✍ TOD & SUIZID -- eine existentialistische Betrachtung (mit ALBERT CAMUS & Co) -- Teil #6 & FAZIT

in deutsch •  4 months ago 


4. Camus‘ Lösungskonzept


4.3. Folgen für die Ethik

Bar aller Hoffnung, losgelöst von den Verpflichtungen was Gott anbelangt und in der »Gleichgültigkeit der Zukunft gegenüber« (MvS S.54) verfügt der von der Absurdität durchdrungene Geist laut Albert Camus über ein größeres Verfügungsrecht seiner Handlungsfreiheit. Den sich daraus ergebende Aufschrei „Alles ist erlaubt!“ von Iwan Karamasow, den man als eine Art beglückende Befreiung ansehen könnte, möchte Camus aber ausdrücklich als Verdammnis und »bittere Feststellung« (MvS S.60) verstanden wissen; denn —

»Das Absurde befreit nicht, es bindet. Es rechtfertigt nicht alle Handlungen. Alles ist erlaubt — das bedeutet nicht, daß nichts verboten wäre. Das Absurde gibt nur den Folgen dieser Handlungen ihre Gleichwertigkeit.« (MvS S.60)

Wenn nun alle Handlungen als gleichwertig erachtet werden (müssen), so liegt es nahe, dass das Gewissen seinen Sinn und Zweck verliert; nutzlos wird. Die Folgen, die moralisch betrachtet eine Handlung rechtfertigen oder verbieten, sollen aus dieser Position heraus nach Camus »mit heiterer Ruhe« (MvS S.60) abgewogen werden. Der absurde Mensch sei bereit zu zahlen. —


5. Schlußbemerkung


Auch wenn Camus’ „Sisyphos“ teilweise ein sehr eigenwilliges Buch ist und an so mancher Stelle Widersprüche aufkommen lässt, so ist es ihm meiner Meinung nach dennoch gelungen, seiner sich selbst gestellten Forderung – der Beleuchtung der Konsequenzen der Absurdität – erfolgreich nachzukommen und ein entscheidendes Werk des Existentialismus zu schaffen.

Das Individuum ist allerdings nur in Korrelation mit der Gesellschaft denkbar, weshalb sich die Bearbeitung der Thematik der Absurdität meines Erachtens nicht nur auf Überlegungen die den Einzelnen betreffen, erstrecken darf. Die Absurdität ist vielmehr ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, für das es im Konkreten unzählige Beispiele gibt. Das „langfristige Glück“, das früher noch religiöse Institutionen geboten haben und welches dem absurden Menschen zwangsläufig verschlossen bleiben muss, weicht einer Erwartungshaltung auf ein „kurzfristiges Glück“. —

Niemand versteht sich besser darin, dem Menschen dieses dringend benötigte „kurzfristige Glück“ zu reichen, als die Wirtschaft; nicht nur, dass sie bereits bestehende Bedürfnisse zu befriedigen in der Lage ist – nein, sie glänzt auch vor Virtuosität im Erzeugen neuer Bedürfnisse. Angebote für „kurzfristiges Glück“ sind an allen Ecken und Enden zu finden und gerne ergreift der absurde Mensch in seiner Not die Hand. Hier sind einige meiner Favoriten: Alkohol; Zigaretten; die Möglichkeit des Ausweichens in virtuelle Welten; Pornographie; wertloses Essen, das mit unzähligen Geschmacksverstärkern ein Bombardement an Glücksgefühlen bewirken soll; etc. —

Es versteht sich von selbst, dass diese Dinge dem camusschen Postulat »man solle so lange als möglich leben« widersprechen; aber wie schon der einzelne absurde Geist keine Ethik im ursprünglichen Sinn mehr kennt, so hat auch die Logik der Ökonomie keinen Platz für Ethik, sofern sie ihrer Maxime, so viel Profit als möglich zu machen, gerecht werden will. — Fragwürdig ist und bleibt letztlich das ganze Ausmaß des soziologischen Zusammenhangs mit der Absurdität und dem damit verbundenen „protahierten Suizid“ und ebenso fragwürdig ist es, ob dieser Zusammenhang nicht etwas zu weit hergeholt ist. Letzten Endes muss aber auch die Gesellschaft bereit sein zu — zahlen.



ENDE


LITERATURVERZEICHNIS

CAMUS, Albert
Der Mythos von Sisyphos
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2. Auflage 1960, Reinbek bei Hamburg

CÉLINE, Louis-Ferdinand
Reise ans Ende der Nacht
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2. Auflage 2005, Reinbek bei Hamburg

de MONTAIGNE, Michel
Von der Freundschaft
Deutscher Taschenbuch Verlag, 4. Auflage 2006, München

MÖLLER, Ferdinand (Hrsg. und Übers.)
L’Art de Vivre. Citations françaises
Die Kunst zu leben. Französische Zitate
Deutscher Taschenbuch Verlag, Originalausgabe 1986, München

NIETZSCHE, Friedrich
Werke II
Ullstein Verlag, Frankfurt/M, KGA, Nachdruck der 6. Auflage von 1969; 1976

NIETZSCHE, Friedrich
Werke III
Ullstein Verlag, Frankfurt/M, KGA, Nachdruck der 6. Auflage von 1969; 1976

SARTRE, Jean-Paul
Der Ekel
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 46. Auflage 2003, Reinbek bei Hamburg

VOLTAIRE alias François Marie Arouet
Candid und andere Erzählungen
Ausgabe für Bertelsmann Reinhard Mohn OHG; Rest nicht ersichtlich

von GUENTHER, Johannes (Hrsg.)
Religiöse Lyrik des Abendlandes
Ullstein Verlag, Frankfurt/M , 1. Auflage 1958


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