Die Zeit anhalten oder zurückdrehen?
Schneller - Weiter - Höher! Und am besten noch darüber hinaus und alle Grenzen sprengen und alle Rekorde knacken.
Das scheint für Viele und Vieles das Leitmotiv geworden zu sein und darunter geht es wohl heute nicht mehr. Aber ich selber habe schon lange keine Lust mehr, bei diesem Spiel mitzumachen. Ein Spiel, was doch wohl eher ein Wettkampf ist, in dem jeder den anderen zu übertreffen versucht.
Wenn es nach mir ginge, würde ich am liebsten ein paar Gänge runterschalten. Oder am besten noch, gleich die Handbremse anziehen, ganz feste natürlich. Der Rückwärtsgang ist wohl eher keine Option, obwohl ich damit auch liebäugeln könnte.
Die Handbremse also! Ach wenn es so etwas wie eine Handbremse im Leben geben würde, damit wäre mir sehr geholfen. Gerade in der letzten Zeit, den vergangenen Monaten und vielleicht sogar Jahren, wäre mir so etwas sehr gut zu pass gekommen. Auch wenn es seit dem letzten Jahr doch auch bei uns oft ziemlich angespannt war, möchte ich doch die Zeit um gar nichts missen, denn auf der anderen Seite habe ich wahrscheinlich viel intensiver gelebt, als zuvor gedacht. Immer wieder hatten wir es geschafft, gemeinsam wirklich wundervolle Stunden zu verbringen. Nur leider sind diese Momente immer wie im Flug vergangen und im Rückblick scheint es, als wäre das alles schon so lange her. Was bleibt sind dann nur Erinnerungen und Fotos, mit denen man natürlich auch anständig schwelgen kann, was mir aber immer deutlicher macht, wie schnell und auch schnelllebig mein Leben geworden ist.
"Heute hier, morgen dort. Bin kaum hier, muss schon fort". Diese Zeilen aus einem wirklich passenden Lied treffen wohl genau den Punkt. Grund zu beschweren habe ich nicht, denn wir machen wohl genau das Richtige... Wir leben!
Aber weil es halt so schön ist, spürt man halt um so mehr, wenn etwas vorbei ist. Und auch wenn man versucht Erlebtes zu wiederholen, schlägt doch nichts den Augenblick. Nur kann man den halt nicht einfangen und festhalten, man kann sich nur später noch einmal daran etwas aufwärmen und ankuscheln, seelig lächeln oder auch sentimental mit einer Träne in den Augen. Beides kann wohlig wirken aber aufhalten kann es nicht, das sich eines Tages alles in Rauch und Nebel auflöst.
Was wünschte man sich? Will man die Zeit zurückdrehen? Alles noch einmal von vorne wagen und angehen? Wie schnell wäre man wieder da, wo man jetzt steht und stände man nicht vor dem gleichen Dilemma?
Die Zeit anzuhalten wäre wohl die bessere Option. Das Ende des Momentes, den Höhepunkt der Partie, bis zum Äußersten aufschieben und das Morgen einfach nicht morgen werden lassen. Heute bis auf ewig, oder so lange bis man selber genug davon hat und von sich aus darauf drängt, mal wieder einer Tür hinter sich zuzumachen.
Als Kind wusste man meist gar nicht, wie toll doch die Zeit gerade ist, man drängte förmlich darauf, endlich groß zu werden. Und warum? Nur um festzustellen, dass man doch lieber wieder ganz kleine wäre? Das Leben ist kurz, aber beeilen müssen wir uns dann doch trotzdem nicht. Am Ende kommen wir eh alle am selben Bahnsteig an, an einem Kopfbahnhof, von dem es keine Weiterfahrt gibt.
Aber bis ich dort hin will, steige ich doch lieber zwischendurch überall mal aus und schaue mir ganz genau und in aller Ruhe die Strecke an. Und wenn mich jemand überholen möchte, ziehe ich artig meinen Hut und wünsche gute Reise. Denn gewinnen wird dieses Spiel dann doch keiner, auch keiner von den ganz Schnellen und Lauten nicht.
Ich empfand die Pandemiezeit schonmal als ganz ordentliche Handbremse und hatte ganz zu Anfang gehofft, dass "wir" daraus lernen können, dass es im Leben eben nicht um "schneller - weiter - höher" gehen sollte. Sieht aber kaum danach aus...
Zeit ist das Wertvollste, was wir haben. Die Perspektive auf diese von Kindern, Erwachsenen, reiferen Erwachsenen oder Alten ist, wie du so schön beschreibst, natürlich unterschiedlich. Gemein ist allen, dass man nicht an ihr drehen kann. Aber wir können lernen, die Zeit, die wir haben, einzelne Momente, intensiv zu genießen.
LG Chriddi
Einerseits Handbremse, aber dann doch auch Vollgas ins neue Arbeitsleben von zu Hause aus. Ohne Vorwarnung und mit wenig Hilfestellung, und ich glaube, bisher habe ich das ganz ordentlich gemeistert.
Mit dem intensiver genießen kann ich dir nur Recht geben, und auch hier glaube ich, dass ich das immer wieder ganz gut hinbekomme. Da zählt dann zum Beispiel auch das laute Mitgesinge im Auto dazu, was ich immer besser beherrsche ;)
Trotzdem vergeht jede Woche immer schneller, jedenfalls gefühlt, aber das liegt halt an der Perspektive. Und je "reifer" wir werden, desto mehr erkennt man, dass die Zeit nicht unendlich ist.
Ich hoffe sehr, dass auch du heute Abend sagen kannst, dass dieser Mittwoch ein toller Tag gewesen ist.
Beste Grüße aus Fernost!
War wunderbar! Ich habe ihn mit meiner besten Freundin, mit der ich schon vor über 40 Jahren die langen Stunden unserer Kindheit erlebt habe, verbracht - keine Minute war vergeudet... ;-)
Höher, weiter und schneller kenne ich nicht als Motivation. Jedenfalls nicht im Vergleich mit anderen. Und auch meine eigenen Grenzen mag ich nicht unbedingt immer weiter ausreizen und überschreiten - das führt zu ungesunden Effekten. Aber ich mag sie KENNEN. Dazu ist ausprobieren, beobachten, reflektieren nötig. Das passiert reduziert und fokussiert. Also meist in zurückgenommenem Tempo. Insgesamt bin ich auch viel zu sehr Genußmensch, als daß ich mir diese Sinneseindrücke durch Leistungsdruck vermiesen lasse. Im Gegensatz dazu kenne ich aber auch eine Reihe von Leuten, denen Extreme einen Rauschzustand bieten, den sie nur auf der Jagd nach immer mehr davon spüren - Adrenalinjunkies. Ob man beide Einstellungen oder Sichtweisen unter einen Hut bringen kann...? Ich weiß es nicht.
Leistungsdruck empfinde ich zum Glück auch nicht, aber Druck im alltäglichen Leben nehme ich natürlich schon wahr. Insbesondere wenn es um die Zukunft meiner Familie geht, denn wohin da bei uns die Reise letztendlich gehen wird, steht noch nicht genau fest. Es werden wohl große Veränderungen anstehen müssen, und die Aussicht ist eher unklar und verschwommen, und das scheint mir gerade nicht ganz so zu behagen. Ich habe es wohl lieber gut geplant und unter Kontrolle, und deshalb ist wir wohl etwas bange gerade. Und gerade deshalb muss ich den Augenblick und die jetztige Situation gut ausleben und genießen.
Danke für dein Feedback!! Beste Grüße aus dem fernen Osten!
Ich wünsche Dir alles erdenklich Gute auf dem Weg - er wird sich Dir zu erkennen geben, wenn Du so weit bist!
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Very interesting story
diese Erfahrung macht wohl jeder, wenn er älter wird und es steigert sich. Aber du machst es richtig, du lebst den Moment und genießt es. Pflücke den Tag, heißt es so schön. Da möchte man die Zeit anhalten. Für wie lange, für immer sicher nicht. Wenn mit dem Alter die Wehwehchen zunehmen, oder gar Schlimmeres, ändert sich sicher diese Sichtweise.