Ab und an mal etwas wiederholen kann nicht schaden

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Österreichische Schule (Wiener Schule) Ludwig Gumplowicz
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Für die meisten unbekannt ist Ludwig Gumplowicz ein Vertreter der Wiener Schule

Univ.-Prof. Dr. Gerald Mozetič schreibt in http://gams.uni-graz.at

Ludwig Gumplowicz (1838-1909) gehört zu den frühen Pionieren einer wissenschaftlichen Soziologie. Als Konfliktsoziologe, der in den Gruppen- und Rassenkämpfen die ewigen Gesetze der Geschichte gefunden zu haben meinte, wurde er zu Lebzeiten einer der meistbeachteten Vertreter einer positivistischen Soziologie; dass er von Rassenkämpfen sprach, obwohl er alle biologische Rassenlehren vehement ablehnte, hat in späterer Zeit zu Missverständnissen erheblich beigetragen.
Geboren 1838 in Krakau, gestorben 1909 in Graz, ist Ludwig Gumplowicz auch eine exemplarische Wissenschaftlerexistenz im Habsburgerrreich des 19. Jahrhunderts. 1838 als Jude in einer Stadt geboren, die nach den polnischen Teilungen ein wechselvolles Schicksal erlebte und 1846 dem Habsburgerreich einverleibt wurde, erlebte er in der ersten Hälfte seines Lebens ein vielfaches Neben- und Gegeneinander von religiösen und nationalen Standpunkten, die sich auf höchst divergierende Loyalitäten und Identitäten bezogen. Akademische Karriere machte er erst nach seiner 1875 erfolgten Übersiedelung nach Graz, wo er an der Universität dem Nominalfach nach als Jurist wirkte, sich nach erfolgreicher Etablierung jedoch darauf konzentrierte, die Grundlagen einer wissenschaftlichen Soziologie zu schaffen.
Das "Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich" hat seit seiner Gründung 1987 Dokumente zu Leben und Werk von Ludwig Gumplowicz gesammelt; durch wissenschaftliche Projekte und Kooperationen ist es insbesondere seit 1999 gelungen, zahlreiche neue Quellen und Materialien zu erschließen. Er selbst schrieb und publizierte vornehmlich in deutscher und polnischer Sprache und erlebte noch die Übersetzung seiner Schriften ins Englische, Französische, Italienische, Spanische, Russische und Japanische – eine internationale Orientierung war also für Gumplowicz eine Selbstverständlichkeit. Mit dieser Web-Edition verbindet sich die Hoffnung, die wissenschaftliche Kommunikation über Gumplowicz und die Frühphase der Soziologie intensivieren zu können. Jedenfalls werden damit die Grundlagen für eine wissenschaftsgeschichtlich korrekte Verortung von Ludwig Gumplowicz geschaffen. Es versteht sich von selbst, dass eine derartige Web-Edition nichts Abgeschlossenes sein kann und will – sie wird fortlaufend ergänzt und modifiziert werden. Alle Hinweise, Kommentare und Anregungen sind daher hoch willkommen.
Graz, im Mai 2010 – Ao. Univ.-Prof. Dr. Gerald Mozetič
Leiter des "Archivs für die Geschichte der Soziologie in Österreich"

LUDWIG GUMPLOWICZ
(* 1838 in Krakau, ✝ 1909 in Graz)

Die nachfolgenden Textauszüge sind bewusst in Rechtschreibung und Grammatik nicht an unsere heutige Zeit angepasst. Ludwig Gumplowicz wirkte im 19. Jahrhundert und dieser Charakter will beibehalten sein.

Ausgewählte Werke

  • Der Rassenkampf. Sociologische Untersuchungen. Innsbruck: Verlag der Wagnerschen Universitätsbuchhandlung, 1883

  • Die sociologische Staatsidee. Graz: Leuschner & Lubensky, 1892

  • Geschichte der Staatstheorien. Innsbruck: Universitätsverlag Wagner, 1926

  • Gumplowiczs Antwort auf einen Brief Herzls vom Vortag, 12. Dezember 1899

Der Rassenkampf. Sociologische Untersuchungen

Diese Formel lautet sehr einfach: Jedes mächtigere ethnische oder sociale Element strebt darnach, das in seinem Machtbereiche befindliche oder dahin gelangende schwächere Element seinen Zwecken dienstbar zu machen. Diese These über das Verhältniss der heterogenen ethnischen und socialen Elemente zu einander mit allen aus ihr sich ergebenden Consequenzen, enthält in sich den Schlüssel zur Lösung des ganzen Räthsels des Naturprozesses der menschlichen Geschichte. Wir werden diese These immer und überall in Vergangenheit und Gegenwart in den Verhältnissen der heterogenen, ethnischen und socialen Elemente zu einander verwirklicht sehen und uns von ihrer Allgemeingültigkeit überzeugen können. In dieser letzteren Beziehung steht sie in nichts solchen Naturgesetzen wie z. B. Anziehung und Gravitation, oder chemische Verwandtschaft, oder den Gesetzen des vegetabilischen und animalischen Lebens nach. S.161

Auf der niedrigsten Stufe der Entwicklung, im Zustande der ursprünglichen Wildheit kann der eine Menschenschwarm die andern ihm »blutsfremden« gar nicht anders zu seinen Zwecken verwenden, als indem er auf dieselben Jagd macht, die Mitglieder derselben mordet und verzehrt. Ein solches Verhältniss blutsfremder Schwärme, Horden und Stämme zu einander bezeugt uns sowohl die beglaubigte Geschichte als zahlreiche Berichte von Reisenden über Naturvölker. Es ist auch höchst wahrscheinlich, dass die erste Abnahme der ursprünglichen zahllosen Vielheit heterogener Menschenstämme, das erste »Aussterben« vieler Menschenvarietäten auf diesem Wege, einfach durch die Gefrässigkeit mächtigerer Stämme erfolgte. S.162

Denn ausser dem Falle der durch mannigfache Bedingungen physischer und moralischer Natur ermöglichten Amalgamirung gibt es zwischen heterogenen Elementen nur zweierlei denkbare Verhältnisse: entweder lässt sich der schwächere Stamm zur Befriedigung der Bedürfnisse des stärkeren benützen – dann bleibt er am Leben, wo nicht wird er vernichtet und ausgerottet. Das sind die natürlichen und nathurnotwendigen Beziehungen und gegenseitigen Einwirkungen der heterogenen ethnischen und socialen Elemente aufeinander, Beziehungen, deren Wirksamkeit den ganzen Prozess menschlicher Geschichte unterhält und fordert, die ganze Entwicklung der Menscheit in Fluss erhält. Brauchen wir für diese Behauptungen Beispiele hinzustellen? Die sogenannte Weltgeschichte ist nichts anderes als eine grosse Beispielsammlung zur Begründung obiger Sätze. S.164

Was unter primitiven Stämmen sogenannter »Naturvölker« in kleinem Maßstabe sich vollzieht, das wiederholt sich auf einer spätern Entwicklungsstufe unter »civilisirten Nationen« unter prunkhaften Namen und in »feineren« Formen. Die Sache bleibt dieselbe. [...] Im Grunde nun sind die Kriege der civilisirten Nationen nichts anderes als »höhere Formen« dieser primitiven Raub- und Plünderungszüge. Nur sind die Naturmenschen aufrichtiger und offener und wollen nicht besser scheinen als sie sind; während die Kriege der civilisirten Nationen unter dem Deckmantel aller möglichen Phrasen von »civilisatorischen« und politischen »ldeen« geführt werden, für »Freiheit«, »Menschlichkeit«, »Nationalität«, »Glauben« oder gar »europäisches Gleichgewicht«! Freilich begnügt sich eine siegreiche europäische Nation nicht mit einigen Pferden und Eseln wie die Apachen, oder mit Rindviehheerden wie die Kirgisen oder mit einigen Hammeln wie die Albanesen - ein civilisirter europäischer Sieger versteht es gleich einige Milliarden bei diesem Geschäfte herauszuschlagen. Das ist der Unterschied! S.165f

Zweck aller Kriege ist immer der gleiche, wenn er auch unter verschiedenen Formen angestrebt und erlangt wird – nämlich sich des Feindes als Mittels zur Befriedigung eigener Bedürfnisse zu bedienen. Ob dieser Zweck im primitiven Zustand durch körperliche Verspeisung des Feindes, ob er durch dessen persönliche Knechtung und Unterjochung, ob er durch Einverleibung des feindlichen Gebietes unter Auferlegung von Diensten, Leistungen, Steuern u. drgl. auf die Bewohner desselben, oder ob er endlich durch eine bloss einmalige auferlegte Contribution erlangt wird bleibt sich im Hinblick auf das Wesen des Naturprozesses gleich. Dieser Zweck nun ist die Folge jener uns schon bekannten Beziehungen der heterogenen ethnischen Elemente zu einander; der Krieg selbst, eine Aeusserung jener in den heterogenen Elementen waltenden Kräfte und Strebungen. Er ist daher zwischen heterogenen Elementen ebenso natürlich und unvermeidlich wie die ewige Wirksamkeit der verschiedenen Kräfte auf dem Gebiete aller andern Naturprozesse. Erreicht nun der Krieg seinen Zweck, so entsteht zwischen den heterogenen Elementen ein Verhältniss der Abhängigkeit resp. Herrschaft des einen oder der verbündeten Elemente der Sieger, über die andern, welche besiegt und unterjocht wurden. Sind die Sieger über die Stufe des Cannibalismus bereits hinaus und trachten sie die erlangte Herrschaft dauernd zu erhalten, so schreiten sie zu einer solchen Organisierung derselben, welche ihnen die dauernde Ausnützung des gegründeten Herrschaftsverhältnisses es gestattet. Diess geschieht mittelst staatlicher Einrichtungen. S.176ff

Darnach sehen wir im Laufe der Entwicklung der Menschheit immer und überall aus heterogenen Gruppen die wir einfach Rassen nennen wollen, höhere Gemeinschaften entstehen, die sich wieder im Gegensatz zu andern heterogenen Gruppen und Gemeinschaften als Rassen darstellen. Denn ebenso wie es genau genommen, im naturwissenschaftlichen Sinne heutzutage gewiss keine Rassen mehr gibt; da es heutzutage keine Menschenstämme gibt die sich im primitivsten Zustande der Einheitlichkeit der Urschwärme befanden: so kann man andererseits alle die heterogenen ethnischen ja sogar socialen Gruppen und Gemeinschaften die im Kampfe mit einander die Träger des Geschichtsprozesses sind, sehr wohl als Rassen bezeichnen. S.193

Der wichtigste Unterschied nämlich zwischen den meisten Thieren und dem Menschen ist der, dass die ersteren es nicht verstehen, andere Wesen oder ihresgleichen zu ihren Diensten zu verwenden; mit andern Worten, dass sie zur Herrschaft unfähig sind. S.234

Denn auch die geringste Cultur, die ersten und primitivsten Entwicklungsphasen derselben sind durch eine Theilung der Arbeit bedingt, kraft deren dem Einen die niedrigeren und schwereren, dem Andern die höheren und leichteren Arbeiten (zu denen auch das Befehlen gehört) zufallen. Das Wesen einer solchen Theilung der Arbeit liegt aber darin, dass die Einen für die Andern arbeiten; nur eine solche Theilung der Arbeit setzt diejenigen für die gearbeitet wird in die Lage, ihren Geist höheren Gegenständen zuzuwenden, über höhere Dinge nachzudenken und einem menschenwürdigen Dasein nachzustreben. Würden alle Menschen, gleich den Thieren, nur darauf angewiesen sein, ihres Lebens Nothdurft sich selbst zu besorgen: sie würden ewig in thierähnlichem Zustande verbleiben. Sollen sie sich über denselben erheben, so müssen die Einen von ihnen den drückendsten Arbeiten und Sorgen durch die Arbeit der Anderen enthoben werden. Nun wissen wir [...], dass niemand freiwillig sich in das Joch des andern spannt; dass niemand freiwillig die drückenden und niedern Arbeiten auf sich nimmt, um dem andern Bequemlichkeit, ja oft geradezu Möglichkeit des Müssiganges zu verschaffen. Wäre dieser erste Schritt auf der Bahn des Fortschrittes und der Cultur von der Opferwilligkeit der Einen für die Andern, etwa vom Comte'schen »Altruismus« abhängig: er würde nie gemacht worden sein. Weder eine solche Opferwilligkeit für unbekannte höhere Zwecke, noch weniger aber eine prophetische Einsicht und Voraussicht künftigen gemeinsamen Wohlergehens kann von dem Menschen überhaupt und den rohen Naturmenschen insbesondere erwartet werden. Nur auf den unmittelbaren Vortheil, auf die unmittelbare Befriedigung seiner Bedürfnisse auf die unmittelbare Bequemlichkeit bedacht; würde jeder immer die Rolle des Herrn und Niemand die Rolle des Arbeiters und des Sklaven wählen. Hienge es von der Einsicht und dem guten Willen der Menschen ab, wir stünden heute noch auf der Stufe auf der wir die Feuerländer an der Südspitze Südamerikas finden. Glücklicherweise hängt der Naturprozess der Geschichte nicht vom Belieben der Einzelnen ab; die Natur scheint sich, wie in vielen andern Dingen, so auch in diesem Punkte vorgesehen zu haben. In die Brust der Menschen legte sie gewaltige, unwiderstehliche Triebe, die diesen Prozess ebenso unterhalten und seine Entwicklung ohne Unterlass fördern, wie die verchiedenen phisischen Kräfte die syderischen, chemischen vegetabilischen und animalischen Prozesse unterhalten und fördern. Nachdem die Menschheit in unzähligen syngenetischen Schwärmen die Erde bevölkerte, brachte der Selbsterhaltungstrieb und der Egoismus der einzelnen Schwärme einerseits und der tiefe Abscheu und mitleidslose Hass gegen die heterogenen Schwärme andererseits, jenen grossen Naturprozess der Geschichte in's Rollen. Die Frage: wer für den andern arbeiten, wer dem andern Dienste leisten, wer die Unterstufe bilden solle, damit die Anderen eine höhere Staffel cultureller Entwicklung besteigen können, brauchte nicht vom freien Willen, von einverständlicher Wahl abzuhängen. Diese Frage war mit Naturnothwendigkeit bald entschieden. Im »Rassenkampf« um Herrschaft entschied der stärkere Schwarm diese Frage zu seinen Gunsten. S.235ff

Denn schliesslich ist Herrschaft nichts anderes als eine durch Uebermacht geregelte Theilung der Arbeit bei der den Beherrschten die niedrigeren und schwereren, den Herrschenden die höheren und leichteren (oft nur das Befehlen und Verwalten) zufällt. Wie aber ohne Theilung der Arbeit keinerlei Cultur denkbar ist, so ist ohne Herrschaft keine gedeihliche Theilung der Arbeit möglich, weil sich, wie getagt, freiwillig niemand zur Leistung der niedrigeren und schwereren Arbeiten hergeben wird. S.237

Wenn nämlich schon heutzutage, inmitten unserer so sehr vorgeschrittenen Cultur zur Anordnung und Regelung der Theilung der Arbeit eine gewisse Strenge und Hartherzigkeit unumgänglich sind, wenn man oft die ekelhaftesten und schwierigsten Arbeiten von Menschen ausführen lassen muss: wie viel mehr musste das in jenen Urzeiten der Fall sein, wo der Mensch den rohen Gewalten der Natur gegenüber so schutz- und wehrlos, ohne passende und entsprechende Werkzeuge und Maschinen, ohne Mittel die Thierwelt zu beherrschen. dastand. Welcher Grausamkeit und welch herzloser Aufopferung von Menschen bedurfte es in den Urzeiten der Menschheit um so manches Werk ausführen zu lassen, das heutzutage mittelst kunstvoll ersonnener Maschinen leicht hergestellt wird. Würden die Menschen »menschlich« fühlen, würden sie in jedem Menschen einen »Bruder« sehen, so manches grosse Culturwerk würde gar nicht in Angriff genommen, geschweige denn angeführt werden können. Diese Klippe nun, die ein »menschliches« Fühlen jeder Culturentwicklung entgegenstellen würde, hat die Natur gar klug und weise umschifft. – Wohl begabte sie auch den Urmenschen mit »menschlichem« Fahlen doch nur gegenüber den Mitgliedern seines eigenen Schwarmes. Dieses syngenetische Gefühl, oder um es mit einem Worte zu bezeichnen, der Syngenismus, ist wieder eines jener ewigen socialen Naturgesetze, deren Existenz uns Geschichte und Erfahrung immer und überall wenn auch in den verschiedensten Culturstufen und socialen Gestaltungen angepassten Formen nachweist. Aber neben diesem Syngenismus wurzelte tief in der Natur des Menschen der Fremdenhass, der Abscheu gegen das fremde Blut, die vollkommene Gefühllosigkeit gegen die Leiden der heterogenen socialen Gruppe. Und nur dieser Fremdenhass ermöglichte die Anbahnung der Cultur durch gewaltsame Regelung der Arbeitstheilung, wobei den Fremden, nachdem man geistig so weit vorgeschritten war, dass man sie nicht mehr verspeiste, all die schweren Arbeiten, welche nur Anbahnung eines Culturlebens und zur Herstellung von Culturwerken nöthig sind, auferlegt wurden. S.237ff

Neben der gewaltsamen Arbeitstheilung läuft aber paralell durch die geschichtliche Entwicklung eine zweite, nicht gewaltsame Arbeitstheilung die man eine freiwillige nennen könnte, wenn sie nicht ebenfalls gleich der ersteren beim Zusammentreffen gewisser hiezu passenden heterogenen ethnischen Elemente mit Naturnothwendigkeit sich vollziehen würde. Es ist das diejenige Arbeitstheilung, vermöge welcher die einen ursprünglich ebenfalls heterogenen ethnischen Elemente die andern, wenn auch nicht mit Gewaltmarsregeln zwingen, ihnen im Tausch und Handel Dienste zu leisten, oder für ihre freiwillig angebotenen Dienste andere Güter als Lohn zu geben - mit andern Worten, es ist der Handel, das Gewerbe, die lndustrie. Und so, wie jene gewaltsame Arbeitstheilung einerseits sich uns als Ausbeutung darstellt, ebenso das Gewerbe, die lndustrie und der Handel, trotzdem auch diese den scheinbar Ausgebeuteten schliesslich gewisse Vortheile bieten und sie in gewissem Maasse an den Gütern und Wohlthaten steigender Cultur theilnehmen lassen. S.239f

[Perserreich:] Dieser grossartige Saugapparat functionirte vortrefflich über 200 Jahre (550 - 330 v. Chr.) Die Lebensstäfte unzähliger Stämme und Völker wurden in Form von Tributen und Abgaben durch ein Netz von Satrapen aufgenommen nach deren Abmästung der Ueberschuss an den Hof des Machthabers, des Königs der Könige, abgeführt wurde. Dort aber brachte der Zusammenfluss der Reichthümer und Schätze eine »Blüthe« hervor, wie sie die staunende Welt gesehen zu haben sich nicht erinnerte. Alle Pracht und aller Glanz des raffinirtesten »orientalischen« Luxus entfaltete sich am Hofe der Perserkönige – und die zwei schöngeistig- literarischen Völker des Alterthums, Griechen und Juden, posaunten in die Welt hinein die Grösse der persischen Machthaber. Denn immer und überall ist es die Eigenthümlichkeit der Poesie und der »schönen Geister«, dass sie die Leiden der Massen übersehen und nur Augen haben für den Glanz der Höfe und der Machthaber. S.289

Die Phönizier waren ein kluges Volk; sie verstanden es immer sich den Verhältnisen anzupassen. Als sie von asiatischen Eroberungsstämmen gedrängt sich auf den schmalen Küstenstrich angewiesen sahen, suchten sie ihr Heil auf der See und in fernen Landen. Ihr kosmopolitischer Geist überwand alle vaterländischen Gefühle und liess sie überall eine »traute Heimat« finden, wo es gute Geschäfte und ein angenehmes Leben gab. Musste sich da nicht aus einer solchen Lebensauffassung ein langsames Aufgeben der »nationalen« Cultur ergeben und ein Aufgehen in denjenigen Massen unter denen sie sich ansiedelten? und das um so mehr als der »schachernde« Phönizier als solcher im vorhinein der Antipathien und feindseligen Gefühle aller Völker gewiss sein konnte. Gewiss nur in diesem Umstande haben wir die Lösung des Räthsels zu suchen, welches dem Historiker das vollkommene Verschwinden des phönizischen Volksthums in Europa bietet. Als kluges Volk verstanden es die Phönizier eben rechtzeitig unterzugehen. Mit richtigem kosmopolitischem Sinne taxirten sie ihre »nationale« Cultur keineswegs so hoch, dass sie ihnen um den Preis des Hasses und der Feindseligkeit der Völker nicht zu theuer zu stehen gekommen wäre. Sie giengen auf in den Völkern unter denen sie wohnten und erfüllten so gewiss treuer und richtiger die Intentionen des geschichtlichen Naturprozesses, wenn man sich so ausdrücken darf, als wenn sie ihr überlebtes Volksthum mit unzeitgemässer und unnatürlicher Verstocktheit bis in späte Jahrhunderte hinein »gerettet hätten«. Eine solche verkehrte und unnatürliche »nationale« Politik überliessen sie dem Volke, welches von Hause aus ihrem Beispiele in vielen Stücken gefolgt war insbesondere aber ihre Handelspolitik sich angeeignet hatte. Wir sprechen von den Juden. S.333f

Während nämlich die Erobererstämme in Griechenland und Italien den überwältigten kleinen Völkerschaften so zu sagen unmittelbar auf dem Nacken blieben und sich selbst haufenweise an bestimmten Orten ansiedelten die dann zu Städten heranwuchsen – welcher Vorgang dazu führte, dass das geschichtliche Leben in Griechenland und ebenso auch lange Zeit in Italien lieh in Stadt- Staaten abspielte, in deren näheren und entfernteren Umgebung die hörige Bevölkerung für die »Herren« in der Stadt Dienste leistete: haben die Erobererstämme im übrigen Europa sich mehr einzeln- und familienweise auf den eroberten Terrains angesiedelt und zwar in befestigten Wohnplätzen, Castellen, und von da aus die umwohnenden Völkerschaften mittelst Waffengewalt und Terrorismus im Zaume gehalten, wobei sie sich gegen das Uebergewicht der Zahl der Unterworfenen und Hörigen durch eine sinnreiche Organisation des Zusammenhaltens und gegenseitiger Hülfe zu schützen wussten. S.340

Diese Abgesondertheit von der herrschenden Classe hat aber auch den europäischen Städten, die aus nichthörigen also vorwiegend fremden daher freien Elementen entstanden, ein von den Städten des classischen Alterttums ganz verschiedenes Gepräge gegeben. Während jene der ganzen Sachlage nach an dem politischen Leben einen gewissen Antheil nahmen der unter Umständen sich steigern konnte und während auf diese Weise die »hohe Politik« als befruchtender Einfluss auf das städtische Element wirkte und jene hohe Cultur erzeugte, deren Glanzpunkte wir im alten Athen und Rom bewundern: waren die europäischen Städte von jeder Theilnahme an der »hohen Politik« ausgeschlossen, welche letztere sich hier ausschliesslich auf den Zusammenkünften der »Herren«, auf den Parlamenten und Reichstagen concentrirte. In geistiger Beziehung war dieser Umstand für beide Theile nachtheilig. Denn jedes Zusammenleben, jeder Verkehr heterogener Elemente bildet an und für sich einen culturellen Factor von grosser Bedeutung. Die tiefe Kluft: zwischen Städten und »Höfen« liess in Europa lange Zeit die ersteren im kleinlichem Zunft- und Krämergeiste versumpfen, während sich die Mehrzahl der »Ritter« lange Zeit in einem rohen Banditenleben verrannte. Die Umstände sind bekannt, welche in der Neuzeit diese »mittelalterlichen« socialen Schäden heilten. (Das Bekanntwerden der classischen Literatur, die überseeischen Entdeckungen, die wachsende Macht des Capitals, die geänderte Kriegführung in Folge des Schiesspulvers u.f.w.) In den grossen Städten Europas, namentlich den Westens, brach endlich eine höhere Cultur sich Bahn, die im Verein mit Geld und Schiesspulver die Ritterburgen stürzte und die »Herren« zwang in's städtische Leben herabzusteigen. Hier, in den Grosstädten Europas wo der Contact zwischen dem höfischen Leben und dem städtischen die heterogenen ethnischen und socialen Elemente zuerst zu höherer geistiger Thätigkeit anregte, bildeten sich die neuen Knotenpuncte des geschichtlichen Lebens, wobei fast jede dieser Grosstädte zugleich als Brennpunct eines besonderen Volksthums, einer besonderen Nationalität functionirt. Denn ebenso wie im »classischen Alterthum« die in Hellas und Italien sich abspielenden socialen Naturprozesse sowohl dort wie hier eine Culturgemeinsamkeit hervorbrachten, die sich im Grossen und Ganzen in einer gemeinsamen Sprache, in gemeinsamen Religionsvorstellungen, Sitten, Gebräuchen und Lebensgewohnheiten manifestirten und die wir mit einem modernen Worte als griechische und römische »Nationalität« bezeichnen: ebenso haben in Europa die einzelnen in grösseren Terrainabschnitten wie z.B. in Spanien, Frankreich, England, Deutschland, Polen, Ungarn, Russland u.f.w. sich abspielenden socialen Naturprozesse in jeden einzelnen dieser »Länder« eine Culturgemeinsamkeit hervorgebracht, die sich uns in erster Linie in einer gemeinsamen Sprache, sodann aber in gemeinsamen Sitten, Gebräuchen, Lebensgewohnheiten und Formen etc. darstellt und die wir heutzutage als Nationalität bezeichnen. Das Mittel aber durch welches all dieses sich vollzog, durch welches Stämme zu Völkern, Völker zu Nationen, Nationen zu Rassen heranwuchsen und sich entwickelten, diess Mittel, wir kennen es schon - es ist der ewige Kampf der Rassen um Herrschaft - die Seele und der Geist aller Geschichte. S.341f

Nun, wer sich von der Stabilität und Unbeweglichkeit des geistigen Wesens der Massen überzeugen will, der blicke nur auf die verschiedenen Gebiete des geistigen Lebens, auf Vorstellungen und Anschauungen, die wenn sie auch tausendemale von Einzelnen als falsch und irrthümlich erkannt wurden, dennoch von den Massen mit einer nur durch die natürliche Trägheit zu erklärenden Zähigkeit festgehalten werden; man blicke auf die grossen Massen auch unter den »gebildetsten« Nationen und frage sich ob je in vorgeschichtlichen Urzeiten die Menschen auf einer niedrigeren Stufe geistiger Entwicklung stehen konnten? Man betrachte die Zähigkeit mit der auf allen Gebieten des Lebens eingewurzelte Vorurtheile von den Massen festgehalten werden die, unfähig selbständig zu denken, ohne eigenes Urtheil krampfhaft daran sich klammern, was ihnen in Kindheit und Jugend eingetrichtert wurde, um es den folgenden Generationen wieder einzutrichtern. Diese unbewegliche, stagnirende Masse ist neuen selbständigen Geistesströmungen unzugänglich; mit indolenter Trägheit wird immer am Alten und Hergebrachten festgehalten und allem Neuen, möge es noch so vernünftig sein immer mit Misstrauen und Unwillen begegnet. Daher gehen an diesen indolenten Massen die einzelnen denkenden Köpfe wirkungslos vorüber – und darin liegt auch die Lösung der räthselhaften Erscheinung, dass die von Zeit zu Zeit erscheinenden grossen Denker immer von Neuem dasselbe predigen und immer gegen dieselben Vorurtheile und Irrthümer ankämpfen müssen; darin liegt ferner der Grund, dass von einem sittlichen Fortschritt der Menschheit so gar nicht zu Spüren ist [...]. S.351

Die sociologische Staatsidee

Auf unsere Ideen über den Staat ist nämlich von grossem Einfluss die Stellung, welche wir innerhalb desselben und ihm gegenüber einnehmen. S.15

[S]o folgten einander in den Theorien Europas seit dem Mittelalter erst die theologische Staatsidee, sodann die rationalistische; gegenwärtig ringt sich die sociologische zur Geltung durch. Die theologische betrachtet den Staat als göttliche Institution und verlangt von ihm Unterwerfung unter religiöse Satzungen und Gebote der Kirche; ihr am nächsten steht die landesfürstliche, die auch als patrimoniale oder privatrechtliche Staatsidee bezeichnet wird, welche den Staat als Domäne des Fürsten, als Object der freien Verfügung, des freien Schaltens und Waltens des legitimen Souveräns betrachtet und sich nichts mehr angelegen sein lässt, als die theoretische Ausgestaltung des Souveränitätsbegriffs, ihre höchste Aufgabe aber darin erblickt, die Fürsten über die „ars legendi“ aufzuklären, ihnen die richtige Art und Weise, wie sie zu regieren haben, beizubringen. Die rationalistische Staatsidee erscheint im Laufe ihrer Entwicklung in mehreren Spielarten, die wichtigste derselben ist die Rousseau’sche Vertragsidee, deren Ausläufer in Deutschland die Rechtsstaatstheorie war. Es ist im Grossen und Ganzen eine Uebertragung der im Staate zur Ausbildung gelangten Rechtsbegriffe auf den Ursprung und das Wesen des Staates. [...] Alle diese Standpunkte und Richtungen sind im Vorhinein tendenziös und geben den von ihnen aus unternommenen Betrachtungen des Staates eine voreingenommene Richtung, sozusagen eine gebundene Marschroute. Denn der staatliche Standpunkt wird im Vorhinein zu dem Zwecke eingenommen, um zu zeigen, nicht was der Staat sei, sondern wie er sein solle; der theokratische hat eine ausgesprochene kirchliche Tendenz, der patrimoniale eine ausgesprochene conservative und ebenso wird der staatsbürgerliche nur zu dem Zwecke eingenommen, um auszuführen, wie sich der Staat dem Einzelnen gegenüber zu benehmen habe. Alle diese Tendenzen aber sind so überwältigend, dass sie jede objective Erkenntnis des Wesens des Staates im Vorhinein unmöglich machen. S.23f

Alle bisher erörterten Staatsideen verfolgen gewisse einseitige Tendenzen; alle treten mit dem Anspruch auf Staat und Gesellschaft zu verbessern, sogar die wirthschaftliche Staatsidee verlangt ja vom Staate dass er in den wirthschaftlichen Classenkampf, zu gewissen Zwecken eingreife. Dem gegenüber ist die sociologische Staatsidee zunächst nur eine erkenntnisfördernde, keine reformatorische. S.40

Wer sind sie denn, die im griechischen Alterthum über Staat und Politik schrieben? Es sind freie Bürger, also Mitglieder der herrschenden Classen, für die der Staat ein Pensionsinstitut war, das ihnen ihren Lebensunterhalt sicherte. Ihr Patriotismus ist begreiflich; wenn sie vom Staat und von der Freiheit sprechen, so denken sie an ihr Gemeinwesen, das ihnen werth und theuer ist, das ihnen nicht nur Freiheit und Leben, sondern Herrschaft über rechtlose Sclaven sicherstellt, über deren Rechte sie kein Wort verlieren. Was Wunder, dass diese „antike Staatsidee“ sich in Argumenten und geistigen Auskunftsmitteln erschöpft zum Zweck der Erhaltung dieses Staates, dieser Gesammtheit von Einrichtungen, welche der Minorität der freien Bürger die den Sclavenmassen aberkannten höchsten irdischen Güter zusichert? S.42

Mitnichten kann hier für die einstigen Eroberer und Staatsbegründer ein besonderes Verdienst in Anspruch genommen oder, wie das oft von Historikern geschehen, gegen dieselben Vorwurf und Klage erhoben werden: sie stürzten sich auf eine bodenständige Bevölkerung, wie die Lawine, von den Sonnenstrahlen gelockert, friedliche Hütten zermalmend und wegfegend zu Thale stürzt, ohne Verdienst ohne Schuld. Und auch die sesshafte bodenständige Bevölkerung, die ihren Acker bebaute, „nach fremden Gut nicht lüstete und fremden Boden mit Feuer und Schwert nicht überzog“, kann keinen sonderlichen Ansprach auf Vorrecht und Bevorzugung erheben: ob sie „friedlich“ lebte, ist erst die Frage, denn die Friedlichkeit, die sie innerhalb der staatlichen Ordnung an den Tag legt, mag ja ein Verdienst dieser letzteren sein, wie es gewiss nur dieser letzteren angerechnet werden muss, dass diese friedliche Bevölkerung „ihren“ Acker bebaut. Und ebenso wenig dürfen die „Arbeiter“, wie das die Socialisten glauben machen wollen, einen besonderen Vorzug für sich geltend machen, als ob sie es wären, die den Staat erhalten, da doch die „Arbeit“ alle ernähre. Allerdings ernährt die Arbeit alle, aber nicht lediglich diejenige, welche die „Arbeiter“ verrichten. Diese Arbeit ist lediglich eine Ausführung einer höheren Arbeit — der Arbeit des Erfinders, des Gelehrten, des Staatsmannes, des Organisators, des Unternehmers. Es kann keinen Staat geben, in welchem es nur ausführende Arbeiter gebe und ohne schöpferische Ideen, zu denen in erster Linie die staatserhaltenden organisatorischen gehören, gebe es weder Arbeit noch Arbeiter. Die ausführenden Arbeiter können höchstens Strikes ins Werk setzen, sie können damit Industrieen zu Grunde richten, aber Industrieen ins Leben rufen können sie nicht. S.45f

Denn während ideale Staatsideen, indem sie das Wesen und die Aufgaben des Staates zu nicht realisirbarer Höhe hinaufschrauben, nur die Erbitterung gegen den wirklichen Staat, der die geweckten Aspirationen nicht befriedigt, steigern, wirkt die sociologische Staatsidee besänftigend und beruhigend, indem sie gerade die Unvermögenheit des Staates, den socialen Kampf je aus der Welt zu schaffen, nachweist. S.48

Die socialistische Staatsidee wird der sociologischen immer ihren „Pessimismus“ vorwerfen. Sie wird einerseits die Zugeständnisse der sociologischen Staatsidee, dass der Staat der Wirklichkeit eine Ordnung der Ungleichheit ist, dankend quittiren aber mit Entrüstung die Begründung zurückweisen, dass dies nicht anders sein könne und gar die Zumuthung sich dieser Ordnung der Ungleichheit zu fügen. Sie wird die sociologische Staatsidee immer eine „pessimistische“ schelten, weil sie den Glauben an den Zukunftsstaat der Gleichen und Freien untergräbt und den „capitalistischen“ Staat als eine aus der naturgesetzlichen socialen Entwicklung sich ergebende Nothwendigkeit hinstellt. Am tollsten geberden sich die „Juristen“ in Vertheidigung der juristischen Staatsidee, weil sie der Meinung sind, dass man das Recht leugnet und zu Grunde richtet, wenn man den Staat aus Gewaltacten hervorgehen lässt, dem Recht seine „rechtliche“ Quelle abgräbt und ein bestehendes Recht gegebenenfalls auch in historischen Katastrophen rettungslos zu Grunde gehen lässt. S.85

Die natürliche Ungleichheit der verschiedenen Menschenhorden war das unvermeidliche Erzeugnis ursprünglich ungleicher Lebensbedingungen — wie denn auch die tägliche Erfahrung noch heute lehrt, dass die Verschiedenheit der Lebensbedingungen auf die Gewohnheiten, die Sitten und den Charakter der Menschen einen entscheidenden, bildenden und umbildenden Einfluss übt. Diese „ursprünglichen“ Ungleichheiten der verschiedenen Menschenhorden sind keineswegs zahlreich; im Gegentheil bewegen sie sich innerhalb sehr enger Grenzen, welche durch die wenigen von der Natur dem Menschen gebotenen Möglichkeiten der Lebenserhaltung gezogen sind. Denn die Möglichkeiten der Lebenserhaltung, welche die Natur den Menschenhorden bietet, sind knapp zugemessen und können an den Fingern einer Hand aufgezählt werden. Sie sind nämlich gegeben durch: Fischfang, Früchte des Erdbodens, Wild des Waldes und Ausbeute anderer Menschen. Eine weitere Möglichkeit der Lebenserhaltung kann es überhaupt nicht geben, so lange Menschen weder von Steinen noch von der Luft leben können. Daher wiederholen sich in allen Welttheilen und in allen Ländern seit jeher dieselben wenigen Hordentypen der Fischesser, der Fruchtesser, der Jäger und der Räuber. Wie nun in jedem organischen Wesen die Keime seiner Entwicklung liegen, so auch in jeder socialen Gruppe. Und zwar liegen in jeder einzelnen Gruppe diese Keime in dem Zug ihrer Bedürfnisse, in den sie umgebenden natürlichen Bedingungen der Befriedigung derselben, endlich in dem Zusammentreffen mit fremden Horden und der dadurch erzeugten socialen Wechselwirkung. Unter solchen Einflüssen entwickeln sich die Fischesser zu Seefahrern und Handelsleuten; die Fruchtesser zu Ackerbauern; die Jäger zu Viehzüchtern und die Räuber zu Kriegern. S.88ff

So ist es z. B. ein geläufiger Irrthum der Naturrechtslehrer, Historiker und Philosophen in jene primitive Menschengruppen „Gemeineigenthum“ hineinzudichten, während es auf jener Stufe der Entwicklung überhaupt an jedem Eigenthumsbegriff mangelt, daher dort weder von einem Privat- noch von einem Gemeineigenthum die Rede sein kann. Wir haben es an einem anderen Orte schon nachgewiesen, dass die Idee des Eigenthums erst in Folge der Eroberung und Landnahme entsteht, dass sie zuerst nicht in der Form von Mein und Dein, sondern von Unser und nicht Euer ins Leben tritt. Die Idee von Gemeineigenthum wie sie von den Communisten und manchen Socialisten gehegt und gepflegt wird, ist nichts mehr, als eine logische Verarbeitung und Umgestaltung unseres Sondereigenthums. S.97f

Den Anstoss zu dieser Staatenbildung geben überall die kriegerischen Horden, die sich aus Räubern zu Kriegern entwickelten. [...] Denn diese hatten schon als Räuber Gelegenheit Früchte fremder Arbeit zu genießen, indem sie bald den Fischessern, bald den Ackerbauern, bald den Viehzüchtern gelegentliche Vorräthe raubten. Sie waren also die ersten, die sich an eine mannigfaltige Kost und mannigfaltige Bedürfnisbefriedigung gewöhnten und daran Geschmack fanden. Sie benützten daher die in räuberischen und kriegerischen Ueberfällen erlangte Übermacht, um sich diese mannigfaltigere Bedürfnisbefriedigung dauernd zu sichern. Dies geschah indem sie unkriegerische Fruchtesser oder Viehzüchter überwältigten und sie zwangen einen Theil der Früchte ihrer Arbeit mit ihnen zu theilen. Erst das Zusammentreffen, also mindestens zweier heterogener Horden, zumeist aber einer friedlichen mit einer räuberischen oder kriegerischen, kann ein Verhältnis von Herrschenden und Beherrschten erzeugen, welches das ewige Merkmal all und jeder staatlichen Gemeinschaft bildet. Erst durch ein solches Zusammentreffen und durch die Schaffung des Verhältnisses von Befehlenden und Gehorchenden, von Herrschenden und Unterworfenen wird ein Kulturherd entfacht, der auf beide Theile einen erziehenden, civilisatorischen Einfluss übt. Und zwar besteht dieser Einfluss darin, dass sich in Folge der Arbeitstheilung die Leistungen der einzelnen Gruppen steigern und die Fähigkeiten specialisiren und potenziren. S.98f

Ist nun aber einmal durch das Zusammentreffen solcher heterogenen socialen Elemente ein Culturherd im Rahmen staatlicher Organisation entstanden, so hängt es meist von der Einsicht und Qualität der Herrschenden ab, ob derselbe zu einer dauernden Entwicklung gelangt oder wie ein schnelles Strohfeuer verflackert. Sind die Herrschenden nämlich so beschaffen und haben sie Einsicht genug die Grundlagen ihrer Herrschaft, in erster Reihe also das unterworfene Volk zu schonen, es in staatserhaltendem Sinne zu leiten, dann wird eine dauernde Entwicklung angebahnt. Ist aber ihr wilder Sinn nur auf augenblicklichen Genuss und rücksichtslose Ausbeutung des Volkes gerichtet und schwächen sie auf diese Weise die Grundlagen der staatlichen Gemeinschaft, dann ist der Untergang des Ganzen unvermeidlich. S.101

Damit soll nicht gesagt sein, dass nicht auch in dem modernen Staat noch sehr vieles verbesserungsbedürftig und vervollkommnungsfähig sei, nur darf man nicht glauben, dass es je einen Staat ohne Herrschaft geben werde und eine Herrschaft ohne Ungleichheit zwischen Herrschenden und Beherrschten. Diese Quadratur des Zirkels zu finden wird auch Wiener Professoren nicht gelingen, es wäre denn, dass sie vielleicht im Stande sind folgendes Problem zu lösen: ein Fass mit Häringen vollpacken auf diese Weise, dass alle von oben auf zu liegen kommen. Oder sind wir vielleicht doch im Irrthum? Gibt es nicht Leute, die diese Quadratur des Zirkels schon längst gefunden haben? Allerdings glauben die Juristen die Formel der Lösung dieser Aufgabe schon längst aufgestellt zu haben. Sie lautet sehr einfach: nur das Gesetz herrscht; unter der Herrschaft des Gesetzes sind alle gleich und der Monarch ist der erste Diener des Gesetzes. Das ist sehr schön gesagt; wem eine Phrase genügt, wo ein Gedanke fehlt, kann sich damit zufrieden geben. Ein Gesetz aber muss erstens von Jemandem erlassen und zweitens von Jemandem ausgeführt werden. Diese beiden Jemande sind keineswegs gleichgiltige Nebenpersonen und wenn sie gar in einer Person vereinigt sind, wie das ja sogar in Republiken vorzukommen pflegt, so sind sie beinahe mehr wie das Gesetz. [...] Denn ein Gesetz ist keine Offenbarung; es fällt nicht vom Himmel; es setzt einen Gesetzgeber voraus, der es sanctionirt und erlässt und diese Thätigkeit gegebenenfalls auch unterlassen könnte; der aber auch das sanctionirte und erlassene Gesetz unter Umständen modificiren oder aufheben kann. Ferner kann es kein Gesetz geben, welches für immer, unter allen Verhältnissen, einen unzweifelhaften Sinn offenbaren würde. Daran ist die Unvollkommenheit der menschlichen Sprache und die unendliche Verschiedenheit der concreten Verhältnisse schuld, die kein Gesetzgeber voraussehen kann. Die Anwendung und Ausführung des Gesetzes setzt also wieder jemanden voraus, der in letzter Instanz dasselbe erklärt, also unter Umständen immer neu schafft und nach seiner Erklärung ausführen lässt. Unter so bewandten Verhältnissen nun herrscht offenbar nicht das Gesetz, sondern derjenige, der alle diese Operationen mit dem Gesetze vornehmen und auch die Wirkungen des bestehenden Gesetzes jedesmal aufheben kann. S.117f

Die höchste herrschende Gruppe im Staate hat nun offenbar zum Zwecke der Selbsterhaltung das größte Interesse an der Erhaltung des Staates, weil ihre ganze sociale Stellung von der Erhaltung desselben abhängt. Dieses Streben aber der Mächtigsten im Staate nach Selbsterhaltung und Erhaltung des Staates, in dem sie die herrschende Stellung einnehmen, concentrirt sich unbewusst im Herrscher, den sie umgeben und erzeugt in ihm die stärksten, seine Willensbildung entscheidend beeinflussenden Motive. Daher ist es der Wille dieses socialen Kreises, der im Herrscherwillen zum Ausdruck gelangt. Diese sociologische Wahrheit haben mit ganz richtigem Instincte die herrschenden Classen der europäischen Monarchieen erkannt, indem sie sich auf die Wahl der Umgebung des Monarchen von jeher einen gesetzlichen Einfluss sicherten. Sie fühlten es ganz richtig, dass die Umgebung die Willensbildung des Monarchen beeinflusse und dass Männer aus ihrer Mitte keine andere Willensrichtung haben können, als diejenige, die sich aus den stärksten socialen Motiven ihrer Classe und ihres Standes ergibt. Daher ist es vollkommen richtig, dass es der Wille der herrschenden Classen ist, welcher in dem Willen des Monarchen zum Ausdruck kommt und im Staate herrscht. S.120f

Wie das Rudel Wölfe die Menschen sucht, die Pferde anfällt, auf die Schafherde sich stürzt, aber unter einander Frieden hält: so die einheitliche und gleichheitliche Horde. Wenn ihr aber keine Fremden in den Weg kommen? — dann gibt es keinen Zusammenstoss, dann gibt es keinen Kampf, dann gibt es keine Entwicklung. Dann nährt sie sich Jahrtausende so gut es eben geht von Früchten und Wurzeln, oder von Fischen und Schalthieren oder jagt Jahrtausende ihr Wild und bleibt im stagnirenden Zustande des Naturvolkes. Die Völkerkunde bietet uns unzählige Beispiele solcher „friedlichen“ Völker; sie bleiben auf der Stufe der Affen; sie kennen keinen Krieg, keine Führung, keinen Befehl, keinen Zusammenstoss mit Fremden, sie „beuten nicht aus“ und werden nicht „ausgebeutet,“ sie kennen keine Ungleichheit; ihre Freiheit ist unbeschränkt; sie sind die vollkommensten — Affen. Aus diesem thierähnlichen Zustande rettet die Menschen nur — Uebermacht und Gewalt anderer Menschen. Die Rolle, welche Uebermacht und Gewalt in der Geschichte der Menschheit spielt, wird von jenen bedeutend unterschätzt, welche glauben, dieselbe aus der socialen Welt eliminiren zu können; und doch liegt in denselben eine elementare Kraft, ohne deren Wirken weder Staaten gegründet, noch Staaten erhalten werden können. Mit unvermeidlicher Nothwendigkeit wird die Gewalt beim Zusammenstoss heterogener socialer Elemente ausgelöst. Mögen es die Europäer versuchen, europäische Cultur und Gesittung nach Afrika zu tragen — auf gütlichem Wege! — Nie hat menschliche Geschichte einen Schritt vorwärts gethan, und wird nie einen solchen thun, ohne Beihilfe dieser elementaren Kraft. S.125f

Denn dieser sociale Kampf ist nicht etwas Abnormes, sondern der normalste Zustand jedes Staates und je mehr in einem Staate gekämpft wird, desto intensiver ist sein geschichtliches Leben, desto grössere Dienste leistet er der Sache der Menschheit. Denn endlich und schliesslich bringt ja jede neuerklommene Stufe der socialen Entwicklung eine höhere Form des socialen Daseins zur Reife. S.128

Geschichte der Staatstheorien

Es ist bezeichnend, daß Rom, dem die Welt die Schöpfung des Zivilrechts und der Jurisprudenz verdankt, keinen einzigen Staatstheoretiker hervorbrachte. Denn es giebt keinen größeren Gegensatz als Jurisprudenz und Staatswissenschaft. Die Jurisprudenz ist nämlich der engere konzentrische Kreis, der in der Staatswissenschaft enthalten ist. Von der Jurisprudenz aus kann man den Staat nicht begreifen. Das Sichvertiefen in die Jurisprudenz macht für die Auffassung des Staates als natürlicher Erscheinung blind und die Methoden der Jurisprudenz stumpfen jeden Sinn für die Staatswissenschaft ab. Die Römer hatten alle ihre Geisteskräfte auf die Rechtsordnung im Staate gerichtet: für den Staat selbst als Naturerscheinung hatten sie keinen Sinn. Auch ist der erobernde Großstaat nicht das geeignete Terrain für die Staatswissenschaft, die inmitten einer Vielheit von Kleinstaaten viel eher sich entwickelt. Daher war nach Griechenland erst wieder die Kleinstaatenwelt Italiens der beginnenden Neuzeit dem Aufblühen der Staatswissenschaft günstig. Die Römer hatten nur Sinn für den inneren Ausbau Roms: für die Betrachtung des Staates als solchen, die sieh erst aus der Vergleichung einer Vielheit von Staaten ergibt, fehlte ihnen der nötige Gesichtspunkt. S.75

Die Geschichte Frankreichs ist für die Theorie des Staates typisch; ein vortreffliches Paradigma. Ein fremder Kriegerschwarm, die Franken, erobert es und verteilt das Territorium unter seine Führer und Mannen. Die einzelnen geographischen Abschnitte und Partikel des Landes bilden die Herrschaftsgebiete dieser „feudalen Herren.“ Die zahlreichen Städte und ihre Bewohner stehen zunächst auf höherer Kulturstufe als die „herrschende Klasse.“ Schon die früheren Eroberer des Landes, die Römer, sorgten dafür. Von den Franken überwunden, bilden sie das kulturelle Element, die gebildete Mittelklasse des Volkes. Sie sind schon Christen, während die „Barbaren“ noch Heiden sind. Doch die Barbaren haben den richtigen Instinkt der Herrschaft, sie schließen einen Bund mit der Kirche, um auf diese Weise „die Christen“ besser beherrschen zu können. So schließen sich alle disparaten Elemente zu einem sozialen Ganzen zusammen. Obenauf bleiben Barbaren und Bischöfe als Herren; Provinzialen, Romanen, allerhand fremde Händler und Kolonisten bevölkern die Städte, treiben Handel und Gewerbe, sogar Wissenschaften und Künste: ein blühender Mittelstand. Das flache Land bewohnt die unfreie Landbevölkerung. S.140f

Auf diesem Wege ging es nun weiter — bis der Größte alle Großen gefressen haben wird. Im 15. Jahrhundert ist die absolute Monarchie fast schon am Ziele angelangt, das sie im 17, und 18. ganz erreicht haben wird. [...] verfolgte das Königtum die Tendenz, sich als souveräne Macht in Frankreich geltend zu machen, und zwar im Bunde mit der wachsenden Macht des Mittelstandes, der Städte. Diese Entwicklung der Dinge führte dazu, daß die liberalen Theoretiker der Staatswissenschaft sich auf die Seite des souveränen Monarchen und gegen die Vorrechte der feudalen Herren stellten. S.141f

Das schwierigste Problem der Staatswissenschaft ist die Erklärung der Ursache der verschiedenen Entwicklung der einzelnen Staaten trotz ihres wesentlich gleichen Inhalts. Alle sind sie Organisationen der Herrschaft; alle sind sie aus Eroberungen landfremder Kriegerschwärme hervorgegangen. Bei allen hat sich diese Herrschaft derselben Mittel der Selbsterhaltung bedient. Bei allen trat im Laufe der Entwicklung eine Klassenschichtung des Volkes ein, welche eine öffentliche Rechtsordnung, ein Staatsrecht erzeugte. S.174

An Hobbes können wir es lernen, daß man ein tiefer Denker sein kann auf dem Gebiet der Naturwissenschaften, ja sogar ein guter Mathematiker und nicht übler Anthropolog und doch in der Kenntnis des Staates und der Gesellschaft ganz blind sein. Diese Erfahrung, daß Philosophen und Naturwissenschaftler sozialblind sind, machen wir nicht nur an den Materialisten und Encyclopädisten des 18. Jahrhunderts, sondern wir können diese Sozialblindheit auch an einem der größten Naturforscher unserer Zeit, an Ernst Häckel beobachten. [...] Bei Hobbes wurzeln übrigens seine Irrtümer in der Mangelhaftigkeit seiner soziologischen Kenntnisse. So ist z. B. die erste seiner Prämissen von dem ursprünglichen Kampfe aller gegen alle, einfach falsch. Einen solchen Zustand hat es unter Menschen nie gegeben. Einen solchen Zustand gibt es ja auch unter Wölfen nicht, und schlechter als die Wölfe sind die Menschen doch nicht. [...] Die Wahrheit aber, die Hobbes nicht erkannte ist: die Menschen waren auch im Naturzustande nie so schlecht wie er sie sich dachte, und die Staatengründung hat sich nie so gemütlich abgespielt, wie er es uns darstellt. — Hobbes ganzes System des Absolutismus beruht auf diesen zwei falschen Prämissen. S.199f

Der Eine stellt den König als Vater, der Andere als Diener des Volkes dar, daß er ein Herrscher ist, sagt keiner. Und doch ist die Erkenntnis dieser einfachen Wahrheit, die Voraussetzung der richtigen Beurteilung des Verhältnisses zwischen König und Volk. S.205

... eingeschlagene Bahn weder in Frankreich, noch in Deutschland verfolgt worden; dort, wie hier, haben nach ihm vielmehr die unwissenschaftliche Naturrechtlerei und phantastische Ideologie Triumphe gefeiert. An erster Stelle ist hier Rousseau zu nennen. [...] Die Akademie von Dijon schrieb einen Preis aus auf die beste Beantwortung der Frage: „Hat der Fortschritt der Wissenschaften und Künste beigetragen, die Sitten zu verderben oder sie zu veredeln?“ Marmontel erzählt, daß Rousseau auf einem Spaziergange mit Diderot diesem seine Absicht vertraute, um diesen Akademiepreis sich zu. bewerben. „Und wie wollen Sie diese Frage beantworten?“ frug Diderot. „Nun selbstverständlich , daß die Wissenschaften und Künste die Sitten veredeln!“ „Seien Sie nicht kindisch, meinte Diderot, über diese Eselsbrücke werden alle Mittelmäßigkeiten ziehen. Die Begründung des Gegenteils bietet für Philosophie und Beredtsamkeit ein viel dankbareres Feld.“ Diderot's Gedanke zündete wie ein Blitz. „Sie haben recht“, sagte Rousseau nach einer Weile Nachdenkens, — „ich folge Ihrem Rat.“ Und so geschah es. Rousseau schilderte mit glühenden Farben den Verfall der Sitten und die Verderbtheit der Menschen als Folge der Wissenschaften und Künste, und die biederen Akademiker von Dijon erkannten ihm den ersten Preis zu. Damit ward er eine literarische Berühmtheit. S.246f

Denn man kann Philosoph, Wahrheitsforscher sein oder Weltverbesserer; aber nicht beides zugleich sein wollen. Wenigstens nicht in einer Zeit, wo die Wahrheit noch lange nicht erforscht ist, diese Erforschung zu dem Zwecke unternehmen, um auf die erst zu erforschende Wahrheit die Umgestaltung der Menschheit zu gründen. Einer solchen Riesenaufgabe ist auch ein Genie nicht gewachsen —das sollte sich leider an Comte zeigen. S.324

Nach dieser soziologischen Theorie des „Rassenkampfes“ ist der Staat ursprünglich aus dem Zusammentreffen heterogener Gruppen entstanden, von denen die einen die anderen mittelst einer entsprechenden Organisation beherrschen, welche Herrschafts-Organisation eben den Staat ausmacht. Diese sozialen Gruppen sind die Träger der „gesellschaftlichen Kräfte“ und ihre „Machtverhältnisse“ zu einander entscheiden über die Verfassung, die innere Struktur, die Form des Staates. Erst auf Grund einer solchen Erkenntnis ist eine Wissenschaft vom Staate möglich und auf Grund einer solchen „soziologischen Erkenntnis“ des Staates ist Politik als Wissenschaft möglich, welche uns erst recht das innerste Wesen des Staates aufdeckt und eine neue Periode der Staatswissenschaft inauguriert, an der das 20. Jahrhundert munter schaffen möge. — Diese neue Bahn aber, eine Wissenschaft der Politik geschaffen zu haben, ist [...] das Werk Gustav Ratzenhofers. S.436

Unter Horde verstehen wir jene Vereinigung von Menschen, deren Zusammenleben auf der Blutliebe begründet ist, was Weibergemeinschaft und Vatersunkenntnis voraussetzt; die Macht der Blutbeziehungen der Einzelindividuen ist so groß, daß sie vereint leben und herdenartig ihrer Ernährung nachgehen. Da die Horde wegen ihrer Ernährung nomadisiert, stoßen früher oder später zwei Horden zusammen. Der Zusammenstoß führt, wenn sie sich nicht fliehen, zum Kampfe, welcher für die besiegte Horde zwei. Wirkungen haben kann: die individuelle Vernichtung, d. i. die Ausrottung oder die politische Vernichtung, d. i. die Unterwerfung und Dienstbarmachung. Die den Kampf überdauernden Individuen des besiegten Teiles werden Sklaven und zwar der Mann zum Zwecke der Arbeit, das Weib aber außerdem noch zum Zwecke der Geschlechtsliebe. — Diese gesellschaftliche Berührung hat nun sofort eine Reihe von Wirkungen zur Folge. Der Kampf gibt dem Manne eine bevorrechtete Stellung; die Stärksten und Klügsten werden Führer; denselben wenden sich die Vorteile des Sieges durch eine größere Zahl Sklaven und Sklavinnen zu; es tritt Herrschaftsverhältnis in den Häuptlingen hervor; die Individuen zerfallen in Herrschende und Sklaven; die Kinder der Sklavinnen folgen im Besitz dem Eigentümer der Sklavin, welcher daher die Geschlechtsgemeinschaft mit seiner Sklavin verbietet und an die Stelle des Mutterrechts das Vaterrecht setzt. Durch die hier geschilderten Vorgänge werden die „grundsätzlichen Erscheinungen“, auch aller späteren sogar der „höchst entwickelten Gesellschaftsgebilde“ hervorgerufen. Das sind: 1. Die soziale Ungleichheit (Bevorrechtete und Dienstbare). 2. Die politische Ungleichheit (in den Abstufungen der Herrschaftsverhältnisse). 3. Die individuelle Ungleichheit „da durch die physische Vermischung der Horden die physischen und durch die soziale Ungleichheit die geistigen Merkmale der Individuen vielgestaltig werden.“ Durch „weitere Zusammenstöße“ der so bereits komplizierten Gesellschaftsverbände entsteht eine immer größere „Vielgestaltigkeit“ derselben. Auch tritt in Folge dessen „eine Ungleichheit des Besitzes ein, die sich durch den Einfluß natürlicher Bedingungen fortgesetzt steigert und das Recht erzeugt. S.448

Wir fragen, wer hat bis auf Ratzenhofer den Mut gehabt, diese Grundtatsachen des gesellschaftlichen Lebens bei ihrem wahren Namen zu nennen? Man vergleiche mit dieser männlichen Offenheit und Geradheit die Feigheit der zünftigen Staatslehre, die gegenüber diesen Tatsachen eine Vogel-Strauß-Politik spielt, oder mit nebelhaften Phrasen sich und andere zu täuschen versucht. S.452

„Diese Vielgestaltigkeit der politischen Interessen ist aber nur eine Äußerlichkeit.“ Prüfen wir sie auf ihren Inhalt, „so werden wir alsbald jedem Interesse den geistigen oder sittlichen Wert abzustreifen vermögen und schließlich zur Einsicht gelangen, daß die Befriedigung der unentbehrlichen materiellen Bedürfnisse den Menschen das einzige wahre, das absolute politische Interesse ist, welches unter Vorspiegelung verschiedener, relativer Interessen zum Ausdruck gelangt. Dem absoluten Interesse strebt die Politik alles erreichbare Vermögen der Natur einschließlich der Menschen dienstbar zu machen; daher war das Los des Besiegten seit jeher die Sklaverei, einst unmittelbar jetzt mittelbar.“ Das Streben nach Befriedigung dieses absoluten Interesses ist Politik. Dieses Streben schürt ewig den sozialen und politischen Kampf — zwischen den Gesellschaftsgebilden im Staate und den Staaten als politischen Persönlichkeiten untereinander. S.458f

Daher kämpfen die politischen Persönlichkeiten „nicht um das Recht an sich, sondern um die Macht.“ [...] Dabei hatte jeder die Vorteile der eigenen Partei im Auge und wollte obendrein sich selbst in schönstem Lichte darstellen als beseelt von Moral, Ethik und allen möglichen schönen und erhabenen Motiven. Dabei kam alles mögliche heraus, nur nicht die Wahrheit. Ratzenhofer befolgt einen ganz andern Weg. So wie der Zoologe das Vorgehen des Löwen beschreibt, der im Busch sich auf die Lauer legt und zum Sprunge auf die erspähte Beute sich bereit macht, sie erhascht und würgt; wie der Zoologe die Katze beschreibt, die eine Maus fängt, oder den Käfer, der sich tot stellt, um den Angreifer zu täuschen: so beschreibt Ratzenhofer die Taktik jeder einzelnen „politischen Persönlichkeit.“ S.461f

Auf die Frage: „was will der Staat gegenüber den Daseinskämpfen seiner Gesellschaft?“ lautet Ratzenhofers Antwort: „Der Staat sucht den Interessenkampf, gestützt auf ein Herrschaftsverhältnis, auf die Bahn des positiven Rechtes zu verweisen.“ [...] „Dasselbe ist der Logos aller politischen Erkenntnis; was außer ihm in der Politik angerufen wird, ist Selbsttäuschung, Phrase oder Lüge“. Der Staat also einerseits und die „politischen Persönlichkeiten“, aus denen die „staatliche Gesellschaft“ besteht, bilden das Schauspielerpersonal auf der Arena des politischen Kampfes im Staate. Unter sich und zwischen einander haben dieselben „gegensätzliche Interessen, wodurch sie sich scheiden, sodann verbindende Interessen, wodurch sie unter sich politische Verbände, Partei-Gruppen bilden.“ S.463

„Der Staat stellt sich in diesem Überblick als ein soziales Verschmelzungsprodukt divergierender Bestrebungen primitiver Gemeinschaften dar. Dem kulturtreibenden seßhaften Stamm tritt der im Kampfe überlegene, kulturell tieferstehende Nomadenstamm sieghaft entgegen; die Dienstbarmachung des ersteren ist der Zweck des letzteren und aller politische Kampf in diesem Staate ist sodann der Veränderung dieses Herrschaftsverhältnisses zugewendet.“ S.485

An dem so zu einer juristischen Persönlichkeit degradierten Staate die Künste der juristischen Dogmatik zu üben, das ist einfach geistige Onanie, welches Laster an den juristischen Fakultäten Deutschlands und Österreichs leider sehr verbreitet ist. S.502

Eine Geschichte der Staatstheorien darf diejenige Theorie, wonach der Staat überhaupt eine überflüssige Einrichtung und dessen gänzliche Beseitigung anzustreben sei, nicht unerwähnt lassen. Und das um so weniger, da diese Idee des „Anarchismus“ eine direkte Konsequenz gewisser Staatstheorien ist, die wir betrachtet haben. Sie ist nämlich ebensowohl eine Konsequenz solcher weltflüchtigen Theorien, wie der des hl. Augustin und vieler Kirchenväter, wie auch übertriebener individualistischer Theorien, wonach die größte Freiheit und Selbstbestimmung des Individuums das höchste Ziel aller Menschheitsentwicklung bildet. Beide diese Theorien aber entstehen immer als Reaktion gegen absolutistische und despotische Übergriffe des Staates und es ist gewiß kein Zufall, daß die modernen anarchistischen Theorien in Europa hauptsächlich von drei Russen gepredigt wurden, von Bakunin, Kropotkin und Tolstoi. Sie fühlten die unmenschlichen Übergriffe des russischen Despotismus und suchten zu beweisen, daß der Staat als solcher überflüssig und nur ein Mittel der Bedrückung, daher ein Hindernis der Entfaltung freien Menschentunis sei. Braucht es nach dem bisher Ausgeführten noch gesagt zu werden, daß diese Theorien den naturgesetzlichen Charakter des Staates als sozialer Erscheinung verkennen? Daß sie auf der falschen Voraussetzung beruhen, daß der Staat ein Werk freien, menschlichen Willens oder gar der Willkür der Machthaber sei? Daß sie in der Überschätzung der Macht des Individuums, seiner Bedeutung und seines Wertes wurzeln? Wenn uns solche Theorien von revolutionären Agitatoren wie Bakunin gepredigt werden: so haben wir in denselben nur ein Mittel zu revolutionären Zwecken zu sehen; der bestehende Staat paßt ihnen nicht aus allerhand Gründen, da, rufen sie einfach; weg mit dem Staat! In den Begründungen dieses Rufes haben wir bei dieser Sorte Anarchisten keine wissenschaftlichen Erkenntnisse zu suchen. S.515f

Und noch ein weiteres, soziologisches Bedenken. Die Tatsachen der Geschichte und der Erfahrung lehren uns, daß alle politischen Aktionen sich gruppenweise abspielen, nicht als individuelle Handlungen. Es wird Krieg geführt von Gruppen gegen Gruppen; ebenso werden Revolutionen gemacht. In den Parlamenten kämpfen Parteien gegen Parteien, ebenso bei Wahlen. Politische Agitationen zielen auf Werbung von Gruppen; politische Propaganda ebenso. Nun ist es aber eine weitere Tatsache, daß bei allen diesen Gruppenbildungen nie auf Rasse gesehen wird, sondern auf Willigkeit und Tauglichkeit. Man assentiert Militär nach Tauglichkeit und nicht nach Rasse; man wirbt „Genossen“ nicht nach Rasse, sondern nach Bereitwilligkeit zur Sozialdemokratie zu gehören. Auch ein „Bund der Landwirte“ sieht nicht auf blondes Haar und blaue Augen, sondern auf Landbesitz u. s. f. Denn bei all diesen politischen Aktionen braucht man nicht Rasse, sondern — Masse. Und das ist begreiflich, denn alle diese Aktionen verfolgen greifbare soziale, wirtschaftliche, politische Interessen, bei deren Verfolgung die Rasse nicht in Betracht kommt. Nach den modernen Rassentheorien sollte da überall eigentlich die Rasse ausschlaggebend und Prinzip der Gruppenbildung sein. Nun bilden sich aber alle solche Gruppen aus Interessentenkreisen; das Interesse ist maßgebend. Ist es leicht denkbar, daß in der Zukunft statt des Interesses die Rassenzugehörigkeit in der Politik und im sozialen Kampfe das alleinige Kriterium bei politischer und sozialer Gruppenbildung entscheidend sein solle? S.552

Warum haben die Nordgermanen nicht von ihrer Heimat, etwa von Upsala aus, eine päpstliche Weltherrschaft gegründet ? Das wäre dann eher eine Schöpfung der germanischen Rasse. Warum haben sie erst die weite Reise nach Rom gemacht und sich allerlei Strapazen ausgesetzt? Ist es denn nicht klar, daß es zuerst eine römische weltliche Herrschaft gegeben habe, daß erst orientalische Seelenverknechtung vorhergegangen sein mußte, ehe aus all diesen Elementen unter Hinzutritt normannischen Piraten- und Banditengeistes die großartige Weltherrschafts- Organisation des Papsttumes entstehen konnte. Der Irrtum der modernen Rassentheoretiker scheint also darin zu liegen, daß sie für eine einzelne mitwirkende Rasse reklamieren, was nur aus dem Zusammen wirken einer Vielheit von Rassen erklärt werden kann. Es ist, als ob man die Wirkung eines Orchesterkonzertes nur für die darin mitwirkende große Pauke reklamieren wollte. S.553f

Wir haben eine mehr als zweitausendjährige Entwicklung der Staatstheorien in Europa überblickt. Das Auffallendste ist wohl an derselben, daß wir in der Erkenntnis der Natur und des Wesens des Staates keinerlei bedeutende Fortschritte konstatieren konnten. Vor mehr als 2000 Jahren stand Aristoteles auf viel höherer Stufe, sowohl in der Forschungsmethode wie auch in der Kenntnis der innersten Natur des Staates und der Gesellschaft als die Autoritäten der Staatswissenschaft bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts und heute noch herrscht in den für die akademische Jugend bestimmten „Staatslehren“ eine sinn- und geistlose Phraseologie, über die die Jünger des Aristoteles sich lustig machen würden. Vergleichen wir die Fortschritte, die auf den Gebieten anderer Wissenschaften, z. B. der Anthropologie, der Physik, der Physiologie in derselben 2000jährigen Periode gemacht wurden, mit der Entwicklung der Staatswissenschaft, so müssen wir nicht nur einen Mangel jedes Fortschritts, sondern hie und da sogar einen Rückschritt konstatieren. Was ist die Ursache dieser seltsamen Erscheinung? Wir haben dieselbe schon vielfach angedeutet. Es hat sich beim Staate nie um eine ehrliche Erkenntnis desselben gehandelt, sondern immer nur um eine solche Theorie, die dem Interesse der jeweiligen Machthaber oder einer um die Herrschaft im Staate kämpfenden Partei dienlich wäre; ihren Ansprüchen zur Grundlage dienen könnte. Staatstheorien wurden immer nur als Mittel für Parteizwecke aufgestellt: nie im Interesse der Wissenschaft. S.559

Denn auch in den freiesten Staaten bedürfen die Regierungen eines theoretischen Schatzes, einer Begründung und Rechtfertigung der bestehenden Staatsform. Nehmen wir z. B. Frankreich. Die Republik beruht angeblich auf dem Grundsatze der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. So lange die Republik besteht, wird sie immer einer Staatstheorie bedürfen und sie leicht finden, welche beweist, daß die französische Republik die Verkörperung dieser Grundsätze ist, und daß alle ihre Institutionen aus diesen Grundsätzen abgeleitet sind. Bei diesen Nachweisen und Deduktionen spielt die Juristerei eine wichtige Rolle; denn mit Hilfe der Juristerei kann alles deduziert und erwiesen werden. S.562

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Gumplowiczs Antwort auf einen Brief Herzls vom Vortag

Geehrtester Herr Doctor! Sie thun mir Unrecht wenn Sie glauben dass ich Ihre Congressrede u. Schriften (auch die Nordaus!) nicht kenne – ich habe sie alle gelesen und besitze sie. Gelesen mit Überwindung denn ich war oft wüthend über Sie beide – zu wiederholten Malen warf ich die Schriften wüthend unter den Tisch – um sie dann wieder aufmerksam weiter zu lesen – mit steigendem Ingrimm. Ich möchte Sie beide verdammen – wenn ich nicht Determinist wäre und keinen Verbrecher verdamme. Ich bin alter Vertheidiger in Strafsachen und würde auch für Sie und Nordau warm plädieren: denn Ihre Motive begreife ich, die Naturnothwendigkeit für Ihre traurige unsinnige Strömung begreife ich – und last not least ich glaube, dass sie trotz alledem - trotz all dem Unsinn der in ihr steckt doch etwas Gutes mit sich bringen wird nähmlich [sic] eine Selbstbesinnung des Judenthums und eine Anbahnung moralischer Hebung. Sie fragen, warum ich still sass und nichtgegenden Zionismus auftrat? Weil es vergebens wäre – weil erzu natürlich ist, aber trotzdem eine – Fehlbewegung! (Es giebt viel Fehlbewegungen u. Strömungen die schliesslich doch etwas Gutes schaffen – d. h. sie erreichen wohl nicht ihr proclamirtes Ziel aber erzeugen einige respectable Nebenproductean die sie nicht gedacht haben. Auch der Socialismus ist ja eine solche Bewegung!) Übrigens, was brauche ich gegen den Zionismus aufzutreten – da ich seit 25 Jahren eine denselben von Grund aus widerlegende Theorie in zahlreichen Schriften entwickle! Ihre theoretischen, historisch garnirten Grundlagen des Zionismus sind allefalsch! Ihr seidt in einem schrecklichen historischen Irrthum befangen – u. von einer politischen Naivität wie ich sie nur Dichtern verzeihen kann. Ihr wisst nicht dass die Juden zweimal grosse historische Falsch-Meldungen begangen haben – einmal als sie sich in Palästina meldeten dass sie direkt aus Egypten kommen – das 2te Mal als sie im Osten Europas sich meldeten dass sie aus Palästina kommen! Beides ist falsch! Ebenso falsch als dass unsere “Arier“ aus Indien kommen! Wie man hier fälschlich aus der Sprache auf die Abstammung folgert, folgert man dort fälschlich aus der Religion auf die Abstammung! Im literarischen Nachlasse m. Sohnes Max findet sich eine Abhandl. über die “Anfänge der jüd. Religion in Polen“ – die ich zu veröffentlichen Bedenken trage um nicht den Antisemiten noch einige Schimpfwörter zu liefern – die aber die Wahrheit nachweist wer eigentlich diese Millionen poln. u. russischer Juden sind! In Palästina waren ihre Vorfahren eben so wenig wie die Palästinenser in Egypten! Das ist Ihre historische Grundlage! Und nun Ihre politische Naivität! Sie wollen einen Staat ohne Blutvergiessen gründen? Wo haben Sie das gesehen? Ohne Gewalt u. ohne List? So ganz offen u. ehrlich – auf Actien? Gehen Sie und schreiben Sie Gedichte u. Feuilletons mitsamt dem Nordau – aber lassen's mich aus mit Ihrer Politik! Oder rechnen Sie auf den Gondel-Willi und den Abdul- Hamid? Sie glauben diese zwei fetten Fleischklumpen können einen Staat gründen für die Juden – auch wenn sie nicht solche „achbroischim“ [jiddisch: “Ratten“] wären wie sie sind! Lieber Herr Doctor! verzeihen Sie meine so vertraute Offenheit – das sind m. Ansichten über die Sache. Da ich mich nicht für unfehlbar halte so rede ich Niemandem ab von dem Zionismus der ihm anhängt. Zu mir kommen begeisterte Zionisten u. fragen mich um Rath (z. B. Dr.Moses Schorr aus Lemberg). Ich sagte ihm – ich theile diese Ansichten nicht – doch mache ich keine antizionistische Propaganda – ich ziehe Niemanden ab davon! Ich weiss ja nicht wozu dieser naturnothwendig entstandene Unsinn gut sein kann? Da ich das nicht weiss – so halte ich ich mich fern u. passiv. Ich bedaure diese Bewegung – wie ich den armen Kranken bedaure der sich in Schmerzen windet u. dem ich nicht helfen kann! Mit bestem Gruss! Ihr ergebenster Gumplowicz.