Kochen im Coronavirus Lockdown in Usbekistan

in #deutsch5 months ago (edited)

Instagram ist voll mit Fotos, auf denen Menschen ihre Kochkünste präsentieren, die sie während der Coronakrise verfeinern (oder erst entwickeln?) durften. Ich koche auch gern, aber habe mit der Ausstattung unserer derzeitigen Küche zu kämpfen. Wir wohnen ja eigentlich in unserem VW Bus, sind aber wegen COVID-19 in Usbekistans Hauptstadt Taschkent in einer an sich netten AirBnb Wohnung gestrandet.

[caption id="attachment_1116785" align="aligncenter" width="1024"] Immerhin: ein Buttermesser![/caption]

Da die Besitzerin der Wohnung selbst nicht kocht und uns immer wieder Tipps zu Essens-Lieferdiensten per WhatsApp schickt, ist ihre Küche auch recht spartanisch eingerichtet. Bis auf ZWEI Nudelhölzer im Puppenformat. :-) Wie auch in anderen Ländern, zum Beispiel im Iran, so werden auch hier Messer „überbewertet“. Die meisten Gerichte werden mit Löffel oder Gabel gegessen und wenn es Fleisch gibt, dann ist es Hack oder in mundgerechte Stücke geschnitten. Es fehlten uns also Messer in der Küche. Und eigentlich fehlen sie bis heute, denn selbst im Haushaltswarengeschäft gab es nur Einweg-Plastikmesser.

[caption id="attachment_1116735" align="aligncenter" width="799"] Danke an Volker, der diesen Einkauf finanziert hat. Möchtet Ihr auch? Unterstützt uns! :-)[/caption]

Da wegen des Lockdowns das Haushaltswarengeschäft nur noch einen einzigen Tag nach Einzug in unsere Wohnung geöffnet hatte, konnten wir nicht alles besorgen, was ich gerne gehabt hätte, sondern nur das, was ein kurzer Blick in Schränke und Schubladen als fehlend offenbarte. Wir kauften: einen Schneebesen, einen großen Löffel (Suppenkelle wäre schön!), einen Messbecher, Einwegmesser und ein scharfes Gemüsemesser. Zack! Läden zu, das musste reichen.

Somit ist bis heute, 5 Wochen später, unsere Küche im VW Bus wesentlich besser ausgestattet. Besonders der Blender (12V mit USB Ladekabel!) fehlt mir sehr. Keine Sauce oder Suppe pürieren, keine Smoothies machen, keine Schaumschlägerei. Aber wir (ich) kochen täglich, haben den Lieferdienst noch nicht kommen lassen und möchten Euch an unseren „Kocherfolgen ohne Equipment“ gerne teilhaben lassen. Viel Spaß mit unseren Küchenkreationen und den Geschichten dahinter!

Meist gibt's bei uns fleischlos und oft ganz tierlos. Aber manchmal muss man Männern die Liebe auch durch den Magen gehen lassen. In dem Fall hatte Jan einen lang gehegten Traum von ganz einfach: Spaghetti Bolognese. Der Traum war mir nicht ganz fremd (nach wochenlang Hammelfleisch in der Mongolei) und so gab's ne dicke Portion (mit Rinderhack!). Was man auf dem Foto auch sieht, ist typisch Usbekistan:

Das ist geraspelter grüner Rettich, den es hier, wenn man auswärts essen dürfte, zu jedem Gericht gäbe. Ohne Sauce: man streut einfach Salz darüber und genießt knackige Vitamine. Es hat eine Weile gedauert, bis wir wussten, wie der Rettich aussieht, wenn er nicht schon Salat ist.

So nämlich! Innen in diversen Grüntönen: von ritzeratze giftgrün bis hellgrün. Und von scharf bis mild. Aber immer lecker. Und sehr ergiebig: ein Rettich ergibt 4 Schalen Salat!

Nicht usbekisch, sondern russisch. Unsere Vermieterin ist Tartarin und kocht (wenn sie kocht) daher russisch. Dementsprechend stand im Küchenschrank auch eine ganze Menge von DEM russischen Grundnahrungsmittel schlechthin: Buchweizen! Russen machen daraus leckeres Kascha, also Grütze mit Wasser oder Milch, süß oder salzig (und immer mit einem Stück Butter drauf). Jan mag keine "Babynahrung" (nein, auch kein Porridge) und nachdem uns eine Packung ausgekippt ist und weg musste, gab's Batlinge:

Immerhin ist das Geschirr usbekisch und die Smetana dazu typisch russisch. Der Rest war "80er Jahre Vollwertküche" und hat mich sehr an einen Kochkurs erinnert, an dem ich damals mit meiner Schwester teilgenommen habe.

Ein wenig "Soulfood" muss sein. Schinken oder Ähnliches gibt es hier nicht, also hat Jan eine Art Salami in Würfel geschnitten, damit die Bratkartoffeln ein wenig nach dem schmecken, wovon er (abgesehen von Spaghetti Bolognese) geträumt hat.

In Russland gab es eigentlich auf jedem Dorf Pilze. Wenn nicht frisch, dann eingeweckt. In Usbekistan haben wir in den ersten vier Wochen Lockdown keine Pilze gefunden. Als es dann welche gab, war kein Halten mehr. Wir LIEBEN Pilze aller Art. Und natürlich Pilzrahmsauce. Frische Sahne ist hier Fehlanzeige, aber es gibt Produkte (Kajmak), die kommen dem sehr nah.

Risotto geht auch. Zwar ohne Weißwein und ohne Parmesan, dafür aber mit Austernpilzen und trotzdem herrlich lecker! Sagte ich schon? Wir lieben Pilze! :-)

Und dann kam Ostern. Weil Usbekistan mehrheitlich muslimisch ist (wir hören den Muezzin bis ins Bett) und die wenigen orthodoxen Christen später als wir Ostern feiern, war es ein Osterfest im Verborgenen. Gut, was hätten wir auch machen sollen? Außer zum Einkaufen darf man ja nicht weiter als 100m von der Meldeadresse weg. Wegen Corona und Ausgangssperre. Aber den Osterhasen hat es nicht davon abgehalten, vorbeizuschauen! Ich habe ihm beim Färben der Eier unterstützt, ohne Eierfarben zu haben. Gut geworden, oder?

Seit über 40 Jahren wird in meiner Familie zu Ostern gebacken. Und seit über 40 Jahren immer diese Osterlämmer aus süßem Hefeteig. Deshalb heißen sie bei uns "Hefchen" und werden mittlerweile von der dritten Generation zum Osterfrühstück vorbereitet. Kugel für Kugel mit Butter bestrichen: ein Genuss!

Zu Ostern gehört auch Kuchen. In unserem Fall war das Erdbeerkuchen. Das Kilo Erdbeeren kostet hier auf dem Bazar 2,40€, sodass wir darin schwimmen könnten. Naja, fast. Aber es gibt täglich Erdbeeren. Meist mit Kefir. Oder Milch. Oder Milchreis. Oder wie hier auf Vanillepudding (nein, es gibt keine Puddingtütchen hier: hausgemacht!) mit Tortenguss. Auch den gibt's nicht im Beutelchen zum Anrühren. Also Früchtetee für die rote Farbe mit Speisestärke und Zucker zu Tortenguss verwandelt. Ganz ohne BASF!

Wir wissen, dass Hefe in Deutschland knapp ist. Und ich weiß auch, dass geschätzte 80% derer, die in Deutschland Hefe gekauft haben, noch nie einen Hefeteig gemacht haben. 12 Jahre Erfahrung als Ernährungsberaterin machen die Abgründe deutscher "Kochkünste" transparent... Hefeteig ist kein Hexenwerk und so gab's noch schnell ein Osternest. Toilettenpapier, Masken und Desinfektionsmittel sind hier übrigens auch ganz nomal im Regal. Braucht Ihr was? :-)

Zu Ostern gehört Lamm (nicht nur als "Hefchen") und so haben wir das auch hier gehalten. Blöd nur, dass uns erst am Tisch wieder einfiel, dass wir ja keine Messer (und nur ein Obstmesser) haben! Nach erfolglosem Rumsäbeln mit den Plastikmessern haben wir die Lammkotteletts in die Hand genommen. Wir hatten ja keine Gäste zum Osterdinner. :-)

Normalerweise geht es bei uns ja auch fleischlos zu. Und das ist ein Gericht, was ich als eigentlicher "Eihasser" in Aserbaidschan lieben gelernt habe: Tomaten mit viel, wirklich viel Knoblauch und Zwiebeln in Öl braten und dann aufgeschlagene Eier darüber stocken lassen. Dazu einfaches Brot, was es hier keine 50m von uns entfernt immer warm und frisch im Tante Emma Laden gibt.

Was auch toll zu warmem Brot schmeckt: Hummus! Kichererbsen kommen auch in der usbekischen Küche vor, also los! Was wir nicht bedacht hatten: ohne Pürierstab oder Blender etwas schwierig, aus (zunächst getrockneten) Kichererbsen eine Paste herzustellen! Doch Jan tut viel für Hummus und so hat er es geschaft, mit dem Fleischklopfer aus der Küchenschublade eine etwas stückige Hummuscreme zu matschen! Schmeckte himmlisch, war aber ewig mühsam.

Wer es gewohnt ist, mit Fertigprodukten und Convenience zu kochen, wird hier aufgeschmissen sein. Oder viel dazu lernen. Es gibt hier noch nichtmal Apfelmus (geschweige denn: Fertigteig für Reibekuchen, das Zeug ist eh "igitt") und so hat Jan seine Fähigkeiten mit dem Fleischklopfer perpektioniert, um aus einem von mir aus mehligen Vorjahresäpfeln vom Bazar gekochten Apfelkompott ein Apfelmus herzustellen. Optik Nebensache. :-)

Dass uns ein Blender oder Pürierstab fehlt, vergessen wir immer wieder. Kaum gab es neue Kartoffeln, schon war die Idee "Papas arrugadas mit Mojosauce" da. Und dann standen wir in der Küche. Wie macht man Mojosauce ohne Püriermöglichkeit? Nicht mit dem Fleischlopfer! Aber mit der Käsereibe. Mühsam, aber unendlich lecker.

Tiefkühlkost gibt's hier nicht wirklich. O.k., wir haben 1x usbekische Tiefkühl-Vareniki (ukrainische Teigtaschen) gekauft und waren mäßig begeistert: da muss noch geübt werden! Außer Vareniki gibt es hier noch Pelmeni tiefgekühlt. Ende des Angebotes. Keine Tiefkühlpizza, keine Fertiggerichte. Aber Hefe. Und mehr braucht man ja auch fast nicht zum Pizzaglück! :-)

Kasachstan liegt weltweit auf Platz 6, wenn es um den Anbau von Linsen geht. Wir sind 17km von Kasachstan entfernt und so ist es kein Wunder, dass es hier bergeweise Linsen gibt. Bestimmt auch aus usbekischem Anbau. Die Usbeken kochen daraus zwar Suppe und kein indisches Dal, aber usbekisches Essen ist für unseren Geschmack nicht würzig genug. Also gab's Dal aus roten Linsen!

Resteverwertung. Im Schrank stand eine ganze Packung Haferflocken. Leider stand sie da wohl schon etwas länger, denn die Haferflocken schmeckten etwas muffig. Zum Wegwerfen waren sie dennoch zu schade. Also habe ich sie in der Pfanne ohne Fett geröstet und dann zu Haferkeksen weiter verarbeitet. Selbstgebackene Kekse gibt's eigentlich nur im Advent, aber man kann ja mal Ausnahmen machen.

Hefeteig deluxe :-) Oder so ähnlich. Ich habe Trockenhefe gleich im 100g Beutel (!) gekauft. Hält sich im Tiefkühlfach übrigens mehrere Monate frisch. Vielleicht ein Tipp für alle, die in Deutschland Hefe gehamstert haben, aber nicht damit umgehen können: vielleicht klappt's ja später mal!

Da ist eindeutig Instagram dran schuld. Beim Scrollen durch die Kochergebnisse auf Instagram sah ich ein Bild von mit Puderzucker bestreutem Kaiserschmarren. Wir waren uns sofort einig: das müssen wir jetzt auch machen. Und zwar sofort. Also blieb keine Zeit, um Puderzucker zu kaufen. Macht nix, denn wenn man den Schmarren vorm Zerteilen auf beiden Seiten knackig karamellisiert, bracht man keinen Puderzucker,

Wir haben dann auch mal eine Leckerei auf Instagram gepostet: Dalgona Kaffee! Heißt auch "Quarantäne-Kaffee", weil er erst hip wurde, als alle Cafes wegen Virus schon geschlossen waren. Ich habe ihn auf Facebook in einer amerikanischen Vanlifegruppe kennengelernt: zu gleichen Teilen Nescafepulver, Zucker und Heißwasser mit dem Schneebesen zu einer steifen Creme aufschlagen und auf Milch servieren. Angeblich ist aber nicht jedes Nescafepulver dafür geeignet. Daher meine neugierige Frage: Klappt es bei Euch?

Eigentlich wollte ich mit dem frischen Spinat Ostereier färben. Aber als die mit Rotkraut so schön grün wurden, haben wir den Spinat lieber gegessen. Hier nur kurz in warmem Olivenöl mit viel frischem Knoblauch geschwenkt und mit Sesam bestreut zu Spaghetti serviert. Extrem lecker!

Je mehr "komisches Fleisch" wir auf Reisen essen, desto öfter kochen wir selbst vegan. Aber hier haben wir Kabanossi entdeckt, die nicht nur so heißen, sonder auch wirklich so schmecken. Ab damit in den Eintopf, der wie Erbseneintopf aussieht, in Wirklichkeit aber aus Mungbohnen besteht.

Das hier zum Beispiel ist vegan: Eintopf aus gelben Linsen mit extra viel Kumin. Jan braucht keinen Eintopf, um Kumin zu essen und mittlerweile gibt's beim Gewürzhändler auf dem Bazar schon Stammkundenabatt. Nicht nur für Kumin, aber damit fing dort alles an.

Eins unserer Lieblingsessen im VW Bus: Nudelauflauf mit "was halt so da ist". Mais oder Pilze oder Tomaten oder Salami oder Zucchini oder, oder oder. Aber immer mit lecker Käsekruste. Geht auch super im Omnia Ofen! Ohne den geht ja fast nix mehr in der "Busküche". :-)

Die Kartoffeln sollten eigenlich festkochend sein. Als sie sich aber als sehr mehlig kochend erwiesen und nicht für Bratkartoffeln zu gebrauchen waren, wurden kurzerhand Schupfnudeln daraus. Mit Zimt und Zucker und mitgebratenen Apfelspalten. Eine ganze süße Hauptspeise voll hmmmm.! :-)

Süße Hauptgerichte sind eh super. Ob kalt oder warm, mit Kokos oder Sahne, mit Vanille oder Zimtzucker: Milchreis ist immer Seelenschmeichler. Und wenn man davon einen riiiiesigen Topf voll kocht, geht das Schlemmen beim Frühstück weiter. Aber auch ohne Milchreis ist unser Frühstück paradiesisch:

So kann der Tag anfangen. Und wenn es nach uns ginge: 365 Tage lang. Jeden Morgen sonnengereifte, frische Freilanderdbeeren. Wir sind, trotz Ausgangssperre, im Paradies! Die Erdbeerfrau kennt uns schon und weiß genau, welche Erdbeeren wir mögen: die kleinen, fast schwarzroten Beeren, nicht die großen, hellroten Bilderbucherdbeeren! Dazu noch Rhabarber... Aber den gibt*s hier nicht. Spargel leider auch nicht. Die Erdbeeren entschädigen dafür aber locker!

Soweit die Genüsse aus unserer Küche. Natürlich gab's mehr als das, aber nicht immer als Foto. Und vielleicht gibt es dann auch Mal einen Instagram Post mit all den Fotos. Heute gibt's erstmal "Reis mit Sch..." :-) Und wenn die Ausgangssperre irgendwann vorbei ist und die Restaurants in Usbekistan wieder öffnen, haben wir bestimmt genug Abstand zur zentralasiatischen Küche gewonnen, dass wir wieder mit Genuss bergeweise Plov (Reis mit Fleisch) oder Lagman (Nudeln mit Fleisch) löffeln können!

Wenn ich schonmal hier bin: kann mir einer erklären, warum ich in der Esteem App keine eigenen Beiträge etc. mehr angezeigt bekomme? Liegt das an mir oder an was anderem?

Ihr möchtet uns mal zum Essen einladen? Das geht ganz einfach aus fremden Taschen:

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GUTEN APPETIT!

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Dankeschön! (Heißt hier "Rachmaat") :-)

Hmmm hab alles gelesen, alle Bilder geguckt und hab jetzt Hunger!
ich wünsche euch noch eine gute Zeit und dass es nicht mehr allzulang dauert, bis ihr weiterreisen könnt.

Danke! Vielleicht geht's Dir wie uns mit dem Kaiserschmaren von Instagram: ab in die Küche und sofort nachkochen :-) Danke für die lieben Wünsche!

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