Steemit ist schlechter als Facebook - was die Meinungsvielfalt angehtsteemCreated with Sketch.

in deutsch •  5 months ago

Ich habe meinen Account hier vor einiger Zeit registriert, ihn dann aber lange nicht genutzt. Erst als sich auf Facebook die Zensur intensivierte, widmete ich Steemit mehr Aufmerksamkeit. Ich denke, ich habe immer noch nicht alle Details voll verstanden. Was ich jedoch wahrnehme, ist alles andere, als gut.

Das Bezahlsystem ist problematisch

Ich konnte meinen Account von den 5 eingangs erhaltenen Steem auf inzwischen rund 120 verbessern. Das ist eine gute Nachricht. Ich werde für meine Arbeit hier bezahlt. Dabei werde ich sogar deutlich besser bezahlt, als wenn ich es auf meiner eigenen Webseite mit dort geschalteter Werbung mache.

Das Problem dabei ist jedoch, dass ich diesen Wertanstieg vor allem einer kleinen Zahl Freunde zu verdanken habe, die praktisch jedes Posting von mir upvoten.

Die Implikationen dabei sind verheerend und sind wohl auch gängige Praxis: Es bilden sich "Upvote-Gemeinschaften", im Besonderen unter Whales. Ich gebe Dir meine Upvotes und dafür gibst Du mir Deine. Die wohl ursprünglich angedachten Vorgehensweise hochwertigen Content zu belohnen, ist damit ad absurdum geführt.

Natürlich, dass meine Upvotes vor allem von Freunden kommen, liegt auch an der Qualität meiner Beiträge. Als ich aus meinem Archiv Höherwertiges hierher übertragen habe, verbreitete es sich in Relation zu meinem Account sehr gut und erhielt deutlich mehr Upvotes. Aber generell lohnt es sich weitaus mehr, einfach möglichst viel zu posten, damit meine Upvote-Gemeinschaft mir mehr Upvotes geben kann. Ich habe relativ schnell gelernt, dass es hier tendenziell deutlich mehr auf Quantität ankommt, nicht auf Qualität.

Die Blasen werden verschärft, Kontroversen besser unterlassen

Seine finanziell unmittelbar spürbare und wichtige Upvote-Gemeinschaft basiert jedoch auf dem guten Willen aller Teilnehmer. Damit macht es Sinn, Kontroversen zu unterlassen. Auf Facebook riskiert man mit einem pointierten Beitrag die Entfreundung von ein paar Kontakten und im schlimmsten Fall eben eine kleine Posting-Pause. Hier jedoch kann es, je nach Gewicht der Upvote-Gemeinschaft zu drastischen finanziellen Folgen führen.
Wenn ein Whale mit 500.000 Steem einem keine Upvotes mehr gibt, dann fallen aktuell 42 Steem je Posting aus, wenn meine Berechnung nicht falsch ist (wie gesagt, ich habe noch nicht alles verstanden). Bei einem Posting pro Tag macht das über 15.000 Steem pro Jahr aus. Wer bitte will das riskieren?

Wenn einer der eigenen Kontakte völligen Unsinn schreibt, wenn die Qualität des Geschriebenen erbärmlich oder das Video auf dtube eine Beleidigung für den eigenen Intellekt ist - welche Möglichkeiten hat man dann, wenn man an Upvotes interessiert ist? Eine Diskussion führen, bei der am Ende beide Seiten verärgert sind und sich nicht mehr upvoten? Gar ein downvote? Bei Youtube kann man problemlos ein schlechtes Video eines Kontaktes schlecht bewerten, meines Wissens ist das für den Ersteller nicht nachvollziehbar. Hier jedoch kann man genau überprüfen, wer es gewagt hat einem ein downvote zu geben. Wie oft wird es daher wohl benutzt werden, wenn man am Wertgewinn des eigenen Accounts interessiert ist?

Statt also Kontroverses offen und hitzig zu diskutieren, macht es vielmehr Sinn, einfach die anderen zu ignorieren. Vielleicht entfolgen und muten? Aber was, wenn der andere merkt, dass man ihm nicht mehr folgt? Dann entfolgt er doch sicher aus Prinzip ebenfalls und man erhält keine upvotes mehr. Aus monetärem Interesse handelt man also am besten nicht und ignoriert künftig den halben eigenen Feed. Ist er irgendwann voll genug mit minderwertigem Content, dann macht man seine täglichen Upvotes in der eigenen Upvote-Gemeinschaft und ignoriert die Postings ansonsten. Wo bleibt da die Debatte? Was hilft es, wenn Postings nicht zensiert werden und in der Blockchain sind, wenn sie keiner mehr liest und sie jede Kontroverse aussparen? Denn wenn man Kontroverses schreibt, droht auch außerhalb der eigenen Upvote-Gemeinschaft Ungemach:

Bloß nicht den Falschen verärgern

Wie gesagt, ich verstehe einiges noch nicht. Ist die Reputation für Auszahlungen wichtig? Keine Ahnung. Wo sie aber wichtig ist, ist bei dem Ranking der Kommentare und Postings. Wer es schafft, eine negative Reputation zu bekommen, dessen Kommentare sind ausgeblendet und werden so von den Meisten übersehen. Ich gehe auch davon aus, dass eigene Blogeinträge nicht mehr in den Kategorien angezeigt werden.

Wer nun also dem falschen Whale (oder eben mehreren) Widerworte gibt, der bekommt einfach ein paar Downvotes in Folge und ist anschließend bei Steem ausgeschaltet. Damit kann er auch keine Upvotes mehr bekommen und der finanzielle Ertrag seiner Aktivität auf Steem kollabiert.

Das Ganze System ist darauf ausgelegt, kontroverse und hitzige Debatten zu vermeiden. Bloß niemanden verärgern muss die Prämisse sein, wenn man Steem verdienen will.

Was hilft unter solchen Bedingungen eine (angebliche?) Sicherheit vor Zensur?

Bots

Soll man überhaupt über Bots reden? Wenn ich mir z.B. einen Account ansehe, der mit Hilfe eines Skriptes einfach nur alle Postings von populären Webseiten hier spiegelt, z.B. die von zerohedge, und dann dafür hunderttausende (SIC!) Steem verdient? Was sagt das dann über das System aus? Über die realistische Repräsentation des Marktpreises von Steem? Ich habe daher große Zweifel, was die Preisentwicklung von Steem angeht. Sofern meine Punkte nicht durch ein paar Experten entwertet werden, weil ich Grundsätzliches nicht verstanden habe oder die Ersteller von Steemit das System reformieren, werden Steem zu einem Shitcoin werden, weil der Nutzen der Plattform extrem beschränkt ist.

Ich werde hier weiter posten, weil alles andere dumm wäre, solange Steem mehr als einen Cent wert ist. Aber dass diese Plattform tatsächlich einen positiven Mehrwert hat, bezweifle ich inzwischen leider massiv. Schade, das Konzept an sich gefällt mir wirklich gut.

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Hmm, Du beschreibst die möglichen Symptome sicher richtig, aber die Schlussfolgerung kann ich nicht nachvollziehen.

Ich halte mit meiner Meinung hinter'm Berg, weil es negative finanzielle Konsequenzen haben kann?

Setzen wir noch die Karriere drauf, und Du kommst mit der Logik zu dem Schluß, daß man in Sachen "Medien" am besten als Volontär bei Claus Kleber anfängt. :)

Das ist doch nicht die Nachricht, die hinter Deinem Denkansatz steckt, oder?

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Wenn ich das tun würde, hätte ich nicht beste Chancen auf ein Bundestagsmandat aufgegeben, um zu meiner Meinung zu stehen oder würde hier nicht schreiben, was ich denke.

Dass ich es mir leisten kann, hier keine Upvotes zu bekommen, ändert ja nichts am Prinzip. Und das ist, dass die Seite alle Anreize setzt, Kontroversen zu vermeiden.

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Ich bin erstmal froh, eine Plattform nutzen zu können, die nicht bereits ad constructum eine Zensur eingebaut hat.
Der Wunsch nach Konsenz, wenn wir das mal so nennen, kommt nach meiner Wahrnehmung nicht aus dem System steemit, sondern aus einigen Bereichen / Gruppen der Nutzer.
Sollen sie machen, wie sie möchten; eine Koexistenz ist stressfrei möglich.

Einer finaziellen Abhängigkeit von Upvotes unterliege ich zum Glück so wie Du ebenfalls nicht.

Es gelingt mir nicht, aus diesen Parametern einen "Nachteil" zu konstruieren gegenüber den Vorteilen.
Das steemit nicht perfekt ist, sehe ich allerdings genauso. :)

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Lieber @argalf, antwort wie besprochen, danke, war falscher thread!

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Ups, lieber @balte, da bist Du wohl im falschen Thread gelandet mit Deiner Antwort an mich. Lieber wieder löschen?

Ich werde mir das in Deinem Artikel nochmal anschauen und dann dort antworten.

Ich gebe Dir in vielen Dingen recht. Eines stimmt allerdings nicht:

Wer es schafft, eine negative Reputation zu bekommen, dessen Kommentare sind ausgeblendet und werden so von den Meisten übersehen.

Kommentare (und auch posts) sind nur dann ausgeblendet, wenn sie einen negativen Wert haben, wenn die downvotes also in Summe einen höhern Wert haben als die upvotes, da kann schon ein fetter downvote reichen. Das ist völlig unabhängig von der Reputation.

Ich habe auch schon oft überlegt, mal einen Post über die ganzen Schwächen von Steemit abzulassen, wie es hier oft Leute tun. Aber dann denke ich mir, was bringt es? Es schafft nur negative Stimmung ohne das sich etwas ändert, da so ein post ohnehin nie von den Leuten gelesen wird, die etwas ändern könnten. Im schlimmsten Fall kann er (wenn solche posts überhand nehmen) Leute dazu bewegen, sich von der Plattform abzuwenden, was alles nur noch schlimmer machen würde. Also lass ich es.

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"Kommentare (und auch posts) sind nur dann ausgeblendet, wenn sie einen negativen Wert haben, wenn die downvotes also in Summe einen höhern Wert haben als die upvotes, da kann schon ein fetter downvote reichen. Das ist völlig unabhängig von der Reputation."

Ist das nicht die Reputation?

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Nein, die Reputation ist ein Wert, der sich aus der Gesamtsumme aller jemals erhaltenen upvotes (minus downvotes) zusammensetzt, also quer über alle posts und comments.

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Einer von uns beiden drückt sich unpräzise aus. Denn nach meinem Verständnis reden wir von exakt demselben.

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Oh, jetzt habe ich es kapiert.

Aber eine negative Reputation blendet doch alles aus, oder nicht? Ich habe einige Spam-Bots, die gelegentlich hier kommentieren. Sie haben negative Reputation und ihre Kommentare sind von Haus aus ausgeblendet.

Ich sehe das Problem woanders. Auf einer Webseite, die zentralisiert geführt wird, gibt es Regeln. Halte ich mich an die Regeln, sind die Moderatoren in der Regel nicht gegen mich, davon ausgehend, sie halten sich an die eigenen Regeln.

Hier ist das anders. Die Moderatoren gibt es hier nur in Form von Walen. Diese indirekte Moderation folgt keinen definierten Regeln.

Ich beispielsweise habe hier angefangen, indem ich mit einem eigenen Node Videos bei dTube hochgeladen habe. Bei einer Reputation von 39 kamen plötzlich zwei Wale und haben mehrere Videos ohne Kommentare voll in den Keller gehauen und meine Reputation war dahin. Bis heute gibt es keine Nachricht oder Kommentar, warum dies geschehen ist. Obwohl ich keinerlei Rechte gebrochen habe, kann ich dies hier nicht mehr tun. ich bin quasi gesperrt weitere Videos hochzuladen, da ich sonst Gefahr laufe, meine Reputation wieder zu verlieren.

Meiner Ansicht nach ist die Zensur hier also deutlich größer als auf jeder mir bekannten zentralisierten Seite.

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Meiner Ansicht nach ist die Zensur hier also deutlich größer als auf jeder mir bekannten zentralisierten Seite.

Wohingegen auf einer Blockchain nichts zensierbar ist - was viele Leute auf Steemit vergessen.
Ich kann deine Videos und Texte (trotz massiven Flags) noch immer in unveränderter Qualität und Quantität abrufen.

Ich habe zwar keiner Ahnung, warum die Wale dich geflaggt haben - allerdings ist das Video noch ohne Probleme aufrufbar und nicht zensiert. Es ist halt nur "versteckt" und es gibt keine Auszahlung mehr.

ich bin quasi gesperrt weitere Videos hochzuladen, da ich sonst Gefahr laufe, meine Reputation wieder zu verlieren.

Nun, entweder weichst du auf einen Zweit-Account aus oder scheißt auf deine Reputation und machst dein Ding.

Hier ist das anders. Die Moderatoren gibt es hier nur in Form von Walen. Diese indirekte Moderation folgt keinen definierten Regeln.

Ein wahrer libertärer (Alb-)Traum. Dezentral, ohne staatliche Kontrolle, die Reichen haben die Macht, Nicht-Aggressions-Prinzip und wenn etwas schief geht, dann lehnt sich jeder dagegen aus und legt ihnen das Handwerk, oder so. lol.
Find ich witzig, wie man für soetwas im echten, täglichen, Leben plädieren kann.

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Wobei wir dann beim nächsten Problem werden. Nichtgefallen ausdrücken bedeutet hier einen Downvote, mit harten Konsequenzen für den Betroffenen. Auf Youtube mache ich bei schlechten Videos immer einen Daumen runter, selbst wenn ich den Kanal abonniert habe und ihm auch weiterhin folge. Einfach, weil das Video schlecht ist.

Hier hatte ich jemanden, der den Verschwörungsspinner Prof. Günter Meyer sein Sprüchlein klopfen ließ und wollte wie selbstverständlich diese Propaganda mit einem Daumen runter auf dtube bewerten. Dann wurde mir klar, dass das ja ein Downvote ist, der offen einsehbar ist - und ein Problem für die Upvote-Community - und hier eben mehr gilt als ein Ausdruck von Missbilligung. Am Ende fand ich keinen Weg, meinen Vote wieder zu entfernen, sodass ich für diesen propagandistischen Müll tatsächlich nach oben wählen musste...

Möglicherweise gefiel dem Whale einfach nur das Video nicht und er nutzte den Downvote daher wie ein "Gefällt mir nicht" auf Youtube.