Leben am Bach - eine Erzählung (4)

in #deutsch3 years ago (edited)

Meine Heimat ist Kärnten, genauer gesagt, das Gailtal. Ich wuchs in den Sechziger- und Siebzigerjahren in einem schlichten Einfamilienhaus am Hermagorer Mühlbach auf, im sogenannten "Oberen Markt" des von Bergen eingesäumten Städtchens, da wo das Gitschtal mit seinem Fluss Gössering ins Gailtal mit der gefürchteten Gail übergeht. Von meinen naturverbundenen Erinnerungen handeln die Episoden „Leben am Bach“.

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Die Viehstangen

Wenn uns Kindern noch Zeit blieb und wenn wir noch ein Stückchen im „Graben“ weiterliefen, gelangten wir zu einer großen Grünfläche, auf der in gleichmäßigen Abständen in ca. einem Meter Höhe Eisenrohre von ca. acht Zentimeter Durchmesser angebracht waren. Auch wenn wir Kinder wussten, dass diese Stangen zum Anpflocken von Rindern dienten, bei den gelegentlich stattfindenden Viehmärkten, so blendeten wir diese Verwendung, mit der wir uns nicht identifizieren konnten, völlig aus. Diese „Stangen“, wie wir sie nannten, waren ein fantastischer Spielplatz. Sie dienten uns zum Balancieren, wir schaukelten daran herum und tollten dazwischen umher.

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Hier eine Aufnahme, die die Wiese zeigt, den ehemaligen Viehplatz, der Spazierweg war wegen einer Baustelle ein wenig verwüstet; hier ist heutzutage nun nur ein einfacher Spielplatz.

Diese mächtigen Stangen blieben uns noch lange zum Spielen erhalten, als die Viehmärkte nicht mehr abgehalten wurden. Meines Wissens gibt es weder Fotos von dem Markt noch von dieser Einrichtung. Ich weiß noch, wie sie sich anfühlten und nach Eisen und leichtem Rost rochen.

Abhärtung

Auf der Seite der kleinen Wiese, die dem Gösseringfluss zugewandt ist, führt ein kurzer Fuhrweg zum Fluss und setzte sich auf der anderen Seite des Flusses fort, eine sogenannte Furt also. Bei niedrigem Wasserstand war der Fluss mit einem Traktor gut zu durchqueren. Diese flachere gut zugängliche Stelle und die Uferzonen wurden von uns gerne ins Spiel integriert.

Für mich war es ein Platz zum Abhärten. Das Wasser kommt von den Bergen und ist auch im Sommer sehr kalt. Jedes Jahr watete ich im Wasser. Anfang war das nur ein paar Sekunden auszuhalten, nach konsequenten Wiederholungen immer länger und nach einigem Training konnte ich minutenlang im Uferbereich im Wasser stehen und gehen. Es war herrlich belebend. Von Kneippkuren hatten wir keine Ahnung. Uns Kinder interessierte nur, dass wir im Wasser spielen konnten!#

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Meine Plastik-“Kroki“ und echte Wasserbewohner

Öfter als mit anderen Kindern war ich allein unterwegs oder in Begleitung von Angehörigen. Ich kann mich dunkel erinnern, dass bei solchen Spaziergängen mit Eltern oder Großeltern auch Spieltiere oder Teddys mit dabei sein mussten, als ich mich im Vorschulalter befand.

Das Baden eines kleinen aufblasbaren gelbgrünen Krokodils, das ich an einem Vorfrühlingstag mit einen Bindfaden ins Wasser setzte, und zwar in simple Pfützen aus Tauwasser, die sich auf dem naturbelassenen Spazierweg breit machten, hat mich sehr begeistert. Der erdige Geruch der Pfütze, vermischt mit dem Duft des Schmelzwassers...

Damals war alles viel belebter als heute. Sogar in solchen Pfützen konnte man Unken entdecken, das sind entzückende Tierchen aus der Familie der Froschlurche, die auf der Bauchseite eine gelbschwarze Zeichnung aufweisen. Obwohl wie ermahnt wurden, die Unken nicht zu stören, drehten sie manchmal um, um ihre Bäuchlein zu sehen. Sie waren für uns kleine selbstverständliche Naturwunder.

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Das hier ist keine Unke, sondern eine junge Erdkröte, aber ich habe kein Unken-Foto greifbar...

Später lief oder radelte ich allein mit dem für mich übergroßen und viel zu schweren Fahrrad, das mir meine Mutter lieh, in den Graben und beobachtete Tiere und Pflanzen. Bilde ich mir ein, dass damals weit mehr krabbelte und eine größere Vielfalt von Arten vorhanden war? Oder nahm ich damals alles aufmerksamer und intensiver wahr und war von meinen Entdeckungen so sehr beeindruckt?

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Im Herbst sammelte ich die bunten Blätter, wenn sie sich von den Bäumen ablösten. Ganz besonders mochte ich die schön ausgeformten und gezackten Blätter der Ahornbäume von der Allee längs dem Viehplatz und presste sie zwischen Zeitungsblättern.

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Maikäfer sammeln

Heute gibt es keine Spur mehr von dem Viehplatz. Und wohl auch kaum mehr Erinnerungen daran, dass in Zeiten der Maikäferplage auf diesem Platz eine Abgabestelle für de gesammelten Käfer eingerichtet wurde. Dort fanden sie ihr Ende.

Groß und Klein, Alt und Jung war durch eine „Maikäfer-Sammel-Verordnung“ angehalten, Maikäfer zu sammeln. Wer nicht sammelte, musste eine Art Geldbuße entrichten.

Wir Kinder verdrängten jeden Gedanken an die unvermeidliche Vernichtung der Käfer nach unserer Sammeltätigkeit, auch wenn der Geruch der verbrühten Insekten weithin wahrzunehmen war. Wir freuten uns über das bisschen Geld, das wir für das Sammeln erhielten.

Längere Zeit bestand wegen der verheerenden Maikäferplage also eine Abgabepflicht für jeden Haushalt. Schulklassen rückten in den frühen Morgenstunden aus, um die klammen Krabbler von den Bäumen und Sträuchern zu lösen und in Eimer abzustreifen. So makaber es klingt, aber gerade beim Maikäfersammeln habe ich die schönen Aspekte des Frühaufstehens, des Erlebnisses des morgendlichen Aufwachens der Natur, schätzen gelernt.

Nein, ich hatte gar nichts gegen diese Krabbeltiere. Einzeln betrachtet sind sie wunderschön. Kälte macht sie klamm, sie lassen sich leicht von den Blättern, ihrer Nahrungsquelle, pflücken. Durch die Handwärme beginnen sie zu krabbeln, und das piekst und kitzelt ganz eigenartig.

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Meine Eltern zeigten mir aber auch die Raupen der Maikäfer, die Engerlinge, die aussehen wie fette weiße Würmer, und klärten mich über den großen Schaden auf, die diese Schädlinge in den Gärten und in der Landwirtschaft anrichteten, so auch in unserem Gemüsegarten. „Entsorgt“ wurden sie von den Anrainern des Mühlbachs auf einfache Weise: Sie traten, wie man zu sagen pflegte, eine „Seereise“ zur Donau an und schließlich ins Schwarze Meer.

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Weinbergschnecken

Was mich eines Tages dazu bewegt hat, einen ganzen Schuhkarton voller Weinbergschnecken entlang der beiden Bäche einzusammeln und sie ins Haus zu tragen, kann ich mich nicht mehr entsinnen. Kann sein, dass ich die Anregung zu meiner Missetat einem Kinderbuch von Ludwig Thoma verdanke, das ich der örtlichen Bibliothek der Arbeiterkammer entlehnte. Ich weiß es nicht mehr genau. Möglicherweise habe ich eine Variante des Maikäfer-Streichs von Max und Moritz ausprobieren wollen.

Wie dem auch sei, die Weinbergschnecken blieben natürlich nicht ruhig. Irgendwann hob sich der Deckel des Schuhkartons mitten in der Küche, und die Weinbergschnecken trachteten danach sich zu befreien. Sie kamen nicht weit und mussten von mir nach einer heftigen Zurechtweisung wieder zurück zum Waldrand gebracht werden, wo ich sie im nassen Gras eingesammelt hatte.

Für viele Leute sind Weinbergschnecken ein kulinarischer Genuss. Heute sind sie in freier Natur eine gefährdete Art und werden für solcherlei Gourmets eigens gezüchtet. Nicht einmal im Krieg wäre man aber hierzulande auf die Idee gekommen, diese Tiere zu verspeisen, weil es völlig unüblich war.

Heute kommt der Verzehr von Heuschrecken, ja sogar von Maden, in Mode. Wenn man bedenkt, dass in manchen Regionen Bestimmtes gegessen und andere Nahrungsmittel verschmäht werden,die in anderen Regionen als Leckerbissen gelten, beginnt man so seine Überlegungen anzustellen.

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Man kommt ins Grübeln, warum die Menschen über Heuschreckenplagen klagen, die ihre Ernte vernichten, statt sich über die Riesenmenge an nahrhaften Getier zu erfreuen, welches ihre Nahrungsversorgung auf andere Weise sichergestellt hätte. Oder aber es handelt sich bei den gefürchteten Wanderheuschrecken um eine ungenießbare Spezies.

Sind die Menschen unflexibel? Liegt es an mangelnden Konservierungsmöglichkeiten? Hat es mit ihren Glaubens- und Wertvorstellungen zu tun? Kann falscher Stolz ursächlich sein? Waren falsche Ratgeber (oder gar keine) zur Stelle? Oh, ich neige dazu, ins Philosophische abzugleiten. Wieder einmal ist es gerade geschehen!

Im nächsten Teil erzähle ich vom Wasserfall, Kraftplätzen und Naturgewalten...

Bisher in dieser Reihe erschienene Beiträge

Deutsch

Leben am Bach – eine Erzählung 1 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-1

Leben am Bach - eine Erzählung 2 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-2

Leben am Bach – eine Erzählung 3 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-erinnerungen-3

Englisch

Life at the Brook (narration, part 1) https://steemit.com/story/@martinamartini/life-at-the-brook-narration-part-1

Life at the Brook (narration, part 2) https://steemit.com/story/@martinamartini/life-at-the-brook-narration-part-2

Life at the Brook (narration, part 3) https://steemit.com/story/@martinamartini/life-at-the-brook-narration-3

https://reflexionen.wordpress.com/erzahlungen/erdachtes/erlebtes/muehlbach-stocksteinerwand/

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Sehr schöner Beitrag, habe ich mit großer Freude gelesen. Danke!

Danke, manchmal braucht man etwas Ermutigung! Ich bemühe mich um Niveau, auch bei dieser alltäglichen Geschichte!

Klasse Beitrag, gefällt mir echt gut. Habe irgendwie die Teile davor verpasst, vielleicht schaffe ich es die Tage mal reinzuschauen :)

Freut mich, dass du mein schlichtes Mini-Epos magst! Bei mir kommt momentan auch alles ein bisschen zu kurz, weil rundum so viel zu tun ist. Auch ich möchte deinen Posts einen ausgiebigen Gegenbesuch erstatten!

Was heißt schlicht, finde die Ansprüche sollte man nicht zu hoch schrauben ist ja keine Plattform für Journalismus. So wie es ist, ist es super und schon ein großer Unterschied zu einigen anderen Beiträgen.

Habe in letzter Zeit keine Zeit gehabt Beiträge zu schreiben & mache mir da auch keinen Stress, daher wirst Du keinen finden :)

Einen schönen Tag noch und viele Grüße.

Da wünsche ich dir, dass es bei dir bald wieder mehr Zeit fürs Steemen gibt... Schlicht meine ich auch bezüglich der unspektakulären Themenwahl.Ich begann, meien Erinnerungen auszugraben, weil der Mühlbach wegen eines Kleinkraftwerkprojektes gedrosselt wurde und von Stillegung bedroht ist. Allein kann ich zwar nichts bewirken, aber ich wollte auf den Wert unseres Naherholungsgebietes hinweisen und hoffe, dass dies nicht zum Requiem wird...

Wunderschön was du da schreibst! :)
Ich kann mich selbst in vielen deiner angesprochenen Erlebnissen wiederfinden!

Fein, und ich denke und hoffe, da werden wir auch mal was davon vernehmen...! :)