Über alle Maaßen

in politik •  16 days ago

Man hat es dieser Tage wirklich nicht einfach als halbwegs rationaler Mensch. Wirklich nicht.
Die Geschehnisse in und um Chemnitz verdeutlichen das nur zu gut.

Hans-Georg_Maaßen_02.jpg
Quelle

Zuerst einmal: Ein Mensch ist auf furchtbare Weise zu Tode gekommen. Das sollte eigentlich Anlass zur Trauer und nicht zur Politisierung sein. Aber das Deutschland des Jahres 2018 lässt sich von solchen Trivialitäten nicht sonderlich beeindrucken und ist sogleich eifrig dabei, das tragische Ereignis in ein Politikum internationalen Ausmaßes zu verwandeln.
Es ist in letzter Instanz auch recht unerheblich, welche politische Seite nun mehr zur Skandalisierung beigetragen hat – viel interessanter sind die darauf zu beobachtenden Reaktionen.
Daniel H. wurde Opfer von Menschen mit schlechten Absichten. Da die vermutlichen Täter aus dem Irak bzw. Syrien stammen, war das natürlich Wasser auf die Mühlen jener, die seit Jahren nicht müde zu betonen werden, dass es ein gigantisches Problem mit Massenimmigration gibt und Daniel noch Leben wäre, wenn Angela Merkel nicht ihr berühmt-berüchtigtes „Wir-schaffen-das“-Mantra vorgebetet hätte.
Vielleicht haben sie sogar Recht damit. Ich weiß es nicht und bin auch nicht willens, mich zu halbgaren Spekulationen hinreißen zu lassen. Welche Ursache-Wirkungs-Beziehung hier konkret vorherrscht, lässt sich zum momentanen Zeitpunkt unmöglich sagen und vielleicht werden wir es nie genau erfahren. Trotz dieser Ungewissheit sahen sich vor allem rechtsgerichtete Kräfte allerdings nicht daran gehindert, Daniels Tod zu nutzen, um ihre eigenen Forderungen auf die Straße zu tragen und es „denen da oben“ mal wieder richtig zu zeigen.
Dass Daniel H., selbst Migrant, zufolge ihm nahestehender Menschen zeit seines Lebens nichts mit nationalistischem Gedankengut anfangen konnte – geschenkt.
Der Tote kann sich nicht wehren, also kann man ihn auch für die eigene Politik instrumentalisieren. Pietät scheint dieser Tage ohnehin überbewertet.

Im Zuge dieser Demonstrationen soll es zu regelrechten Hetzjagden auf Menschen, die sich als nicht genuin „deutsch“ identifizieren ließen, gekommen sein.
An dieser Stelle betritt nun also Hans-Georg Maaßen die Bühne. Seines Zeichens Verfassungsschutzpräsident mit fragwürdigem Demokratie- und Pressefreiheitsverständnis. Es handelt sich hierbei nämlich um denselben Maaßen, der Blogger strafrechtlich verfolgen lassen wollte, die über die NSU-Affäre berichteten. Dieser feine Herr vermutet nun also, dass ein Video, das die gewalttätigen Übergriffe in Chemnitz zeigt, nicht authentisch sei (wofür er, natürlich, keinerlei Beweise liefert).
Bezeichnend an dieser Angelegenheit ist auch, dass Maaßen es nicht für nötig erachtete, diese Vermutung vorab intern zur Diskussion zu stellen und ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, bevor er damit an die Öffentlichkeit ging. Man könnte beinahe zur Ansicht gelangen, dass der Verfassungsschutzpräsident nicht viel von klassischer Ermittlungs- bzw. Recherchearbeit hält und Spekulationen belastbaren Beweisen vorzieht. Da wundert es natürlich wenig, dass sich der Verfassungsschutz so schwer mit der Aufklärung der NSU-Affäre tat, wenn bereits die Chefetage nicht viel mit gezielter Aufklärungsarbeit gemein hat. Vorbildfunktion und so.

Natürlich äußert er nur „Vermutungen“ und will sich auch gar nicht zu einer definitiven Aussage hinreißen lassen. Das ist allerdings ein sehr durchschaubarer Trick der politischen Kommunikation. Die Worte von jemandem in seiner Position tragen immer Gewicht – egal, wie abwägend er sie formuliert. Das ist ihm mit ziemlicher Sicherheit auch bewusst (es kommt schließlich nicht von ungefähr, dass er sich bewusst zuallererst an die Öffentlichkeit gewandt hat).
Ihm ist vermutlich ebenso bewusst, dass das Gros der besorgten Hutbürger diese feinen Nuancen zwischen „Vermutung“ und „Beweis“ geflissentlich zu ignorieren versteht. Manche freuten sich bereits, dass es nun „amtlich“ sei, dass das Video ein Fake ist, weil quasi von höchster Stelle bestätigt.
Der ehrlich besorgte deutsche Hutbürger von nebenan frohlockt gerade, hat er es doch „schon immer gewusst" und die ganze „Lügenpresse" war an der Farce beteiligt.
Es ficht hingegen nicht an, dass eben jene „Lügenpresse" nun exakt auch über die von Maaßen geäußerten Zweifel berichtet. Wenn die „Lügenpresse" grundsätzlich lügt (daher der Name), warum glauben die Hutbürger nun plötzlich eben jener? Vielleicht lügt auch Maaßen, schließlich liefert er keinerlei Belege für seine Behauptungen und schlichte Vermutungen sind kein hinreichender Beleg für irgendwas.
Tatsächlich scheint die Überlegung, dass Maaßen hier aus politischem Kalkül handelt, nicht allzu weit hergeholt sein. Denn entgegen der Aussage des Verfassungsschutzpräsidentes deuten die Anzeichen durchaus darauf hin, dass die Authentizität des Videos verifizierbar ist. Patrick Gensing und dem Faktenfinder der Tagesschau zufolge sprechen viele Anhaltspunkte für die Echtheit des Videos und Betroffenenberichte scheinen diese These zu stützen.
Nun kann man das Ganze natürlich immer noch für eine gigantische Verschwörung halten und glauben, dass das Video nicht die tatsächlichen Geschehnisse widerspiegelt, allerdings erscheint diese Vermutung ähnlich weit hergeholt wie Maaßens Zweifel.
In der Wissenschaft gehört es zum guten Ton die eigenen Behauptungen (Hypothesen) mit diese Behauptung unterstützenden Beweisen zu untermauern. Nun kommt öffentliche Kommunikation natürlich nicht gleichzeitig einer wissenschaftlichen Herangehensweise gleich, aber es kann nicht schaden, sich ein paar grundlegende Ideen davon abzuschauen.
Maaßen hat bisher nichts dergleichen getan, sondern streut ganz bewusst Zweifel, ohne dafür irgendeinen Beleg zu erbringen. Das ist im aktuellen politischen Klima nicht nur hochgradig unverantwortlich, sondern ebenso unwürdig für einen Menschen in seiner Position.

Problematisch daran ist vor allem auch, dass genau der von mir prognostizierte Effekt eintritt: Quer über alle sozialen Medien hinweg freuen sich die üblichen Verdächtigen gerade wie Bolle, dass Maaßen diese Aussage getroffen hat. Fakten interessieren dabei nicht.
Das Ganze scheint ein hervorragendes Beispiel für den sogenannten „Bestätigungsfehler“ zu sein – also die Auswahl sowie Interpretation von Ereignissen in einer Art zu vollführen, dass sie die eigenen Erwartungen bestätigen. Den Hutbürgern ist doch völlig schnuppe woher irgendeine Information kommt – solange sie nur das eigene Weltbild bestätigt.
Dieses ganze hysterische Gejaule von wegen „Lügenpresse“ ist doch letztlich nicht mehr als exakt das: hysterisches Geschrei.
Wären sie der Logik (und Konsequenz) fähig, würden die Hutbürger auch Maaßens Aussage ebenso kritisch hinterfragen, wie alles andere auch, was sonst so in den Medien verbreitet wird. Das geschieht allerdings offensichtlich nicht. Warum auch? Die Information passt ins eigene Narrativ, muss also nicht skeptisch reflektiert werden.
Diesen Leuten ist nicht an rationalem Diskurs gelegen, sondern sie wollen mit aller Macht ihr eigenes Narrativ verteidigen. Das ist natürlich keine originäre Hutbürgersymptomatik, allerdings versinnbildlichen die aktuellen Geschehnisse diese Interpretation gerade sehr deutlich.
Medienkritik ist natürlich immer gut und wichtig – aber sie sollte besser von Leuten kommen, die auch intellektuell dazu fähig sind, Kontext und Inhalt einer Aussage richtig einzuordnen.

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Vielen Dank für diesen sehr differenzierten Beitrag zu diesem emotional geladenen und wichtigen Thema.

Sehr sehr gut geschriebener Artikel. Ich bin derzeit nicht in der Lage einzustufen, was wie wirklich geschehen ist und durch das ganze Mediengejaule ist es nicht einfacher, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Es ist durch die Hutbürger auch nicht einfach, noch unemotional an dieses und viele viele andere aktuelle Themen heranzugehen. Sie bilden die Lager durch ihre Überempfindlichkeit und -sorry- fehlende fachliche aber auch soziale Intelligenz.

Vielen Dank für diesen und Deine kommenden Beiträge! Denn Du hast nun einen neuen Follower.

Weiter so!

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Vielen Dank für das nette Feedback :)

Danke für deinen Post. Mittlerweile sollte jedem klar sein, dass dieser Verfassungsschutzpräsident nicht mehr tragbar ist und die politische Führung in Berlin mit seiner Entlassung ein Zeichen setzen sollte.

Ich finde es immer wieder bemerkenswert, wie einseitig man sich heutzutage informieren kann. Ich hoffe nur, das meine Information etwas diversifizierter ist. Da stellt sich mir aber die Frage, welche Quellen ich denn verwenden muss, um mich wirklich divers zu informieren. Muss ich AfD-Seiten lesen, nur um die ganze Bandbreite abzudecken?

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Ich bin ja mittlerweile Überzeugt dass Maaßen in Wahrheit Albrecht Humboldt ist und das ganze nur ein Gag von der Heute Show ist.

Spaß beiseide, die Zeit hat auch einen Lesenswerten Artikel veröffentlicht ob und in welchem Ausmaß es Hetzjagden gab. Sehr lesenswert

https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-09/chemnitz-video-sachsen-hans-georg-maassen-verfassungsschutz-angriff-mob-fakten

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Wenn es denn nur so wäre... :/

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