Himmelsklänge, von Mozart, Haydn und Salieri geliebt - und doch beinahe vergessen!

in deutsch •  7 months ago

Was wäre die Welt ohne die Menschen, die sich einfach etwas in den Kopf setzen und verwirklichen? Zum Glück gehören Christa und Gerald Schönfeldinger zu dieser Sorte und haben einen zerbrechlichen Schatz gehoben: die Glasharmonika. Inzwischen hat das Instrument wieder Einzug in die Konzertsäle der Welt gehalten.

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Das Wiener Glasharmonika Duo - Wer sind die beiden?

Die Welt der Glasklänge eröffnete sich dem Ehepaar Christa und Gerald Schönfeldinger Anfang der Neunzigerjahre. Zunächst schlugen sie nach ihrem Violinstudium die Orchesterlaufbahn ein. Gerald ist Spross einer westpannonischen Musikantenfamilie in der bereits fünften Generation, Christa, als gebürtige Wienerin infiltriert mit dem Gefühl für Melodie und Rhythmus.

Wie kamen sie auf die Glasharmonika?

Ausgerechnet ein Musikrätsel in den Salzburger Nachrichten machte das Ehepaar auf die Glasharmonika aufmerksam. Von da an ist das Schicksal des Wiener Glasharmonika Duos untrennbar mit der Geschichte der Glasharmonika verbunden.

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Was ist eine Glasharmonika?

Die Geschichte beginnt um 1760.

Als Erfinder der Glasharmonika gilt allgemein Benjamin Franklin. Der amerikanische Diplomat, Naturwissenschafter, Erfinder (u. A. des Blitzableiters 1752) und Mitglied der St. John's Freimaurerloge hörte anlässlich eines Londonaufenthaltes ein Präsentationskonzert von Edmund Delaval auf den Musical Glasses, einem Vorläuferinstrument der Glasharmonika. Dieses Erlebnis regte ihn zur Erfindung der Glasharmonika an. (http://www.glasharmonika.at/die-instrumente)

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Auf dieser Seite findet sich auch eine detaillierte Beschreibung der Bau- und Funktionsweise. Hier Ausschnitte davon:

Die Spieltechnik war durch die Musical Glasses schon eingeführt; auch die Anbringung einzelner etwa halbkugelförmiger Glasschalen mit einem Halsansatz bzw. Loch im Zentrum ihrer Wölbung mittels Korkstopfen auf einer horizontalen Achse war schon 1741 zur Verwendung in Glockenspielen und später auch Uhrenglockenspielen bekannt. Franklin wird allgemein die Idee zuerkannt, die auf einer gemeinsamen Achse befindlichen Glasschalen mit einem Fußantrieb in Rotation zu versetzen, wodurch auf den Gläsern von einem Spieler Stücke im Schwierigkeitsgrad der Klavierliteratur ausführbar wurden. Auch durch die geringen Abstände der einzelnen ineinander montierten Schalen, deren Durchmesser zu den hohen Tönen hin abnimmt, ergeben sich den Tasteninstrumenten vergleichbare spieltechnische Möglichkeiten.
Die ersten Konzerte auf der neuen Harmonika (wie die franklinsche Armonica seit ihrer Verbreitung im deutschsprachigen Raum genannt wurde) gab Marianne Davies (1740 - ca. 1818), eine Verwandte von Franklin, schon Anfang 1762 im Great Room in Spring Gardens und kurz darauf in Bristol, London und Dublin. In Amerika spielte Stephen Forrage im Dezember 1764 in den Assembly Rooms in Lodge Alley / Philadelphia als erster die Harmonika in einem öffentlichen Konzert. Marianne Davies unternahm 1768 zusammen mit ihrer Schwester, der Sängerin Cecilia Davies (1750-1836), eine Konzertreise durch Europa und insbesondere nach Italien. Franklin hatte Marianne Davies eigens ein Instrument dafür überlassen...
In der weiteren Entwicklung der Glasharmonika zum ausgesprochenen Modeinstrument wurden alsbald weitere Instrumente in großer Anzahl gerade in den damals deutsch- sprachigen Gebieten von zahlreichen Herstellern angefertigt. In diesen Regionen waren die zur Glasherstellung notwendigen Rohstoffe reichhaltig vorhanden und die Techniken der Glasverarbeitung entsprechend weit entwickelt. Der Karlsruher Hofkapellmeister J.A. Schmittbaur erweiterte als erster den Tonumfang seiner Harmonika von c-f" (später c-c"")...

Musikfest Stuttgart 2011 Wiener Glasharmonika Duo

Philip Glass, Musicbox, Wiener Glasharmonika Duo

Nicht zu verwechseln!

Einige von uns sind vertraut mit der sogenannten Glasharfe, bestehend aus einem Ensemble von mit Wasser gefüllten Gläsern. Zum Klangvergleich und zum Vergleich der Spieltechnik hier ein Beispiel:

Sugar Plum Fairy by Tchaikovsky - GlassDuo LIVE (glass harp) (bitte nicht zu verwechseln mit dem Wiener Glasharmonika Duo!)

Und was ist das Verrophon?

Ein sehr neues Instrument!

Auch hier finden wir dankenswerterweise eine genaue Erklärung auf de Seite des Wiener Glasharmonika-Duos. Die beiden sind nicht nur begnadete Musiker, sondern haben auch hervorragende Forschungsarbeit im Bereich der Musikwissenschaft geleistet.

http://www.glasharmonika.at/das-verrophone

Der Instrumentenbauer Sascha Reckert, der heute wieder die Glasharmonika herstellt, erfand 1983 eine moderne Form der "musical glasses" das Verrophon.

Senkrecht in einem Holzkorpus befestigte Glasröhren werden an den oberen Rändern angespielt, das Glas beginnt zu schwingen und der Ton erklingt. Die Tonhöhe wird durch die Länge der Röhre bestimmt, die Stimmung ist temperiert, die Töne sind chromatisch angeordnet.

In der zeitgenössischen Literatur wird es aufgrund seiner Klangintensität als Orchester und Soloinstrument eingesetzt. Das Verrophon ist mit seiner präzisen, klaren Klangfarbe eine ideale Ergänzung zur Glasharmonika. Auf dem Gebiet der Musikinstrumente eine der herausragendsten Erfindungen seit dem Saxophon.

Ein musikalischer Vergleich

Hier ein- und dieselbe Komposition, von drei verschiedenen InterpretInnen gespielt.

Mozart Adagio für Glasharmonika KV 617a Christa Schönfeldinger (Wiener Glasharmonika Duo) spielt auf der original Franklinschen Glasharmonika Mozarts Komposition für die Glasharmonika

Adagio für Glasharmonika von Mozart, Interpretation des Adagio KV617a von Martin Hilmer

Adagio for Glass Harmonica, KV 356 (KV 617a)., Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), intepretiert von Dennis James

Hier noch mehr über das Wiener Glasharmonika Duo

Heute gehört das Ehepaar zu den weltweit führenden Interpreten auf Glasharmonika und Verrophon, einem Glasinstrument der heutigen Zeit. Man konnte nicht nur die teilweise überlieferten „historischen“ Spieltechniken auf ein neues Niveau stellen, sondern das Spiel auf den Glasinstrumenten mit neuen Techniken und zeitgenössischen Musikästhetiken erweitern.

vom gewohnten Konzertbetrieb bietet das Wiener Glasharmonika Duo dem Publikum eine Symbiose von poetisch- virtuoser Kammermusik und meditativen Klangwelten ungeahnter Intensität.

Ob in der Royal Albert Hall London, dem Wiener Musikverein, der Staatsoper Wien, bei den Salzburger Festspielen, im Konzerthaus Berlin, dem Menuhin Festival Gstaad ,dem Schleswig Holstein Festival in der Suntory Hall in Tokyo, in der Elbphilharmonie Hamburg, der Warschauer Philharmonie, Internationale Mozartwoche Salzburg, Carinthischer Sommer (Kärnten), Internationale Haydn Tage Eisenstadt, Dresdner Musikfestspiele, Bayreuth, Paris, Milano, Rom, Florenz, Helsinki, Amsterdam, Washington - ihre melodische Kunst aus Glas begeistert, fasziniert und berührt.

Ungebrochen ist auch der Entdeckungsprozess die Klanggeheimnisse aus Glas betreffend. Er ist die wichtigste Triebfeder einerseits für den Komponisten Gerald Schönfeldinger, die sich in zahlreichen CD-Einspielungen manifestiert. Andererseits evoziert der stete Entdeckungsprozess auch die Entwicklung neuer Projekte in variierender Zusammenarbeit mit Künstlern mehrerer Genres. So traf man sich mit so verschieden gelagerten Künstlerpersönlichkeiten wie Wolfgang Lackerschmid, Ferry Janoska, Marino Formenti, Peter Wagner, Senta Berger, Ruth Maria Kubitschek, Erika Pluhar, Christiane Hörbiger, Peter Wagner und Christian Ludwig Attersee zur Zusammenarbeit.

Edvard Grieg, Der Kobold, interpretiert von Christa Schönfeldinger

Nothing Compares - NachfolgerInnen gesucht

Seit ihrem Konzertdebüt 1993 hat das Ehepaar Schönfeldinger die Wiederbelebung der Glasharmonika mit uneingeschränkter Hingabe und als stetes Ziel verfolgt. Ermutigt durch viele strahlende Gesichter bei ihren Konzerten, stellen sie Glasharmonikas her. Ein heikler Prozess!

Ihr Anliegen ist es, Musiker auszubilden, die sich für dieses Instrument interessieren, damit es wieder zum fixen Bestandteil unserer Musikwelt wird. Das Duo komponiert selbst und hofft auf weitere musikalische Neuschöpfungen, denn das Repertoire für dieses magische Instrument soll sich erweitern.

Auch der Gedanke an eine therapeutischen Anwendung liegt nahe. Die hohen Klänge werden als stärkend empfunden, tragen zur Entschleunigung und Harmonisierung bei und wirken inspirierend.

Projekt Nothing Compares http://www.glasharmonika.at/projekt-nothing-campares

Hier die Spieltechnik von einem jungen Musiker (Jake Schlaerth) erklärt

Glass Armonica, an Amazing Musical Instrument

Bohemian Crystal

Neue magische Sounds erklingen auch von diesem neuen Böhmischen Kristall-Instrument. Wer sich für diese nicht minder faszinierende Klangwelt interessiert, findet unter diesem YouTube Link Weiterführendes:

Es bleibt spannend und es hat den Anschein, dass eine weitere Entdeckungsreise in die Welt der kristallischen Instrumente wie der Glasharmonika und des Verrophons gerade erst begonnen hat. Ist es eine Wiederentdeckung? Gibt es solche "Sphärenklänge" wirklich erst seit Benjamin Franklins Zeiten? Wer weiß! Die Welt steckt noch voller Rätsel. Jedenfalls, wie man sieht, Nachwuchstalente haben schon Feuer gefangen...

Kontakt und Information:

Wiener Glasharmonika Duo, Christa und Gerald Schönfeldinger
e-mail office [at] glasharmonika.at, Tel +43 664 215 36 31
Da die beiden die meiste Zeit auf Konzertreisen sind, hier auch der Kontakt zur Agentur:
http://www.glasharmonika.at/kontakt

LINKS

Offizielle Seite; http://www.glasharmonika.at/

Portrait of the Wiener Glasharmonika Duo [ENG] https://www.paladino.at/artists/wiener-glasharmonika-duo

Benjamin Franklin Biografie:
https://de.wikipedia.org/wiki/Benjamin_Franklin

„Andere Erfindungen“: https://de.wikipedia.org/wiki/Benjamin_Franklin#Andere_Erfindungen

Die Glasharmonika (Beschreibung) https://de.wikipedia.org/wiki/Glasharmonika

https://www.bergfex.at/sommer/woerterberg/highlights/8702-wiener-glasharmonika-duo/

http://brennecke-art.eu/portfolio/wiener-glasharmonika-duo/

https://www.haydnfestival.at/kopie-von-siobhan-stagg

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Die Bildausschnitte sind einer Informationsbroschüre des Wiener Glasharmonika Duos entnommen.

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Danke, Botty! Du erinnerst mich wieder daran, dass ich dich noch ein wenig füttern will! :)

Bravoooooooo! Ein super Artikel!

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Danke, das freut mich von @massivevibration zu hören! 😀

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Ich wusste gar nicht dass es eine Glas Harmonika gibt. Von Deinem Artikel habe ich sehr viel Neues gelernt.

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Das freut mich! Mein Kulturblog wäre langweilig, würde er nicht neue Impulse geben. Schön, wenn es gelingt.

Waw,it's amazing, here I see some very unique and interesting vidio, who's playing it..what's your friend, or residents in your country ... i really enjoy the vidio you post, thanks @martinamartini for your post ..

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Here is an English article, portraiying the artists and explaining the music:
https://www.paladino.at/artists/wiener-glasharmonika-duo

You guessed it! I know this couple personally. They live close to my place and we all here are very pleased about their work.

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Waw,it's amazing, I also have some friends who love the music part ..

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Music indeed is our international language. There would be so much understanding if we only take our instruments and make music together... :)

WOW!

Was für ein toller Artikel über ein tolles Thema!
Die Glasharfe kannte ich, von der Glasharmonika hab' ich vorher noch nie gehört.

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Danke für dein Feedback! So etwas freut mich besonders!

Danke für deine umfangreiche Zusammenstellung,
absolut neu für mich.

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Das freut mich, dass du was Neues für dich gefunden hast! Diesen Artikel habe ich schon seit Wochen vor und hab‘ mich redlich bemüht! :)