Zeit zum Belichten! - Projekt #FotoLern – Die Belichtungszeit

in fotolern •  20 days ago

Zeit zum Belichten! - Projekt #FotoLern


Nach der Blende nun das nächste Werkzeug um die Menge an Licht zu bestimmen die bei einem Foto auf den Sensor trifft. Genauso wie die Blende bestimmt sie auch die Asketik des Fotos. Die Belichtungszeit ist somit selbstverständlich auch ein kreatives Instrument für die Fotografie. Ich werde diesmal, fast schon untypisch für mich, die Thematik etwas allgemeiner angehen, viel mit eigenen Beispielfotos erklären und vielleicht 1-2 Tipps einfließen lassen. Ich hoffe mein Ansatz ist in Ordnung für euch.

Wie lange ist der Wasserhahn offen?

Die Belichtungszeit ist schnell erklärt. Sie definiert die Dauer wie lange Photonen (Licht) auf den Sensor treffen. Diesen Vorgang kann man ganz schön mit der unteren Grafik symbolisieren. Gleichzeitig lässt sich die Blende damit auch leicht verdeutlichen:



Quelle: Photoaxe.com – LINK

Man will einen Eimer mit einer bestimmten Wassermenge füllen. Um die Wassermenge zu verändern hat man zwei verschiedenen Möglichkeiten. Entweder dreht man nun den Wasserhahn eine gewisse Zeit lang auf (=Belichtungszeit) und verändert immer wie die Dauer bis man den Wasserhahn schließt. Will man einen vollen Kübel lässt man das Wasser länger laufen, braucht man nur wenig Wasser dreht man den Hahn nur ganz kurz auf. Will oder kann man die Zeit aus gewissen Umständen nicht verändern, könnte man auch genauso den Durchmesser des Rohrs justieren. Je größerer der Durchmesser umso mehr Wasser rinnt durch, umso kleiner umso weniger. Dies wäre bei der Fotografie die Blendeneinstellung.

Aber wann nehme ich welche Belichtungszeit?

Schön und gut, das ist leicht verständlich. Aber welche Belichtungszeit nehme ich denn jetzt? Ich finde dabei gibt es zwei Herangehensweisen, die jedoch keine wissenschaftlichen Hintergründe haben, sondern ich persönlich für mich so definiere. Ich finde diese Definition zum Erklären einfach praktisch, ihr könnt das natürlich gerne anders sehen. Lasst es mich kurz erläutern.

1 - Die erste Methodik

Die erste Methodik wird dann verwendet, wenn man einfach eine scharfe Abbildung des Motivs erreichen will und Bewegungsunschärfe auf das minimalste reduzieren möchte. Man sucht sich also die niedrigste mögliche Belichtungszeit wo man scharfe Bilder bekommt, jedoch gleichzeitig eine sehr niedrige ISO-Einstellung hat. Es bringt einen ja nichts, wenn man mit 1/4000 Sekunde die Bewegungsunschärfe absolut ausschließt, jedoch dann mit ISO 12800 fotografiert und ein total verrauschtes Bild erhält. Bei dieser Methodik dient also die Belichtungszeit nur als Werkzeug, und hat (fast) keinen kreativen Einfluss.

Hier stell ich euch kurz eine praktische Merkhilfe vor für die richtige Einstellung. Prinzipiell sagt man das man mit der Belichtungszeit nie falsch liegt, wenn man den Kehrwert seiner Brennweite als Belichtungszeit nimmt. Also bei einen 100mm Objektiv wählt man eine Belichtungszeit von 1/100 Sekunde, bei einen 20mm Weitwinkelobjektiv halt nur 1/20 Sekunde. Ihr müsst selbstverständlich den Cropfaktor mit einberechnen. (Für alle die sich diesen Begriff immer noch nicht ganz logisch erklären können, bitte einen Kommentar schreiben. Dann veröffentliche ich wirklich mal einen ordentlichen Artikel darüber)

Das bedeutet also auf meiner Sony Alpha 6300 (APS-C Kamera) ist ja die Brennweite mit einen 100mm Objektiv ja eigentlich 150mm. Dementsprechend sollte 1/150sec (bzw. 1/160sec) wählen. Aber heutzutage hilft uns die Technik ja teilweise ordentlich aus. Viele Objektive, vor allem die mit höhere Brennweite, haben Stabilisierungssysteme eingebaut. Diese ermöglichen viel niedrigere Belichtungszeiten. Das untere Foto habe ich zum Beispiel nachts aus der Hand mit einem stabilisierten 50mm (75mm mit Cropfaktor) Objektiv mit 1/10 Sek aufgenommen:

Sony Alpha 6000
Sony SEL50F18
ISO 320
1/10 Sekunde
F1.8

Ohne der Stabilisierung im Objektiv hätte ich nie ein scharfes Bild erhalten. Die verschiedenen Stabilisierungssysteme der verschiedenen Hersteller sind diesbezüglich stark unterschiedlich, somit solltet ihr das für eure Objektive selbst testen. Es macht einfach Sinn pro Objektiv eine ungefähre minimale Belichtungszeit im Kopf zu haben.

Noch viel spannender ist ja ein aktueller Trend bei den Systemkameras. Diese besitzen vereinzelnd stabilisierte Sensoren. Das bedeutet, egal welches Objektiv man verwendet, es wird stabilisiert. Die Hersteller wie Sony und Olympus versprechen bis zu 5 Blendenstufen an Unterschied. Wobei ich nicht ganz so weit gehen würde ist die Verbesserung, die man erhält trotzdem phänomenal. Wer einmal solch eine Kamera länger verwendet hat will, meiner Meinung nach, keinen normalen Sensor mehr haben. Hier sieht man die Funktionsweise solch eines Sensors: LINK

Blitzsynchronisationszeit

Auch eine Thematik die bezogen auf die Belichtungszeit nochmal extra erwähnt werden sollte. Vielleicht hat es ja schon mal jemand von euch erlebt: Man nimmt ein Foto mit einem externen Blitz auf und ein Teil des Fotos hat einen dicken schwarzen Streifen im Bild. Ich habe für euch schnell mal ein Beispielfoto mit meinem Blitz gemacht:

Der schwarze Streifen nimmt knapp ein Drittel des Bildes ein und macht das Foto absolut unbrauchbar. Die Blitzsynchronisationszeit definiert die kürzeste Zeit wo man, mit einem externen Blitz, ein Foto aufnehmen kann ohne solch einen schwarzen Streifen zu erhalten. Mechanisch gesehen ist es die kürzeste Zeit wo der Verschluss der Kamera komplett geöffnet ist. Die Blitzsynchronisationszeit findet ihr im Datenblatt eurer Kamera, typische Zeiten sind 1/160 bzw. 1/200. Bei gewöhnlichen Blitzen müsst ihr diese Zeit beachten und dürft sie nicht unterbieten. Mein Thumbnail-Foto habe ich auch deswegen nur mit einer Belichtungszeit von 1/200 Sekunde aufgenommen. Lieber wäre mir noch etwas Kürzeres gewesen um den Tropfen noch besser einzufrieren.


Sony Alpha 6000
Minolta 50mm F3.5 Macro + Extension Tube
ISO 100
1/200 Sekunde
F8 oder F11 (Analoges Objektiv, Blendenwerte nicht notiert).
Externer Blitz mit Funkauslöser

Es gibt jedoch auch schon Blitze die jegliche Belichtungszeit ermöglichen. Diese nennen sich HSS (High Speed Sync) Blitze. Diese Blitze umgehen das Problem indem sie nicht einfach nur einen Blitz aussenden, sondern eine Vielzahl von Blitzen. Also quasi wie ein Stroboskop funktioniert. Diese Blitze kosten ein wenig mehr, sind jedoch nun auch schon günstig erhältlich und meiner Meinung nach den Aufpreis auf alle Fälle wert.

2 - Die zweite Methodik

Die zweite Methodik ist wenn die Belichtungszeit im Vordergrund steht, quasi die kreative Verwendung den ganzen Look des Bildes bestimmt. Alle anderen Kameraeinstellungen werden nur auf Reaktion zur Belichtungszeit getroffen. Typische Beispiele sind die Astrofotografie oder die klassischen Langzeitfotos von fahrenden Autos. Man bestimmt zuerst die Belichtungszeit, danach überprüft man ob einem die Abbildung der eingefangenen Zeit gefällt. Erst mit den restlichen Parametern kümmert man sich dann um eine ordentliche Belichtung.


Um konkret bei Astrofotografie zu bleiben: Hier gibt es auch eine einfache Formel die man sich merken kann. Normalerweise will man ja das die Sterne im Foto als scharfe Punkte abgebildet werden, und keine Bewegungsunschärfe bekommen. Wir sind ja im Weltall, unser Planet düst durch diesen mit ~30 000km/h. Dementsprechend entsteht auch hier schnell Bewegungsunschärfe. Die Formel lautet folgendermaßen:

Somit ist auch hier so, das mit einer niedrigeren Brennweite eine längere Belichtungszeit möglich ist, obwohl die Kamera ja sowieso schon auf einen Objektiv steht. Hat man eine Vollformatkamera (Cropfaktor = 1) hat man einen weiteren riesen Vorteil.


Nicht immer Landschaften, Gewässer, Städte und Planeten.

Gefühlt 90% aller Langzeitbelichtungsfotos zeigen die gleichen Motive. Gewässer wo jegliche Strömung als schöne weich-gezeichnete Fläche dargestellt wird. Fotos von Städten wo man die Rücklichter von Autos benutzt um mit Licht zu zeichnen. Oder halt die absolut spannende Astrofotografie. Versteht mich nicht falsch, ich habe auch schon dutzende Fotos von diesen Motiven gemacht. Sie erzeugen ja auch wunderschöne Bilder. Das „Problem“ dabei ist, das deswegen genau diese Vielzahl von Bildern die Inspiration für andere sind und diese ähnliche Fotos anfertigen. Wenn wir gemeinsam uns auch andere Motive suchen kann das ganze Feld sicher abwechslungsreicher werden. Ich stell euch da kurz mal zwei Fotos von mir vor die explizit mit der Belichtungszeit spielen, aber eher untypische Motive sind.


Im Grunde handelt es sich bei beiden Aufnahmen um Makroaufnahmen. Ich schreibe euch auch hier überall die EXIF-Daten dazu für besseres Verständnis:

Sony Alpha 6000
Minolta 50mm F3.5 Macro + Extension Tube
ISO 100
6 Sekunden
F8 oder F11 (Analoges Objektiv, Blendenwerte nicht notiert).

Das obige Bild ist, finde ich zumindest, ein super Beispiel. Ganz ohne EXIF-Daten kann ich die Belichtungszeit exakt bestimmen. Der Sekundenzeiger ist sechsmal sichtbar. Das Motiv war eine gewöhnliche Armbanduhr. Die Schwierigkeit hier war die Uhr von so kurzen Abstand zu beleuchten ohne unangenehme Spiegelungen zu bekommen bzw. den Schatten vom Objektiv schon wieder drinnen zu haben.

Bei der Kerze war es eigentlich der gleiche Gedanke. Ich wollte damit probieren ein wenig zu illustrieren wie sehr Feuer eigentlich tanzt, selbst auf einer kleinen Adventskerze. Wir sehen halt leider immer nur den Moment.

Sony Alpha 6000
Minolta 50mm F3.5 Macro + Extension Tube
ISO 100
2 Sekunden
F8 oder F11 (Analoges Objektiv, Blendenwerte nicht notiert).

Fazit / Zusammenfassung / Tipps

Die Belichtungszeit ist ein Werkzeug, sowohl für korrekte Belichtung als auch ein kreatives Tool um Zeit abzubilden und spezielle Fotos zu schaffen. Genauso wie auch bei der Blende sollte man sich angewöhnen in Belichtungszeit "denken" zu können. Die Faustregel mit der Brennweite ist da ein guter Anhaltspunkt. Bei gelungen Fotos kann man sich zusätzlich auch noch die jeweilige Belichtungszeit für die Situation merken. So wird man bei dem Thema schnell sattelfest und muss nicht lange probieren.

Ich würde mich über einen kleinen Diskurs sehr freuen. Habt ihr noch weitere Fragen zur Belichtungszeit? Gibt es spezielle Eigenheiten, die ihr wissen/diskutieren wollt? Welche Tipps könnt ihr geben? Ich bin auch gerne bereit andere Gebiete diesbezüglich zu erläutern, mache das aber lieber auf direkte Anfrage damit ich auch weiß das es konkret jemanden hilft.

Ich würde mich auch freuen, wenn ihr mir kreative Fotos mit speziellen Belichtungszeiten schickt, egal ob direkt per Kommentar oder als Link. Lasst uns doch uns gegenseitig inspirieren und motivieren. Gemeinsam sind wir stärker, gemeinsam sind unsere Fotos spezieller.


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Achja, die gute alte Wasserhahn-Metaphorik.. :D
Der Teil über die Blitzsyncronzeit hat mir persönlich noch am meisten Wissen gegeben, danke dafür!

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Haha, die hat wohl wirklich jeder schon gesehen der sich mit Fotografie länger beschäftigt hat. Aber sie ist ja halt total perfekt als Darstellung.

Vielen Dank für deinen Kommentar und Resteem!

Eine interessante Herangehensweise an das Thema!
Dein Plädoyer für die kreative Nutzung der Belichtungszeit teile ich; ich selbst bin auch oft in den von Dir oben benannten "Klassikern" gefangen...

Richtig genial finde ich die Idee, wie Du die analoge Uhr in Szene gesetzt hast!

Es gibt jedoch auch schon Blitze die jegliche Belichtungszeit ermöglichen. Diese nennen sich HSS (High Speed Sync) Blitze.

Auf diese Funktion habe ich beim letzten Neukauf (3x Blitz plus Steuerung) auch geachtet und bin begeistert, wie gut selbst Nachbauten im Mischbetrieb mit den Markenherstellern funktionieren.
Auf jeden Fall eine Empfehlung!

Top Beitrag mal wieder 👍 Danke 😀 Die Uhr ist auch eine klasse Idee. Man denkt ja immer in alten Mustern, das man auch mal sowas machen kann / sollte bringt wieder frische Ideen. Bei der Kerze (es ist doch 'ne Kerze?!) musste ich lange überlegen bis ich es erkannt habe. Aber auch eine klasse Idee 😀

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Ich finde deine Artikel echt gut.
Die ideen für die Motive sind echt super.
Eine Uhr habe ich auch mal versucht so ähnlich zu fotografieren. Ich wollte genau diesen effekt auf Bild bannen. Habe es aber damals nicht geschafft.
Ich werde das nochmal ausprobieren.:)
Danke für die Erklärung.

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Hui, sehr gut geschrieben und einiges Neues dabei.
Die Idee mit der Uhr ist wirklich genial. Man sollte wirklich mal weg von den üblichen Langzeitbelichtungen und Neues probieren, da gebe ich dir absolut recht.