„Kompromiss“, fauler Zauber? Kapitulation?

in deutsch •  8 months ago  (edited)

In dieser Woche möchte ich einen Begriff erneut aufgreifen, über den ich schon in der Vergangenheit Gedanken, hier auf steemit ( https://steemit.com/deutsch/@zeitgedanken/ist-der-begriff-kompromiss-in-seiner-heutigen-auslegung-nur-noch-fauler-zauber-kapitulation ), vorgestellt hatte.

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Anlass dieser Wiederholung sind Gespräche, die ich in dieser Woche mehrfach passiv, als stiller Beobachter, miterleben durfte. Es war für mich erschreckend zu erleben, wie oft hierbei von Kompromiss gesprochen wurde obwohl es unter dem Begriff Kapitulation zu benennen gewesen wäre. Noch erschreckender war für mich, dass die Kapitulierenden nicht einmal realisiert hatten, dass ihrem vermeintlichen „Kompromiss“ eine Form der Erpressung vorausgegangen ist. Das erinnerte mich sehr an Lohnverhandlungen, denen ein erpresserischer Streik oder eine Aussperrung vorausgeht. Auch diese Verhandlungen haben wenig mit Kompromissen zu tun. Auch wenn ich mir mit dieser Äußerung „Feinde“ mache, geht nichts an der Tatsache vorbei, das bei genauer Betrachtung jeder Streik oder auch Aussperrung am Ende mit einer Kapitulation endet. Es geht nur um dass Messen der Stärke und nicht um ein fundamentales Prinzip dessen Angleichung im Kompromiss endet.

Was unweigerlich zur folgenden Frage führt:

Ist jeder Kompromiss auch wirklich ein Kompromiss, oder versteckt man hinter diesem Begriff eine Kapitulation?

Die Antwort darauf gebe ich immer noch in ungeänderter Form so wieder:

Oft hört man, dass das Leben immer Kompromisse einfordert. Sind wir jedoch in der Lage den Unterschied zwischen Kompromiss und Kapitulation zu erkennen? Ist es nicht so, dass die meisten Kompromisse eigentlich Kapitulationen sind, aus welchen Gründen auch immer?
Ist es nicht so, dass die meisten Kompromisse „faule Kompromisse sind?
Was sind die Kennwerte eines Kompromisses um auch dem Begriff gerecht zu werden?

Meine Definition von Kompromiss ist: Eine Angleichung von gegensätzlichen Forderungen durch gegenseitige Zugeständnisse. Das bedeutet, dass beide Parteien eine gültige Forderung und einander Werte anzubieten haben. Und das wiederum bedeutet, dass beide Parteien sich über ein fundamentales Prinzip einig sein müssen, welches beiden als Basis dient.

Eigentlich müsste diese Definition ausreichend sein um festzustellen, dass man nur dann Kompromisse schließen darf wenn man ein beidseitig akzeptiertes Prinzip umsetzt.
Man darf z.B. mit einem Käufer über den Preis verhandeln, den man für ein Produkt erhalten will und sich auf einen Preis einigen, der irgendwo zwischen der eigenen Forderung und dem Angebot liegt. Hier wird das gemeinsame Grundprinzip deutlich, es ist das Prinzip des Handels. Das Prinzip des Handels impliziert, dass der Käufer den Verkäufer für sein Produkt bezahlen muss. Das bedeutet aber, dass wenn man bezahlt werden möchte und der angebliche Käufer das Produkt umsonst erhalten möchte, ist ein Kompromiss, eine Einigung und Diskussion unmöglich. Möglich ist hierbei nur die totale Kapitulation des einen oder des anderen.

Es kann also zwischen einem Hausbesitzer und einem Einbrecher keinen Kompromiss geben. Dem Einbrecher einen einzigen Löffel, oder das Tafelsilber anzubieten, wäre kein Kompromiss, sondern eine totale Kapitulation - die Anerkennung seines Rechts auf das Eigentum des anderen.
Welchen Wert oder welches Zugeständnis hat der Einbrecher als Gegenleistung angeboten?
Und wenn das Prinzip der einseitigen Zugeständnisse erst als Grundlage der Beziehungen zwischen den beiden Parteien akzeptiert wurde, so ist es doch nur eine Frage der Zeit, bevor der Einbrecher sich den Rest holt.

Sehen wir uns als ein Beispiel für diesen Prozess die gegenwärtige Außenpolitik der USA oder Europas an. Es kann keinen Kompromiss zwischen Freiheit und staatlicher Kontrolle geben; das Akzeptieren von „nur ein paar Kontrollen“ bedeutet, das Prinzip von unveräußerlichen individuellen Rechten aufzugeben und es durch das Prinzip der unbeschränkten, willkürlichen Macht des Staates zu ersetzen und sich somit selbst der allmählichen Versklavung auszuliefern.

Oder sehen wir uns als Beispiel für diesen Prozess die gegenwärtige Innenpolitik an. Es kann keinen Kompromiss bei Grundprinzipien oder in fundamentalen Fragen geben. Was würdet ihr als Kompromiss zwischen Leben und Tod ansehen? Oder zwischen Wahrheit und Unwahrheit? Oder zwischen Vernunft und Irrationalität?

Schon an diesen paar Beispielen wird deutlich, was heute unter Kompromiss verstanden wird. Man meint mit „Kompromiss“ nicht ein legitimes gegenseitiges Zugeständnis oder einen Tausch, sondern den Verrat von Prinzipien - die einseitige Kapitulation vor grundlosen, irrationalen Forderungen.
Doch wo kommt dieser Irrsinn her?
Der Ursprung findet sich in der Lehre des „ethischen Subjektivismus“, der behauptet, dass ein Wunsch oder eine Laune ein umreduzierbarer moralischer Grundsatz sei, dass jeder Mensch Anspruch auf jeden Wunsch habe, der im gerade in den Sinn kommt, dass alle Wünsche die gleiche moralische Gültigkeit hätten und dass Menschen nur miteinander auskommen könnten, wenn alle nachgeben und mit allen „Kompromisse schließen“. Es ist nicht schwer zu sehen, wer durch solch eine Lehre profitieren und wer verlieren wird.

Die Unmoral dieser perfiden Lehre - und auch der Grund, warum der Begriff „Kompromiss“ in seiner heutigen Verwendung, moralischer Verrat impliziert, liegt in der Tatsache, dass sie voraussetzt, dass Menschen ethischen Subjektivismus als Grundprinzip akzeptieren, das alle anderen Prinzipien in menschlichen Beziehungen verdrängt und alles den Launen eines anderen opfert.

Die Frage: „Erfordert das Leben nicht Kompromisse?“ Stellen gewöhnlich nur jene Menschen, die es versäumen, zwischen Grundprinzipien und einem konkreten, spezifischen Wunsch zu unterscheiden. Eine Anstellung anzunehmen, die schlechter bezahlt wird als die, die man wollte, ist kein „Kompromiss“. Anweisungen von seinem Arbeitgeber entgegenzunehmen, ist kein „Kompromiss“. Den Kuchen nicht mehr zu haben, wenn man ihn gegessen hat, ist kein „Kompromiss“.

Integrität besteht nicht aus der Loyalität zu subjektiven Launen, sondern aus der Loyalität zu rationalen Prinzipien. Ein „Kompromiss“ - und hier meine ich in der prinzipienlosen Bedeutung des Wortes - ist kein Verstoß gegen die eigene Bequemlichkeit, sondern ein Bruch mit den eigenen Überzeugungen.

Seinen Mann oder seine Frau zu einem Konzert zu begleiten, wenn man sich aus Musik nichts macht, ist kein „Kompromiss“; die Kapitulation gegenüber ihren oder seinen irrationalen Forderungen nach gesellschaftlicher Konformität, nach geheuchelter religiöser Gehorsamkeit oder nach Großzügigkeit gegenüber blödsinnigen Schwiegereltern, sei ein „Kompromiss“.
Die Vorschläge eines Verlegers für Änderungen in einem Manuskript anzunehmen, wenn man die rationale Stichhaltigkeit seiner Vorschläge sieht, sei kein „Kompromiss“; solche Änderungen gegen das eigene Urteil und eigene Maßstäbe vorzunehmen um ihm oder den Leuten zu gefallen, sei ein „Kompromiss“.

Die übliche Entschuldigung lautet in solchen Fällen, dass der „Kompromiss“ nur kurzzeitig sei und dass man seine Integrität in einer unbestimmten Zukunft wiederherstellen werde.
Man kann aber die Irrationalität seiner Ehefrau oder seines Ehemanns nicht korrigieren, indem man ihr nachgibt und sie zum Wachsen ermutigt.
Man kann den Sieg seiner Ideen nicht erreichen, wenn man dabei hilft, ihr Gegenteil zu propagieren.
Man kann kein literarisches Meisterwerk verkaufen - „wenn man erst reich und berühmt ist“ - an ein Publikum, das man durch das Schreiben von Müll erworben hat.
Wenn man es schwierig fand, die Loyalität zu seinen Überzeugungen am Anfang aufrecht zu erhalten, wird Verrat - der dabei geholfen hat, die Macht des Bösen zu bestärken, zu dessen Bekämpfung man nicht den Mut hatte - es später nicht leichter, sondern es buchstäblich unmöglich machen.

Es kann keinen Kompromiss bei moralischen Prinzipien geben. „Bei jedem Kompromiss zwischen Nahrung und Gift kann nur der Tod gewinnen. Bei jedem Kompromiss zwischen Gut und Böse kann nur das Böse gewinnen.“

Wenn ihr das nächste mal in die Versuchung geratet, zu fragen „Erfordert das Leben nicht Kompromisse?“, übersetzt diese Frage in ihre eigentliche Bedeutung: „Erfordert das Leben die Aufgabe dessen, was wahr und gut ist, zugunsten dessen, was falsch und böse ist?“
Die Antwort lautet, dass das Leben genau das verbietet - wenn man irgendetwas außer jahrelanger qualvoller Selbstzerstörung erreichen will.

Mit diesem Appell möchte ich euch in einen schönen Sonntag führen,

Euer Zeitgedanken

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Es entspricht dem Zeitgeist, jede Form von "Nachteilen" für den Einen als "Gewinn" für Andere oder gar Alle schönzureden.

Die Begriffs- und Sprachmanipulation und Umdeutung ist dabei ein probates Mittel.

Somit spricht vielen für Deine These bezüglich der Verwendung der K-Worte...

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Ob es der Zeitgeist ist, mit dem man vieles zu erklären versucht, hat sich mir noch nicht ganz erschlossen.
Zeitgeist hin, Zeitgeist her, klare Begrifflichkeiten sollten nicht der Manipulation zum Opfer fallen. Natürlich verändert sich Sprache stetig, aber wenn ein Axiom gefunden ist, kann man seinen Inhalt nicht einfach fragmentieren und auflösen. Es sei denn man findet ein neues Synonym das dem Ursprung gerecht wird. Aber es scheint „modern“ zu sein, Auflösungen zu generieren um Inhalte dem Nirwana zu opfern. Dabei spielt das Wort „Modern“ ebenfalls einer manipulativen Suggestion, denn wer will denn nicht „modern“ sein.

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Ich glaube es liegt daran, dass heutzutage die meisten Menschen absolut konfliktscheu sind.
Natürlich wurde uns auch schon als Kinder eingeimpft:
"Der Klügere gibt nach.", aber haben wir das geglaubt oder uns daran gehalten?

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Ich denke es spielt noch mehr mit: „Angst“. Ein Gefühl, dass man überall und permanent erfahren kann und welches nonstop gefördert wird. Alle Seiten postulieren das drohende Ende der „Demokratie“, dem „Geld“, der „Gesellschaft“, der Natur und vieles vieles mehr. Die Apokalypse steht jeden Tag vor der Tür.

Ich schaue mir gerade die Dokumentation von Pablo Escobar, in welcher sein Sohn und seine Frau mitwirken, an. Man sollte sich diese Dokumentation geben und unvoreingenommen entgegentreten. Man kann viele Erkenntnisse daraus schöpfen.

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1:25h Video sind definitiv "too much" für die kleinen Fetzen an Netzabdeckung, die ich im Moment erhaschen kann. :)

Das kommt auf die Liste, wenn mal wieder eine WLAN-Wolke an mir vorbeirauscht!

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  ·  8 months ago (edited)

Mir ist bis heute eher zweitrangig wichtig, ob andere mich für den Klügeren halten. :)

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Wie klug Du bist wird sich zeigen, wenn ich dich bald über mein Buch prüfe
:)
Wie viele Lobster hast Du schon verdrückt?

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Wie klug Du bist wird sich zeigen, wenn ich dich bald über mein Buch prüfe. :)

Jawohl, Herr Lehrer!

Da ich bis auf kurze flatterige Netzfetzen offline bin und der feine Herr sein Buch an so seltsame Online Dienste geknotet hat, bin ich natürlich im Leserückstand.
Verflixt, ich habe, glaube ich, schon vor dem Urlaub geschrieben, daß ich's mir offline heruntergeladen habe. Diese Ausrede muß ich also nochmal neu zusammenstammeln...

Wie viele Lobster hast Du schon verdrückt?

2 Stück.
Leider ist die aktive Fangsaison in unserer Ecke seit 2 Wochen vorbei, was den Genuß exklusiver macht. Diese Vorgehensweise ist für ein nachhaltiges (Fr)Esserlebnis aber vorbehaltlos sinnvoll!

Es gibt übrigens keinen kausalen Zusammenhang zwischen meiner Anwesenheit und den Schonzeiten für essbare Wildtiere hier vor Ort. Mir kamen bestimmte Analogien anfangs auch seltsam und konstruiert vor. :)

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Also ich nehme mir jedes mal, wenn ich in Nordamerika bin vor, dass mindestens ein Meerestier auf die Liste der bedrohten Arten kommt.

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Dann folge mal @hiltontheshark auf Twitter, der kreuzt hier mit ähnlicher Intention vor unsere Küste und hat naturgemäß einen echt guten Riecher! :)

Auch hier gilt, daß von der Natur zu lernen, heißt, Überleben zu lernen!

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