Eine freie Gesellschaft braucht ein Fundament. Teil 5

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Mit diesem Beitrag erfassen wir die Freiheit des Ich und die Freiheit des Du. Ich muss die Leser noch ein bisschen mit dem oberschullehrerhaften Vortrag quälen, aber das haben solche Erläuterungen zwangsläufig ansicht.

Nach dem für die Gesellschaftslehre unerlässlichen Ausflug in die Gefilde des Ich-Bewusstseins (s. Teil 3) und der Du-Konstitution (s. Teil 4 in #freie-gesellschaft) kehren wir wieder zurück zum Thema Freiheit. Wenn ich in Folgendem von Freiheit spreche, geht es nicht bloß um so etwas wie „Gedankenfreiheit“. Die Gedanken sind eh frei. Es geht um die Freiheit des gesellschaftlich lebenden Ich in seinem Wirken und Reden.

Freiheit ist ein wohlklingendes Wort. Es ist in aller Munde. Es gibt Leute, für die ist Freiheit das höchste Gut. Das lassen sie sich Einiges kosten. Sie nehmen dafür mancherlei Unannehmlichkeiten in Kauf. Für andere ist sie eine unerfüllte bzw. unerfüllbare Sehnsucht.

Der Versuch, Freiheit dingfest zu machen, endet - wie Kant gezeigt hat - in der Antinomie von Freiheit und Notwendigkeit. Diese Antinomie ist bis heute nicht widerlegt und wohl auch nicht widerlegbar. Sie ist - unter Berücksichtigung der begrenzten Erkenntnismöglichkeiten des Menschen - zwingend. Damit baut Kant vor der eilfertigen Wissbegierde eine Mauer auf: Unser Geist mag zwar über unser angestammtes und klar umgrenztes Erkenntnisfeld hinausschweifen (was er übrigens gern tut), aber Freiheit wirklich erkennen, das können wir nicht. Wir sehen immer nur notwendige Zusammenhänge und Abläufe in der Natur und in unserem Leben.

Der Widerstreit zwischen Freiheit und Notwendigkeit kann nur aufgelöst werden, wenn die Bewusstseinsentwicklung an dem Punkt angelangt ist, wo die beiden Ich-Aspekte physisches Ich (Ort der Notwendigkeiten) und nicht-physisches Ich (Ort der Freiheit) unterschieden werden können (s. Teil 3). Nur dann stehen Freiheit und Notwendigkeit sich nicht entgegen.

Bei aller Unerkennbarkeit der Freiheit - seltsam ist: wir leiden, wenn wir uns unfrei fühlen; wir werden aggressiv, wenn wir unnötig gegängelt werden; wir wenden uns ab, wenn jemand versucht, uns zu manipulieren. Bei Tauschverhandlungen setzen wir voraus, dass unser Tauschpartner willig ist, „nachzugeben“. Er setzt Gleiches bei uns voraus, wodurch wir uns bedrängt fühlen. Wir spüren deutlich, wenn wir im spontanen Fortgang unserer Aktivitäten behindert sind. Das sind alles reale Erlebnisse. Wie sind solche Erlebnisse möglich – bei aller Unerkennbarkeit der Freiheit?

Offenbar tragen wir etwas in uns, das solche Erlebnisse bewirkt. Und das ist eine spürbar starke Kraft. Wir nennen sie Freiheit. Aber wir erkennen sie nicht. Und jeder muss sich fragen: Wie kann diese Kraft so erheblich und nachhaltig auf uns einwirken? Wie kann sie ganze Gesellschaften in Aufwallung versetzen? Wie kann sie das Verhältnis von Ich und Gesellschaft gar zerstören, obwohl wir nichts von ihr sehen?

Freiheit ist physisch nicht festzumachen, jedenfalls nicht im Sinne eines empirisch Greifbaren. Sie lässt sich nicht „anfassen“, auch wenn einige Wissenschaftler dies zu meinen scheinen, wenn sie mit hochkomplizierter Gerätschaft nach der Freiheit in unseren Köpfen suchen. Freiheit ist nur an ihren Auswirkungen zu spüren. Sie ist aber - allerdings nur in der Reflexion - durchaus erlebbar, wenn auch nicht sinnlich erfassbar. In der Reflexion erleben wir uns als frei agierende Wesen. Anlass dazu ist oft ein Leiden, das durch faktische Unfreiheit hervorgerufen wird. Die Herausbildung des Freiheitsbewusstseins ist eine reactio auf eine actio, nämlich auf eine Unterdrückung. Der Freiheit werden wir eigentlich erst dann richtig inne, wenn wir unfrei sind. Und aus der erlittenen Unfreiheit schließen wir auf so etwas wie Freiheit.

Oft wird gegen die Existenz von Freiheit eingewandt, dass sie sich jeder Vorstellung entzieht. Dennoch ist sie für jeden (außerhalb des empirischen Erlebnisbereichs) erlebbar, oft erst während einer leidvollen Behinderung der eigenen Aktivitäten, bei Gefangenschaft und Unterdrückung, bei einer Gängelei und auf dem Folterstuhl. Deshalb spricht man von Freiheit auch von einer „Kerkerblume“.

Das Ich ist zwar der Freiheit teilhaftig. Aber Freiheit ist keine Eigenschaft des Ich in dem Sinne, in dem wir von sinnlich fassbaren Eigenschaften sprechen. Das Ich (als „intelligibles Ich“) lebt in der Freiheit. Es lebt darin, obwohl seine Freiheit als reale Erscheinung nicht zu erfassen ist. „Denn die Freiheit ist inhaltsleer. Wer sie nicht zu benutzen weiß, für den hat sie keinen Wert“, wusste schon Max Stirner (Nachdruck 1972).

Bis hierhin hatten wir nur die Freiheit des Ich im Blick. Wie aber steht es mit der Freiheit des Du? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir noch einmal zurück zu dem in Teil 4 beschriebenen Transferakt, durch den das Ich das Ich des Anderen erzeugt. Der Umstand, dass das „intelligible Du“ nur über einen willentlichen Akt des Ich zustande kommt, ist bedeutsam für das Verstehen jener Freiheit, die nach Kant „jedem Menschen kraft seiner Menschheit“ zukommt.

Das Ich, wurde gesagt, ist der Ort der Freiheit. Mit der Du-Konstitution geschieht nun etwas, das bisher noch nicht zur Sprache kam. Es erfolgt mit dieser auch der Transfer der dem Ich eigenen Freiheit. Das Ich transferiert sich als Freiheitsträger. Das Du gelangt zu seiner Freiheit - zumindest zu seiner Freiheitsbegabung - durch den Transferakt, durch den es erzeugt wird. Durch diesen Akt wird es neben dem Ich gleichfalls zu einem Ort der Freiheit. Die Freiheit des Ich, die das Ich als Naturgegebenheit bei sich selbst erlebt, z. B. anlässlich des Leidens unter einer Unfeiheit, überträgt es im Zuge der Ich-Transferation auf das Du. Damit wird auch dem Du Freiheit zuteil - zumindest als Freiheitsbegabung. Es erbt gewissermaßen seine Freiheit durch diesen Akt, und zwar unabhängig davon, ob es bereits um diese Freiheit weiß oder nicht. Die Freiheit des Du ist eine vom Ich „geliehene“ (Kant). Aufgrund seines prinzipiell begrenzten Erkenntnisvermögens kann das Ich von der Freiheit des Du nichts wissen. Es kann sie ihm nur unterlegen.

Aber nicht nur Freiheit in Bezug auf ein bestimmtes Du überträgt sich bei dem Transferakt, sondern auch Freiheit in Bezug auf jedes überhaupt nur mögliche Du. „Es ist nicht genug, dass wir unserem Willen, es sei aus welchem Grunde, Freiheit zuschreiben, wenn wir nicht ebendieselbe auch allen vernünftigen Wesen beizulegen hinreichenden Grund haben“ (Kant).

Die meta-physische Kollektivierung erfolgt, indem jedem nur möglichem Du ein Ich – als Ausgangspunkt für seine freie Lebensentfaltung - zugesprochen wird. Durch sie wird die Freiheit des Ich auf alle Menschen - genauer: auf jeden nur möglichen Menschen - transferiert. Sie kommt der Menschheit in ihrer Allgemeinheit zu. Der Akt der Ich-Transferation vergesellschaftet die Freiheit, die das Ich originär nur bei sich selbst (zunächst als Unfreiheit) erlebt.

Hier sind wir an einem ganz wesentlichen Punkt menschlicher Gesellschaftlichkeit angelangt. Die Allgemeinheit innerhalb der Menschheit hat ihren eigentlichen Grund nicht in einer abstrakten Fiktion oder dem arithmetischen Akt einer Aufaddierung - für alle, die mit dem Begriff Arithmetk nichts anfangen können hier eine grobe Erläuterung https://www.grund-wissen.de/mathematik/arithmetik/index.html - der Menschheit als Gruppe, sondern in dem freien Willensakt des Ich, das sich allgemein macht! Die Allgemeinheit des Ich hat ihre Erlebnisbasis schon beim Kind, das sich zwar mit seinem Ich-sagen nur immer selbst meint, das aber hört, das alle Anderen auch „ich“ sagen, wenn sie nur sich selbst meinen.

Aber nicht nur das. Die Freiheit des Ich wird durch den Transferakt jedem Menschen in gleicher Weise zuerkannt. Mit dem Transferakt heftet sich die Freiheit an jedes Du gleichemaßen. Diese Gleichheit basiert auf der durch die Ich-Transferation herbeigeführten Identität von Ich und Du. Nicht die Gleichheit von Ich und Du im physischen Sinne, sondern die Gleichheit von Ich und Du im Sinne der durch die Ich-Transferation hervorgebrachten Identität trägt die Freie Gesellschaft.

An dieser Stelle wird deutlich: die Prinzipien Freiheit, Allgemeinheit und Gleichheit können epistomologisch nur vom Ich und seinem Erleben abgeleitet werden, und zwar aus seinem Willen, ein ihm adäquates Du zu erzeugen. Erst unter Voraussetzung der Transferation des Ich zum Du ist die Behauptung begründbar, dass jeder Mensch frei ist, und zwar in gleicher Weise, ob ihm das nun bewusst ist oder nicht. Zumindest ist aufgrund des Transferakts jeder in gleicher Weise freiheitsbegabt.

Das Ich muss wollen, dass das Du Freiheit hat. Das Ich muss wollen, dass jedem nur möglichen Du Freiheit zukommt. Das Ich muss wollen, dass das Du ihm in Bezug auf die Freiheit gleich ist. Die für alle gleiche Freiheit gründet in dem meta-physischen Kollektiv des aus dem Willen des Ich geschaffenen Wir. . Das Ich ist sowohl Ursprung, als auch Hort der gleichen Freiheit aller.

In Teil 6 gehts weiter. Bisher hatten wir nur die Grundlagen beackert. Jetzt gehts erst los, aber heute nicht mehr. Alle Teile zum nachlesen findet man unter #freie-gesellschaft

Euer Zeitgedanken

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