Eine freie Gesellschaft braucht ein Fundament. Anhang 1 (Wissenschaft und Realität)

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Wissenschaft und Realität

Seit einiger Zeit ist es in den Wissenschaften Mode geworden, von der Theorie ganz und gar Neuartiges, alles Bisherige Umwerfendes zu erwarten. Abgesehen davon, dass es bei einer Theorie, die doch theoria (= Überschau über das, was ist) sein sollte, unglaublich wäre, wenn sie sich anheischte, etwas bislang Niegeahntes zutage zu fördern (vortheoretische Welthabe hatte doch auch ihre Erkenntnisse, und zwar aus dem unmittelbaren Umgang in und mit der Welt), wirkt ein derartiges Ansinnen bei realistischer Einschätzung menschlicher Möglichkeiten einigermaßen befremdlich, wenn nicht gar anmaßend.

Man darf von der Wissenschaft billigerweise erwarten, dass sie Neues und bislang nicht Gesehenes ans Licht bringt. Wollte sie aber den Anspruch erheben (oder einer entsprechenden Erwartung genügen wollen), die Ergebnisse aller bisherigen Denkarbeit auszuradieren, oder der Versuchung erliegen, die Grenzen menschlichen Erkenntnisvermögens zu sprengen, dann würde sie sich zumindest verdächtig machen. Selbst der revolutionärste „Paradigmenwechsel“ (Thomas Kuhn, 1976)

innerhalb einer Wissenschaft sollte die Grenzen unserer Erkenntnis nicht sprengen wollen. Sie käme sonst schnell in Konflikt mit der Realität.

Die auf Dauer tragfähigen Forschungsergebnisse der Wissenschaft sind nicht irgendwelche willkürlichen Neuschöpfungen, die mit ihrem „Glanz an Originalität“ das Publikum hysterisieren oder bis zur Demut düpieren. Es sind jene, die ans Licht bringen, was schon vorher, aber ohne die Helle des Bewusstseins unser Leben bestimmte bzw. was aufgrund fehlender Apparatur und Technik unseren Sinnen bisher nicht zugänglich war.

„Mit dem Wort ‚Wissenschaft' wird heutzutage ein lächerlicher Fetischismus getrieben“,

stellte seinerzeit (1928) der veritable baltische Naturforscher Jakob von Uexküll fest.

„Wenn du die Tanzschritte auf dem Parkett der Wissenschaft hinter dich gebracht hast und nicht hinausposaunst, was du begriffen hast, dann schadet der Durchblick nicht“.

Das ist das zynische Verdikt des Ungarn György Konrad in seinem Weltbestseller „Der Komplize“. (s. dazu auch das aufschlussreiche Buch des Italieners Frederico di Trocchio „Der große Schwindel“, 1994).

Die Wissenschaft bewegt sich oft neben den Phänomenen. Sie ist - im Gegensatz zur Technik - in weiten Teilen nur noch Betätigungsstätte von Routine und Geistesklemptnerei, Auffanglager für Glaubenshungrige, die dort mit eloquent verpackter Theoretik abgespeist werden, oder für Sinnzweifler, denen mit den Wundersprüchen der
„Experten“ Heilung versprochen wird.

Das war nicht immer so (s. Arnulf Baring, 1997).

Die Wissenschaft hatte strahlendere Zeiten - als sie sich noch auf Aussagen über real erlebbare und beobachtbare Phänomene und deren Analyse und die daraus zu ziehenden Schlüsse beschränkte. Auch heute gibt es innerhalb der etablierten Wissenschaft noch Nischen, in denen gründlich gearbeitet und geforscht wird (a. a. O.).

Problematisch ist vor allem das Verhältnis der Wissenschaft zur Praxis. Der Praxisbegriff mancher Hochschulinstitute gehört jenen Traditionsbeständen an, deren Geltungsanspruch ein eher ironisches Urteil nahelegt. Der rasante technische Fortschritt beweist: praxisrelevante Innovation wächst nicht auf den Bäumen der Schulen. Sie wächst auf den Bäumen der Wildnis (Beispiel Silikon Valley).

Die Wissenschaft der Schulen kommt vielfach zu spät. Sie zwängt die Geschehnisse und Bildungen der Gegenwart in die ihr geläufigen Kategorien der Vergangenheit. Selbst wenn man (wie ich) der Wissenschaft prinzipiell positiv gegenüber steht und jahrelang in ihr gearbeitet hat, stimmt einen bedenklich, zu welchen Aussagen sich z. B. namhafte Hirnforscher hinreißen lassen (s. Abschnitte Teil 3 in #freie-gesellschaft)

Viele Bemühungen innerhalb der Wissenschaft erwachsen schlicht aus dem Bedürfnis des Broterwerbs. (Wissenschaftler erlangen ihre Position über ein sogenanntes „Brotstudium“). Als Brotbeschaffung ist Wissenschaft eine Beschäftigung im bürgerlichen Sinne. Das ist an sich nichts Anrüchiges. Aber dadurch geraten die zu erforschenden Phänomene oft außer Sicht. Die Erfordernisse des Gelderwerbs und das mit dem akademischen Beruf verbundene bürgerliche Renommee haben Vorrang.

Von der heute etablierten Wissenschaft konnte ich kaum Hilfe für die Beantwortung der in Abschnitt Teil 8 #freie-gesellschaft gestellten Frage erwarten. Das ist auch einem Umstand zu verdanken, der mit der Organisation des Wissenschaftsbetriebs zu tun hat.

Als verbeamtete ist die Wissenschaft z. B. in Deutschland der „Treue zur Verfassung“ verpflichtet (Art. 5/3 GG), also der Treue gegenüber einer Satzung, deren Inhalt mich schon 1999 und 2008 veranlasste, einen harschen Verriss zu veröffentlichen.

Viele Wissenschaftsbeamte, vor allem in den Geistes- und Humanwissenschaften, sind die „intellektuellen Leibwächter“ einer verfassungslegitimierten Obrigkeit (Hans-Hermann Hoppe, 2004).

Sie müssen sich, aufgrund ihres geleisteten Diensteids verfassungskonform, also obrigkeitsfromm verhalten (Roland Baader, 2007: „Prostitutionswissenschaft“).

„Die Unterwürfigkeit der Wissenschaftler gegenüber den jeweiligen Machthabern zeigte sich bereits früh…, Hand in Hand mit dem großen Aufschwung der staatlich organisierten Wissenschaft.“ So der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek (1991),

seines Zeichens selbst Nutznießer verbeamteter Wissenschaft. Bei einigen unserer „Geistesarbeiter“ und „Meinungsbildner“ beobachten wir eine nicht zu bremsende Beflissenheit der Obrigkeit gegenüber. Nicht wenige machen sich zu Mietmäulern des Staates.

Was bis hierhin über die Wissenschaft allgemein angemerkt werden musste, gilt insbesondere für die Ökonomik. Hier scheint der Bezug zur Realität, dem sich die klassische Ökonomik, vor allem der Österreichischen Schule, noch verpflichtet fühlte, ganz und gar verloren gegangen zu sein.

Unter Hinweis auf den weltbekannten Nobelpreisträger Paul Krugman schreibt der Schweizer Ökonom Thomas Straubhaar:

„Will die Ökonomik nicht vollends zu einem Glasperlenspiel…entrückter Modellbauer degenerieren, muss sie zeigen, dass ihre Erkenntnisse relevant, aktuell und für die Gesellschaft von Nutzen sind.“ (DIE WELT, 3.7.15).

Genau das sind sie derzeit nicht, wie sich vielfach erwiesen hat. Wulf Rohland, ebenfalls Schweizer Ökonom, schreibt (1983):

„Die [ökonomische; d. Verf.] Wissenschaft arbeitet heute auf vollen Touren und will nicht wahrhaben, dass das einzige Ergebnis darin besteht, dass sie sich immer mehr einsandet.“

Angesichts der jüngsten Ereignisse in Politik und Wirtschaft und deren Voraussicht, Deutung und Erfassung durch die Ökonomik darf man die Frage wiederholen, die Wilhelm Röpke 1937 vor dem Hintergrund damaliger Ereignisse in seinem Hauptwerk schon einmal gestellt hatte:

„Was gilt eigentlich noch von unseren Lehren?“

Stanislav Andreski zeigt mit einer Reihe von Beispielen, wie bodenlos die selbst von international geachteten Wissenschaftlern verkündeten ökonomischen Wahrheiten sind (1977).

„Die aktuelle Finanzlage zeigt das Versagen der etablierten Wirtschaftswissenschaft schonungslos auf“,

meint auch Michael von Prollius (2009).

„Die bisherigen…Standardmodelle der Wirtschaftswissenschaften haben ihren Realitätstest allesamt nicht bestanden.“ (Christoph Braunschweig, 2013).

Ihre Aussagen bewegten sich oft fernab von gesellschaftlicher Realität. An deren Stelle erfindet sich die Wissenschaft eine scheinmathematisch aufgebauschte fiktive Realität.

Eine ähnlich kritische Haltung nimmt Hans Herbert von Arnim der Politikwissenschaft gegenüber ein:

„Weite Teile der Politikwissenschaft, insbesondere die heute dominierende empirische Ausrichtung, tendieren dazu, die aus den bestehenden politischen Machtverhältnissen resultierenden Gegebenheiten unkritisch hinzunehmen“ (2017).

Gleiches lässt sich über die Rechtswissenschaft sagen, die die in den Abschnitten Teil 6 und Teil 11ff und #mein-fall aufgezeigten, bereits seit Jahrzehnten bestehenden Widersprüche immer noch nicht beseitigt hat.

Anhang 2 zu #freie-gesellschaft folgt

Euer Zeitgedanken

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