Der Patient - Der Alte Commodore [#5]

in #deutsch8 years ago

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Der Alte Commodore


Auch am nächsten Morgen fühle ich mich noch immer schlapp und energielos, ganz anders, als ich es im Eigentlichen gewohnt bin. Nur mit Mühe gelingt es mir, mich aus meinem Bett zu bewegen und dazu zu überwinden, die Kaffeemaschine in Gang zu setzen. Doch nach nur wenigen Minuten stehe ich schließlich auf meiner uneinsichtigen Dachterrasse, von der ich einen grandiosen Blick auf die vor mir liegende Stadt besitze. Es dauert eine Weile, doch schließlich komme ich zu mir und nach einem schnellen Duschen, schlüpfe ich bereits in meine Klamotten. Ich ziehe noch meinen Mantel über und klemme mir meinen alten Commodore Rechner und den Arm, der bereits mein halbes Leben in meinem Besitz ist. Dann verlasse ich schnellen Schrittes meine Wohnung. Mit dem Fahrstuhl gelange ich ins Erdgeschoss und gleichdrauf in die eisige Kälte, die von den dicken Mauern zurück gehalten wird. Meine Terrasse ist relativ windgeschützt, nun aber, da mir der kalte Zug nur so um die Ohren zieht, wünsche ich mir, ich hätte eine Mütze um mein, nun kahles Haupt, zu bedecken. Doch ohne Mütze, dafür mit fast abgefroren Ohren und vollkommen von der Kälte durchzogen, erreiche ich schließlich mein Ziel. Ein kleines Altbauhaus in der Moskauer Innenstadt, welches aufgrund seiner seltsamen Bauweise sofort aus der Masse heraussticht. Es schaut irgendwie aus, als wären die Etagen verzerrt aufeinander gesetzt, sodass das Haus nicht wie üblich nahezu gerade empor ragt, sondern sich an jeder Ecke eine Art Erker bildet. Der Besitzer des Hauses, der gleichzeitig in alter Bekannter von mir ist, ist mehr als Stolz auf sein Heim. Ich habe ihn lange nicht mehr besucht, dabei verbindet uns doch eigentlich so viel Vergangenheit. Aber Menschen schreiten voran und dann ist, zumindest für den Moment, die Gegenwart was wirklich zählt. Nach einem kurzen Moment des Innehaltens drücke ich die goldene Klingeltaste und eine altbekannte Melodie ertönt. Seitdem ich diesen Mann kenne spielt die Klingel seines Hauses den Frühlingspart der Vierjahreszeitensymphonie von Vivaldi. Schon wenige Augenblicke nach meinem Klingeln öffnet sich die Tür und Georg steht vor mir.
"Hallo, wer ist da?", fragt er, während seine offenen Augen in meine Richtung zu blicken scheinen. George ist und war sein gesamtes Leben begeisterter Chemiker, für den die Chemie alles bedeutet. Doch eines Tages ereignete sich ein Unfall, bei dem George sein Augenlicht nahezu vollständig verloren hat. Auch wenn es zu Beginn noch Hoffnung gab, dass seine Augen sich wieder erholen und er zumindest einigermaßen sehen können würde, ist er seit nun mindestens zwei Jahren blind.
"Georg, ich bin es. Wie geht es dir mein Freund?"
Mit dem ersten Wort wusste er wer ich bin. Er war sichtlich erfreut und nahm mich zur Begrüßung in den Arm. "Wie schön, dass es dich wieder einmal hier hin verschlägt. Komm doch rein."
Ich folge ihm in seine Wohnung und wir nehmen kurz drauf in seinem Wohnzimmer Platz. In seinen vier Wänden würde ein fremder womöglich nicht einmal bemerken, dass George blind ist. Er hat alle Begebenheiten wie Positionen von Gegenständen so im Gedächtnis verankert, dass es ihm kein Problem bereitet mir ein Glas Wasser einzuschenken und dieses vor mir auf dem Tisch abzustellen.
Er setzt sich neben mich und wir beginnen uns zu unterhalten. Verwundert stellt er fest, dass wir uns bereits seit mindestens einem Jahr nicht mehr gesehen haben und so nahm er meinen Besuch zur Gelegenheit mich über die Ereignisse in dieser Zeit aufzuklären. In Anbetracht der letzten Wochen und Monate ist dieses Gespräch eine sehr angenehme Abwechslung, sodass ich meinen eigentlichen Besuchsgrund für eine Weile vergessen. Doch schließlich stößt George mich wieder darauf.
"Ein alter Commodore?" , fragt er, während seine Hände den alten Rechner ertasten, den ich vor uns auf dem Tisch abgestellt habe. "Ganz recht mein Freund. Nicht irgendeiner, sondern der aus unserer alten Wohnung."
Ein Grinsen macht sich auf Georges Gesicht bemerkbar. Er kann es wohl nicht glauben, dass dieses alte Teil, auf dem wir die ersten Programmierungen lernten, immer noch existiert.
"Verzeih mir meine Neugier, aber was willst du mit dem Ding?" , lässt seine Frage nicht lange auf sich warten.
"Nun, George… Dieses alte Ding ist der eigentliche Grund meines Besuches. Ich habe ein riskanteres Vorhaben zu realisieren und muss im Notfall sicherstellen, dass das Gerät in Vertrauten Händen ist."
"Aber was ist an dem Commodore so besonders? Übersehe ich etwas?" , harkt George direkt nach. "Es ist ganz einfach. Auf diesem Commodore sind Keys zum Zugang sämtlicher, sich in meinem Besitz befindender, Kryptowährungen vorhanden. Dieser alte Commodore ist mein Offline-Wallet, wenn du so willst."
George schweigt einen Moment, dann lacht er kurz auf und schaut mich merkwürdig an. "Du bist immer für eine Idee zu haben, das war schon immer so und wird auch immer so bleiben" , witzelt er, bevor seine Miene ernstere Züge annimmt: "Aber wenn du dir diese Umstände machst, von wie viel redest du?"
Ich halte einen Moment inne, war diese Frage doch der einzige Punkt, bei dem ich nicht sicher war, welche Antwort ich geben sollte. Schließlich entschied ich mich ehrlich zu meinem langjährigen Vertrauten zu sein. "Es ist eine dreistellige Millionen-Summe."
Nun ist er sprachlos. Er versucht etwas vor sich hinzustottern und der Wortfluss versiegt so plötzlich wie er gekommen ist und George fasst sich nur an die Stirn. Da er mich gut kennt scheint er meine Aussage nicht einen Moment anzuzweifeln. Seine Gedanken gehen direkt einen Schritt weiter.
"Also ich kann dir garantieren, dass ich auf deinen Commodore Acht geben werde, wenn du das möchtest. Allerdings verstehe ich nicht, wieso ich du das wollen solltest. Was ist denn dieses besagte Vorhaben?"
Wieder warte ich einen Moment, bevor ich ihm antworte.
"Erinnerst du dich an unsere alten Gespräche, darüber ob man ein menschliches Bewusstsein auf Informationsebene speichern könnte beziehungsweise ob dieses auf Informationsebene, ohne biologische Komponenten, existieren könnte?"
Er nickt mir zustimmend zu.
"Ich werde die Antwort auf diese Frage bekommen. Deswegen bin ich hier. Und jetzt werde ich wieder gehen müssen George. Es hat mich gefreut dich wieder zu sehen, bitte pass auf dich und das alte Gerät auf."
George versucht noch mehr Informationen zu meinen Plänen aus mir heraus zu kitzeln, doch ich würge ihn ab und mache mich auf den Weg aus seiner Wohnung. "Wie willst du das denn bitte anstellen, erzähl es mir doch bitte!" , versucht er ein letztes Mal mich in meiner Entscheidung umzustimmen. Doch ich ignoriere ihn gekonnt, während mir eine graue Mütze auf seinem Kleiderständer auffällt.
"George mein Freund, die graue Mütze auf deinem Kleiderständer, könnte ich die haben?"
Etwas verdutzt schaut er in die Richtung seiner Tür, dann winkt er aber mit seiner Hand und deutet mir an die Mütze zu nehmen. In der Hoffnung, dass meine Ohren den Weg zum Doktor besser überstehen, verabschiede ich mich schließlich von George und mache mich auf den Weg.


'Der Patient' - Inhaltsverzeichnis:


#1 - Alea iacta est!
#2 - Hals über Kopf
#3 - Monolog: Vision & Anliegen
#4 - Er ist zurück
#5 - Der Alte Commodore


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