Paläontologie für Nicht-Paläontologen: Das Geheimnis ist gelüftet!

in #de-stem10 months ago (edited)

Hallo Leute,

ich habe es endlich geschafft. Ich konnte das Rätsel um mein Fischfossil beinahe vollständig lüften.

Am siebten Januar dieses Jahres fand, wie immer am ersten Mittwoch des Monats, der Paläontologen-Stammtisch im hiesigen Naturkundemuseum hier in Magdeburg statt. Ich war zum ersten Mal dort, aber grundsätzlich läuft es so: Ein Wissenschaftler einer Einrichtung aus Deutschland und der Welt wird als Gast eingeladen und hält einen Vortrag über seine Arbeit. Im Anschluss fachsimpeln die Leute dann noch ein bisschen und man kann eigene Fossilien oder Fragen mitbringen. Ursprünglich war ein Wissenschaftler eingeplant, welcher einen Vortrag über die Evolution des Hörens halten sollte. Da dieser krank war sprang kurzfristig Dr. Ilja Kogan von der Bergakademie in Freiberg ein. Dr. Kogan hielt ein interessantes Referat über die Digitalisierung von Fossilien. Dies ist sehr wichtig, denn dadurch kann man einfach mittels 3D-Drucker die Fossilien vervielfältigen und alle Forscher der Welt können darauf zugreifen. So geht die Erforschung schneller und man vermeidet Schäden am Objekt. Außerdem gewinnt man oft Einblicke, die so sonst nicht möglich gewesen wären. Mittels MRT ist beispielsweise ein Blick ins Innere möglich. Darüber hinaus kann man mit digitalisierten Fossilien das Objekt in „Reallife“ simulieren und somit etwas über die Lebensweise des Tieres erfahren. Herr Dr. Kogan stellte quasi die Zukunft der Paläontologie vor. Großartig! Und als ob dies noch nicht bemerkenswert genug war, wurde Herr Dr. Kogan als Fachmann für Fische entlarvt. Dies wurde am Anfang beiläufig erwähnt und so konnte ich es kaum erwarten ihm nach dem Vortrag endlich das Fischfossil zu zeigen.

Gemäß den bereits gemachten Erkenntnissen aus meinem letzten Post zum Thema handelte es sich tatsächlich um einen Fisch aus dem frühen Perm. Die vermeintliche Gesteinsschicht bzw. Zeitepoche ist jene des Rotliegend. Das Rotliegend entstand vor etwa 300 Millionen Jahren und endete vor ca. 260 Millionen Jahren. Das Rotliegend ging also über das Ende des Perms vor 250 Millionen Jahre hinaus. Witzigerweise stammt das Wort Rotliegend aus dem Mansfelder Land, also jener Region wo auch ich einst herkam. Die Bergleute bezeichneten jene Schicht, die über der brauchbaren Kupferschieferschicht lag, als rotliegend, daher der noch heute geläufige Begriff. Sollte mein Fisch etwa ein waschechter Mansfeller sein??? Nun, Herr Dr. Kogan ging davon aus, dass der Schiefer auf welchem sich der Fisch befindet eher aus dem Thüringer Wald stammt. Egal!


Um welchen Fisch handelt es sich nun?


Zunächst war klar, dass es sich um einen Knochenfisch (Osteichthyes) und hier um einen Strahlenflosser (Actinopterygii) handelt. Zur Information: Die meisten Knochenfische sind Strahlenflosser. Es gibt auch noch Fleischflosser wie unseren geliebten Quastenflosser und den Australischen Lungenfisch. Die Fleischflosser sind aber nur noch selten vertreten und waren wahrscheinlich einst jene Fische, welche ans Land gekrochen sind. Durch ihre fleischigen Flossen konnten sie sich gut außerhalb des Wassers fortbewegen. Berühmtestes Beispiel ist hier der Tiktaalik.

Abbildung 1.: Der Tiktaalik, wahrscheinlich unser aller Vorfahre, bahnt sich den Weg an Land! Wikipedia CC BY-SA3.0 .

Aber wie gesagt, mein Fisch war ein Strahlenflosser und kein Fleischflosser. Herr Dr. Kogan hatte zunächst eine Vermutung und ging von Paramblypterus aus (Abbildung 2).

Abbildung 2.: Die erste Annahme war, dass mein Fossil der Friedfisch Paramblypterus sei. Dies erwies sich aber als Trugschluss. Wikipedia CC BY-SA3.0 .

Diese Annahme musste er allerdings nach einem Blick durch sein Binokular schnell revidieren. Herr Dr. Kogan stellte nämlich fest, dass mein Fossil über sogenannte Ganoidschuppen verfügte. Ganoidschuppen sind mit einer Art Schmelz überzogene Schuppen, welche häufig ineinander hacken. Ihr könnt in Abbildung 3A. sehen, dass die Schuppen durch eine Art Fortsatz miteinander verbunden sind. Diesen Fortsatz sieht man allerdings nicht, denn er liegt auf der Fischhaut auf (3A & B). Dennoch sind die Schuppen durch ihre rhombische Form sehr leicht zu erkennen.



Abbildung 3.: Schematische Darstellung von Ganoidschuppen (A) und Handyfoto mit schlechter Auflösung (B). Made by Chapper - unrestricted use allowed!

Heutzutage haben nur sehr wenige Fische derartige Schuppen. Ein Beispiel sind hier Flösselhechte. Solche Kameraden wollte ich mich mir auch mal für mein Aquarium holen. Die werden aber sehr groß und sind auch ziemlich aggressiv. Ich hole mir die später, wenn ich genug Geld für solche Luxusgüter verdient habe.

Zurück zum Thema: Neben den Ganoidschuppen, hatte mein Fossil noch eine weitere Besonderheit, nämlich kleine spitze Zähne. Unter dem Binokular konnte man wunderbar diese kleinen Zähnchen sehen. Leider kriege ich es mit so einer Lupen-App an meinem Smartphone von der Auflösung her nicht hin die Zähnchen ausfindig zu machen. Sobald mir vernünftige optische Werkzeuge zur Verfügung stehen, reiche ich die Zähne nochmal nach. Bis dahin müsst ihr euch mit der unscharfen Abbildung zufriedengeben (Abbildung 4).



Abbildung 4.: Unglücklicher Versuch mit einer App auf meinem Smartphone das Gebiß meines Fischfossils zu untersuchen. Made by Chapper - unrestricted use allowed!

Wie dem auch sei. Da es sich bei Paramblypterus um einen Friedfisch handelte, welcher keine Ganoidschuppen trug, war dieser nun endgültig raus!

Herr Dr. Kogan hatte allerdings eine andere Vermutung, und zwar Rhabdolepis.

Die Recherche zu dieser Art Fischen gestaltet sich äußerst schwierig. Über Researchgate haben mir ein paar Wissenschaftler Literatur zukommen lassen. Leider ist über Lebensweise etc. nur wenig bekannt. Immerhin gibt es bei Wikipedia eine Abbildung der vermeintlichen Übergruppe von Rhabdolepis, die sogenannten Elonichthys.

Ein deutscher Paläontologe namens Thomas Schindler hat diese dort einst mit rein klassifiziert. Wie ihr im Bild sehen könnt ist die Schwanzflosse von Elonichthys aber eher symmetrisch. Jene von Rhabdolepis war den Angaben von Dr. Kogan nach aber wahrscheinlich asymmetrisch. Dies lässt sich anhand meines Fossils jedoch nicht nachweisen, denn es fehlt das untere Stück der Schwanzflosse.

Vergleich selbst:


Abbildung 5.: Vergleich meines Fischfossils (A) mit der vermeintlichen Übergruppe Elonichtyhs (B). A. Made by Chapper - unrestricted use allowed! B. Wikipedia CC BY-SA3.0.

Nichtsdestotrotz ist meine Spurensuche nun vorerst beendet.


Ich fasse daher zusammen:


Mein Fisch stammt auch dem Unteren Perm und hier aus dem Rotliegend. Es handelte sich um einen Strahlenflosser und verfügte über Ganoidschuppen wie heute nur noch Störe oder Flösselhechte. Außerdem war mein Fisch ein Räuber, welcher vermutlich im Mansfelder Land oder dem Thüringer Wald sein Unwesen trieb. Sein Name war allem Anschein nach Rhabdolepis.

Ein Glück!

Nun kann ich endlich wieder ruhig schlafen.

Vielen Dank fürs Lesen

Euer Chapper

*Neben den Knochenfischen existieren heute nur noch die Knorpelfische zu denen Haie, Rochen und Chimären gehören.


Quellen:


M.J. Benton, Vertebrate palaeontology, 4th ed., Wiley Blackwell, Chichester, 2015

R. Dawkins, Y. Wong, Geschichten vom Ursprung des Lebens: Eine Zeitreise auf Darwins Spuren, 1st ed., Ullstein, Berlin, 2009.

Thomas SCHINDLER und Oliver HAMPE, Eine erste Fischfauna (Chondrichthyes, Acanthodii, Osteichthyes) aus dem Permokarbon Niederösterreichs (Zöbing, NE Krems) mit paläoökologischen und biostratigraphischen Anmerkungen, Beitr. Paläont., 21:93-103, Wien 1996

D., L., Wie der Fisch Beine bekam. GeoKompakt, 2010.


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bald ist ja auch schon wieder Ostern :-)

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Naja, ein wenig dauert es schon noch bis dahin!

Da sind locker 5 Chappzilla-Sendungen drin.

Gruß

Ich finde es schön, dass du mit deinen Recherchen so weit gekommen bist! Und hier hat sich wohl einmal wieder gezeigt dass (auch hochkarätige) Wissenschaftler hilfsbereit gegenüber Laien sind, wenn sich diese in entsprechender Weise nähern und ein interessantes Puzzle mitbringen.

Ja der Stammtisch war wirklich eine angenehme Sache. Ich werde das nächste Mal wieder hingehen. Dümmer werde ich bestimmt nicht dadurch. Grüße


Hey @chappertron, here is a little bit of BEER from @condeas for you. Enjoy it!

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Nun kann ich endlich wieder ruhig schlafen😄

I follow this investigation with amusement, because it reminds me of the way I pursue an interest, once it has taken hold.

Thank you for this engaging update on your fish fossil :)

Hey @agmoore, I really enjoyed the discovery. And I will also attend the next meeting of the paleontology community here in the city. Unfortunately, we will leave the town in the upcoming weeks/months. Let's see what comes next.

Regards

Chapper

Da ist er wieder. Geil dass du das mit dem Fossil noch durchsetzen konntest. Vielleicht sehen wir noch einen Kariere wechsel? :D

In der Tat wollte ich früher immer Dino-Forscher werden, aber dann wurde kam ich in die Schule und wurde eingedampft. Shit happens

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