LEBEN AM BACH - eine Erzählung (3)

in #deutsch3 years ago (edited)

Meine Heimat ist Kärnten, genauer gesagt, das Gailtal. Ich wuchs in den Sechziger- und Siebzigerjahren in einem schlichten Einfamilienhaus am Hermagorer Mühlbach auf, im sogenannten Oberen Markt des von Bergen eingesäumten Städtchens, da wo das Gitschtal mit seinem Fluss Gössering ins Gailtal mit der gefürchteten Gail übergeht. Von meinen naturverbundenen Erinnerungen handeln die Episoden „Leben am Bach“.

Teil 3 Leben am Bach - eine Erzählung

https://reflexionen.wordpress.com/erzahlungen/erdachtes/erlebtes/muehlbach-stocksteinerwand/ (hier befindet sich eine frühere Fassung, die ich nun komplett überarbeite)

Gebräuchliche Kinderspiele

Beim Fangenspielen mussten die großen Bäume im Park zum „Einschauen“ herhalten. Es gab da auch ein Kinderspiel namens „Zimmer, Küche, Kabinett“, an dessen Spielregeln ich mich1lebenambach_5510.JPG nicht mehr genau erinnern kann. Tempelhüpfen übten nur die Mädchen.

Kinderspiele:

http://www.spielewiki.org/wiki/Tempelh%C3%BCpfen
http://www.antoniabarboric.info/wordpress/wp-content/uploads/2014/04/Spiele-4.pdf

„Schneider, Schneider, leih‘ mir die Scher’…“ war ein weiteres Spiel, das mir irgendwie unheimlich war, denn eine Schere, das hatte für mich etwas Gruseliges., überhaupt so aus dem Zusammenhang gerissen, wo doch weder eine Schneiderwerkstatt noch eine Schere vorhanden waren, sondern nur die Kastanienbäume, die mir riesig erschienen, als stumme Zeugen.. Ich fürchtete mich damals sogar vor den anderen Kindern, die bisweilen sehr forsch und laut waren und in meine zurückgezogene Welt etwas Grelles brachten.

Kinderspiele:

https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%A4uber_und_Gendarm
http://www.sagen.at/doku/kinderreime/schneider_schneider.html

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Wenn wir Kinder uns weiter hinein in den Gösseringgraben (die Einheimischen nennen ihn kurz den “Graben“) trollten, der wie der Schützenpark vom Gösseringfluss auf der nördlichen und vom Mühlbach auf der südlichen Seite begrenzt war, brachten sich häufig die Buben mit dem Kinderspiel-Klassiker „Räuber und Gendarm“ ein und dominierten das Spiel.

Holzstöße, mit Wellpappe zugedeckt, säumten den ersten Teil der Strecke in den Graben und boten sich ideal zum Verstecken a, wie überhaupt das Gebiet als Spielgelände bestens geeignet war für spannende Dramen mit friedlichem Ausgang.

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Eine bunte Kinderschar

Die Namen sind weg, auch die Gesichter…

Es gibt keine Fotografien von diesen Spielgefährten, kein Bild von uns beim Spiel. Ich glaube mich zu erinnern, dass die Dekan-Kinder dabei waren, vermutlich auch Kinder aus der „Neuen Heimat“ und vom Thurnfeld. Aber ich müsste mich hypnotisch in diese Zeit zurückversetzen lassen, um mich zu entsinnen. Ich höre noch die Rufe, die hastigen Schritte...

In der Schule wurden wir nach Jahrgängen sortiert und kamen kaum jemals in Konmtat mit älteren oder jüngeren Mitschülern. Hier aber in freier Wildbahn entstanden lose Rudel, in denen die aktiveren Kinder tonangebend waren, unter den Burschen die wildesten, aber keiner fragte nach dem Alter. Wenn es den Kleinen zu wild wurde, schauten sie halte einfach nur zu.

Damals gab es viel mehr Kinder in jedem Haus als heute. Heute wird vor jedem Besuch telefonisch nachgefragt, werden Termine vereinbart. Das Wort „Termin“ kannten wir damals gar nicht.

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Die alte Baracke

Ein Stückchen weiter, an Wiesen und Obstgärten vorbei, stand eine hölzerne Baracke, die längere Zeit als simple Jugendherberge diente. Nach einem verheerenden Hochwasser diente sie nur noch als Notquartier und noch später als Behausung für eine mittellose Familie und für deren Ziege. Unvergessliche Geruchserinnerungen!

Gerne hätte ich ein Foto oder eine Zeichnung von diesem Gebäude – doch leider, solche unbedeutenden Behausungen wurden seinerzeit nicht für die Nachwelt fotografisch festgehalten.

Nun ist auch im Gösseringgraben alles fast zu gesittet und zu ordentlich. Die Häuser und Gärten sind gepflegt. Carports sorgen für Komfort. Die Zufahrtsstraße wurde bis zu den letzten Häusern asphaltiert… Wie viel schöner war alles, als alles noch weit weniger gezähmt war und noch Wildkräuter ungestört die Straße säumten.

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Die Lacke in der Mulde

Dort wo sich rechterhand die Baracke befand und linkerhand das Gasser-Haus steht (wobei ich nicht weiß, ob es damals schon errichtet war), unterhalb vom Thurnfeldweg, der steil bergan zum Kirchlein Maria Thurn führt, konnte man links in einen ganz kurzen Feldweg abbiegen. Nur wenige Schritte weiter führte eine kleine Brücke über den Mühlbach.

Dort fanden wir Kinder mit ein wenig Glück nach der Schneeschmelze und nach starken Regenfällen eine „Lacke“ vor, also eine Wasserstelle vor, die sich eine Zeitlang hielt. Um sie herum spielten wir. Das Areal ringsum war leicht sumpfig, wenn auch kein regelrechter Sumpf. Das Wiesengras an den Ufern des kleinen Teiches stand zeitweise unter Wasser. Was für eine helle Freude, wenn wir dort ein paar Unken entdeckten!

Es gelangten kaum Sonnenstrahlen auf dieses Wiesenstück, denn westlich davon ragte ein Waldstück empor und beschattete den Fleck auch im Sommer längere Zeit.

Dieses Biotop hatte etwas Interessantes für uns. Die Mädchen hielten auf der halbschattigen Wiese Ausschau nach Blumen und liefen zwischen Mühlbach und Lacke hin und her. Gerne flochten wir Kränze oder Ketten aus großen Blüten oder zupften an den Rispen der Gräser.

Die Buben waren eindeutig die lautere Truppe und verleiteten uns manchmal ebenfalls zu waghalsigem Tun wie Klettern und Balancieren, zum Erkunden eines abgesperrten Überlaufs…

Damals machte sich kein Erwachsener Gedanken darüber, ob solche Areale abzusichern seien. Wir spielten überall unbeaufsichtigt und auf eigene Gefahr – und nie ist etwas passiert!

Das Floß

Besonders schöne Erlebnisse in dieser Mulde wurden unserer kleinen Schar einige Zeit zuteil, als irgend jemand ein schlichtes Floss aus ein paar Brettern geschaffen hatte.

Vermutlich war da ein wohlwollender Onkel oder Papa im Spiel gewesen, aber es sprach sich nicht bis zu mir durch und – ja, seltsam, man hinterfragte so etwas gar nicht, es WAR einfach.

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Die mutigsten Buben wagten sich auf dieser schwankenden Unterlage auf den winzigen Teich und versuchten sich mit großen Haselnussstecken mehr oder weniger erfolgreich fortzubewegen.

Irgendwann war das Floss nicht mehr da, und dann folgten überhaupt trockenere Jahre.
Die Lacke bildete sich immer seltener, um schließlich ganz auszubleiben.

Die sanfte Betrübtheit, die diese Beobachtung in mir auslöste, war für mich mit der Lehre verbunden, wie sehr irdische Vergnügen von äußeren Umständen abhängen und vergänglich sind.

Fotos von den unserem Treiben gibt es zwar nicht, dafür kann ich euch hier eine kleine Überraschung bieten.

Einen Kurzfilm von mir, den ich gemeinsam mit meinen beiden jünsten Söhnen vor vielen Jahren schuf. Da ist eine Ahnung vom Zauber meines geliebten Mühlbachs zu spüren:

Das Filmchen "Magic Mühlbach" entstand im Jahr 2007. Viel Vergnügen!

Ich freue mich, wenn euch auch diese Episode von "Leben am Bach" gefallen hat.

Fortsetzung folgt!

Teil 1 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-1
Teil 2 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-2

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Sweet! Sicher eine nette Gegend um mal eine Auszeit vom Stadtrummel zu nehmen. Tolle Bilder.