesem Fall wollte ich Gerli, die allerlei sportliche Geschick bewies, einfach glauben, dass es ein Leichtes sei, auf diesen kräftigen Baum mit seiner glatten Rinde zu klettern. Sie zeigte es mir vor, sprang wieder herunter und rief: “Und jetzt du!“

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Ich gehorchte, um nicht als feig und unsportlich zu gelten. Von unten aus feuerte mich Gerli an, mich noch ein Stückchen höher hinauf zu wagen. All das ging ganz gut, bis zum Moment, als ich mich entschloss, herabzuklettern und nach unten blickte.

Von oben sah Gerli so klein aus, und es wirkte alles bedrohlich. Keine Chance, dachte ich mir, da kommst du nie mehr wieder hinunter!

In dieser verzweifelten Lage weinte ich oben und sie unten. Doch wenn ich etwas von Gerli lernen konnte, so war das ihr positives Denken und ihre Überzeugungskraft. Sie fasste sich wieder und begann mir Anleitungen zu geben wie ein Coach seinem zu trainierenden Hochleistungssportler.

Es gelang ihr, mich zu einem starken Ast unterhalb von mir zu lotsen, auf dem ich Zentimeter um Zentimeter näher zum Hang rutschte, bis ich es wagte zu springen. Unversehrt landete ich im weichen Laub.

Nun, Klettern war nie mein Fall und wird es wohl auch nicht mehr werden!

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Radsport

Die junge Dame hatte etwas von einer Unbekümmertheit, die mich faszinierte. Ich hatte nicht wie sie den Mut, jemanden einfach anzuquatschen oder leichtfertig etwas Neues auszuprobieren. Und auch nicht die Nonchalance, mit Fehlern umzugehen wie sie. Ich nahm mir alles zu Herzen.

Ich denke, meine Freundin hat ein Gutteil zu meiner Umprogrammierung beigetragen! Im späteren Leben fand ich mich oft in Situationen wie jenen, die meine Mitschülerin provozierte, und stand sie weit besser durch. Mag sein, dass ich mich deshalb nie so hilflos gab wie viele andere Frauen das zu tun pflegen. Es hat noch viele weitere Jahre gedauert, bis ich verstand, dass man diese Hilflosigkeit aus taktischen Gründen auch spielen kann. Aber das ist so und so nicht meins.

Gerlis Sorglosigkeit habe ich aber auch ein Erinnerungsstück zu verdanken, das mir ein Leben lang bleibt.

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Und das kam so: Radfahren war bei uns gang und gäbe. Die ganz Kleinen bekamen ein Kinderfahrrad mit Stützen. Wenn sie sicherer wurden, wurden die Stützräder entfernt. Da Fahrräder nicht mitwachsen, wie alle Welt weiß, wurde das Rad gegen ein größeres und später gegen ein noch größeres ausgetauscht.

Wir übten uns auch im freihändigen Fahren. Es wurde für mich selbstverständlich. Ich jagte nur so dahin und fühlte mich ganz heldenmäßig. Damals gabe es weder BMX-Fahrräder noch Mountainbikes, doch wir reizten die Möglichkeiten aus, die wir hatten, und flitzten über Stock und Stein. Folglich war ich eine wendige, rasche und geübte Radfahrerin.

Der Fahrradunfall

Das Problem war nur, dass Gerli und ich uns Wettrennen lieferten, längs dem Mühlbach, die Gasse entlang oder durch durch den Park, einfach was das Zeug hielt. Einmal geschah es dann. Bei einem verpatzten Abbiegemanöver auf dem geschotterten Weg, berührten sich unsere Fahrräder nur kurz, aber diese Kollision hatte ihre Folgen.

Ein heftiger Ruck! Der Rest passierte blitzschnell. Gerli konnte sich befreien und fuhr weiter. Ich fiel mit voller Wucht auf den hellen Schotter mit seinen spitzen Steinchen.

Zunächst galt meine Sorge nur meinem Fahrrad. Dem robusten schwarzen Ding war nichts Merkliches geschehen. Aber dann entdeckte ich, dass ich blutete, ziemlich heftig sogar. An der linken Handinnenseite hatte ich eine klaffende Wunde, in der Sand und Steinchen klebten. Diese versuchte ich wegzuwischen und war leicht geschockt.

Wir hatten im Erste Hilfe-Unterricht gelernt, bei einer Handverletzung den Arm hochzuhalten, damit der Druck verringert wird. Aber wenn ich meine linke Hand betrachtete, schaute die Verletzung beunruhigend aus. Jedenfalls nicht wie etwas, was gleich verheilt.

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Tierisch

Meine Angst davor, meinen Eltern dieses Missgeschick zu „beichten“, war immens. Was also tun? Gerli fühlte sich für mich mitverantwortlich, wie immer bei unseren Manövern.

Nun muß ich erwähnen, dass ihr Vater Tierarzt war. Gerli, Tochter eines Tierarztes sohin, besann sich. Sie schlug einmal mehr diesen typischen Ton der Überzeugung an: „Du kommst jetzt mit mir mit! Ich weiß, der Papa hat da so was, so einen Viehspray, den sprüht er den Kühen aufs Fell und dann geht die Wunde zu.“

Es war niemand im Haus. Gerli beschaffte sich den gepriesenen Spray in der Kleintierordination. Wir säuberten die Wunde, nicht besonders sorgfältig, aber immerhin. Dann kam der Spray zum Einsatz, und zu meinem Entsetzen war die Substanz, die sich über meine Wunde legte, von dunkelvioletter Farbe und klebte wie Gummi auf der Haut.

Noch immer benommen, schob ich das Fahrrad nach Haus. Da war nichts zu verbergen: Meine Angehörigen sahen die tierärztlich versorgte Wunde und schlugen die Hände über dem Kopf zusammen.

Was weiter geschah, daran erinnere ich mich nicht mehr genau. Heute weiß ich, dass die Wunde hatte genäht werden müssen. Vielleicht war das in diesem verklebten Zustand gar nicht mehr möglich.

Fünf Wochen lief ich mit einem Verband herum und war natürlich vom Turnen befreit. Als er abgenommen wurde, war eine unförmige gerötete Narbe da, etwa drei Zentimeter im Durchmesser. Mit der Zeit verblasste sie und verflachte sich. Sie hat mich nie beeinträchtigt. Sie ist für mich ein Souvenir. Und auch ein Beweis, dass ich einmal wirklich ein Kind war, ein wildes noch dazu, das mit einem viel zu großen Fahrrad dahinraste, als gäbe es kein Morgen, wie man zu sagen pflegt.

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Ein Schnee- und Eisparadies

Einmal noch über unsere Winter...

Der Mühlbach vorm Haus erleichterte die Schneeräumung beachtlich. Die Hausbesitzer entledigten sich des Neuschnees, indem sie ihn in den Bach schaufelten bzw. schubsten.

Der Bach hatte aber noch etwas Gutes. Er ermöglichte mir in meinen Volksschuljahren einen privaten Eislaufplatz im Garten. Ich liebte das Tanzen. Im Sommer träumte ich davon, Ballerina zu werden. Im Winter sah ich im Fernsehen (damals noch Schwarzweißfernsehen!) die Eistänzerinnen und war vernarrt in diesen Sport.

Mit Brettern wurde ein Areal geschaffen und Eimer um Eimer wurde Wasser vom Mühlbach geholt. Die Entsorgung des Schnees und die Entnahme des Wassers – keiner hatte damals etwas dagegen. Die ganze Familie half zusammen, den kleinen Eislaufplatz zu schaffen und zu pflegen.

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Mein Reich

Der Eislaufplatz in unserem Garten, das war mein Reich! Meine Mutter nähte mir sogar ein kurzes glockiges Kleidchen aus einem festen Stoff, das mit weißem, fellähnlichem Material umsäumt war. Dazu trug ich eine dicke, dicke Wollstrumpfhose und einen Anorak. Hier durfte ich „Eisprinzessin“ sein, versuchte einige der Drehungen und Sprünge nachzuahmen, die ich mir im Fernehen abgeschaut hatte, auch wenn die Fläche winzig war. Für mich war sie meine Bühne. In meiner Fantasie hörte ich, wie die Jury ihre Punkte vergab.

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Bewundert wurde ich nicht von großem Publikum, sondern lediglich von zwei, drei mächtigen Schneemännern mit echten Kohlenaugen und echten Karottennasen, die die Eislaufbahn schmückten.

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Am Sportplatz des Städtchens Hermagor gab es auch einen riesigen Eislaufplatz, auf dem sich Alt und Jung tummelte.

Wenn die Wetterbedingungen passten, konnte der nahegelegene Presseggersee zu einem Eisparadies werden, das den künstlich angelegten Platz bei weitem übertraf, aber viel schwieriger zu befahren war.

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Ab und zu fuhr meine Familie zum inzwischen sehr bekannten, im Nachbarbezirk befindlichen Weißensee, der vor Jahren von den Holländern für Eisrennen entdeckt wurde und in einer James Bond-Verfolgungsjagd verewigt wurde.

Tunnelbau

Mein Schneetunnelgraben erwähnte ich schon kurz und erzählte, dass ich mir eine kleine Höhle gegraben hatte. Doch mein erklärtes Ziel war ein regelrechtes Labyrinth. Da ich als Einzelkind die meiste Zeit spielte, hatte ich stundenlang Zeit, konsequent meine Gänge anzulegen. Aber keine Gehilfen. Es hat alles zwei Seiten. So wurde aus meinem Labyrinth nir eine große Sache, aber der Weg ist ja bekanntlich das Ziel.

Die Winterausrüstung war nicht so ausgetüftelt wie heute. Es gab keine wasserabweisenden und atmungsaktiven Textilien. So endete ich immer erhitzt, durchnässt, und manchmal auch halb erfroren. Aber schön war’s!

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Ende von Teil 7!

Ab hier gibt es kein Wort mehr über den Winter und über Eis und Schnee!

Das nächste Mal dreht sich alles um Sommervergnügen und um mein anfänglich ungeliebtes Haustier.

Auch verlassen wir den Bach und begeben uns ein wenig in die angrenzende Siedlung. Bei meinem letzten Besuch in Hermagor habe ich eigens Fotos dafür aufgenommen.

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Ich hoffe, es war auch für dich wieder etwas Inspirierendes dabei!

Wie immer freue ich mich über Feedback!

Bisher in dieser Reihe erschienene Beiträge:

(GER)
Leben am Bach - eine Erzählung 1 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach--eine-erzaehlung-1
Leben am Bach - eine Erzählung 2 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-2
Leben am Bach - eine Erzählung 3 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-erinnerungen-3
Leben am Bach - eine Erzählung 4 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-4
Leben am Bach - eine Erzählung 5 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-5
Leben am Bach - eine Erzählung 6 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-teil-6

(EN)
Life at the Brook (narration, part 1) https://steemit.com/story/@martinamartini/life-at-the-brook-narration-part-1
Life at the Brook (narration, part 2) https://steemit.com/story/@martinamartini/life-at-the-brook-narration-part-2
Life at the Brook (narration, part 3) https://steemit.com/story/@martinamartini/life-at-the-brook-narration-3
Life at the Brook (narration, part 4) https://steemit.com/story/@martinamartini/life-at-the-brook-a-narration-part-4
Life at the Brook (narration, part 5) https://steemit.com/story/@martinamartini/life-at-the-brook-a-narration-part-5
Life at the Brook (narration, part 6) https://steemit.com/story/@martinamartini/life-at-the-brook-a-narration-part-6
Life at the Br0ok (narration, part 7) https://steemit.com/story/@martinamartini/life-at-the-brook-a-narration-part-7

Diese Erzählung befindet sich hier in einer unkorrigierten Urfassung:

https://reflexionen.wordpress.com/erzahlungen/erdachtes/erlebtes/muehlbach-stocksteinerwand/

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Der Weißensee
http://www.weissensee-naturpark.at/?p=66
https://www.weissensee.com/de/natureislauf/natureislauf/
https://www.meinbezirk.at/hermagor/lokales/james-bond-am-weissensee-d936272.html
https://www.kurzurlaub.at/magazin/oesterreich/kaernten/weissensee/james-bond-und-der-weissensee.html
http://www.kleinezeitung.at/kaernten/oberkaernten/4646633/Der-Hauch-des-Todes_Aufwaermen-mit-James-Bond-am-Weissensee
http://www.eislaufen-weissensee.at/news/lesen/4201/die-hollaendischen-wochen-am-weissensee.html
http://www.kleinezeitung.at/kaernten/5354064/Weissensee_ElfStaedteTour-der-Hollaender-ist-gesichert

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So eine tolle Nature :) Vielen Dank für die Geschichte :)

Das Gailtal und die Weißenseeregion sind sowohl im Sommer als auch im Winter ein Traum mit herrlicher Naturvielfalt. Ich wünschte, ich hätte mehr Fotomaterial greifbar und arbeite schon fleißig an meinem Archiv. Danke! Dafür bewundere ich wieder, was du machst!

Wie immer tolle Geschichten!

Danke! :) Das hat sich wirklich so ergeben! Nun noch ein, zwei Folgen... Un d dann zur Abwechslung mal Fantasiegeschichten. Man braucht nach so einer Serie (doppelt ja, Englisch und Deutsch) wirklich Ausgleich! ;)

Oh, ich bin schon gespannt!

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Super persönliche Geschichte und diese tollen Fotos (vor allem mit den roten Bäckchen!), freue mich schon auf das angekündigte Sommervergnügen :D Und Respekt, dass du das auch noch alles auf Englisch publizierst!