Der Junge

in #deutsch8 years ago (edited)

Ich habe gerade ein größeres Schreibprojekt angefangen. Nun bin ich dabei, meine Protagonisten auszuarbeiten. Ich dachte mir, dass ich es diesmal in Form von kleinen Szenen aus ihrer Vergangenheit mache. Diese haben mit Dingen zu tun, die in der Hauptgeschichte mehr oder weniger wichtig sind. Vielleicht gefällt es dem Einen oder Andern.

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Der Junge wusste, dass er leise sein musste. Wenn sie ihn hörte, würde sie es ihm unmöglich machen, sein Vorhaben durchzuziehen. Seine Schuhe standen bereits vor der Haustüre, damit seine Schritte nicht zu hören waren, wenn er später die Treppe hinab schlich.
Mit angehaltenem Atem zog er die Schranktür auf. Seine Blase drückte, aber das war ihm jetzt egal. Seine Fingerspitzen ertasteten die Metallbox auf dem obersten Regalbrett. Mit vorsichtigen Bewegungen schob er sie nach vorne. Erst, als das Metall über der Holzkante sichtbar wurde, bekam er den Kasten richtig zu fassen.
Sein Herz pochte wild, als er den kleinen Schlüssel drehte. Mit einem leisen Klicken sprang der Deckel auf. „Was machst du da?“
Beinahe hätte er die Box fallen lassen, als er mit einem hellen Schrei zur Tür herumwirbelte. Seine Schwester starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an. „Ist das Papas Pistole?“ Sie trat einen Schritt in den Raum. „Das darfst du nicht.“
„Geh ins Bett!“ Er versuchte, autoritär zu klingen.
„Das darfst du nicht,“ wiederholte sie, während sie näher kam. „Wo hast du den Schlüssel her?“
Die Schultern des Jungen sackten nach unten. „Aus dem Nachtschränkchen.“
„Aber das-“
„Papa merkt es nicht, wenn du nichts sagst.“
Ihre Augen wurden noch größer. „Was machst du damit?“
„Ich will sie mir nur ansehen. Geh ins Bett.“
„Ich will auch sehen.“
Mit wippenden Locken beugte sie sich über die Box. Schnell schob er sie weg, ehe ihr Patschehändchen nach der Waffe greifen konnte.
„Wenn ich nicht gucken darf, erzähle ich es Papa.“
Seufzend schloss der Junge die Augen. Genau das hatte er verhindern wollen. Schließlich zuckte er ergeben mit den Schultern. „Wir nehmen die Pistole raus und sehen sie uns an. Aber erst musst du versprechen, dass du den Mund hältst.“
Das Mädchen hob eine Hand zum Schwur. „Versprochen ist versprochen und wird nicht mehr gebrochen.“
Sie klang so feierlich, dass er grinsen musste. „Setz dich.“ Er ließ sich auf den dicken Teppich vor dem Bett plumpsen.
„Sind da Patronen drin?“
„Natürlich nicht.“
„Woher weißt du das?“
„Ich weiß es eben.“
Wieder griffen ihre kleinen Finger nach der Waffe. „Jetzt lass mich doch mal sehen.“
„Nein! Das ist kein Spielzeug.“
„Wenn du darfst, darf ich auch.“ Unbeirrt klammerte sie sich am Lauf fest.
Wut stieg im Jungen auf. Wenn sie nicht hereingekommen wäre, säße er jetzt im Geräteschuppen. Dann könnte er die Glock ungestört untersuchen. „Lass sofort los!“ Noch ehe der Satz beendet war, erkannte der Junge seinen Fehler.
„Nein!“ Das Gesicht trotzig verzogen, zerrte sie nun mit ihrer ganzen Kraft an der Waffe.
Der Junge versuchte, sie mit einer Hand auf Abstand zu halten, während die Andere mit ihr um die Wette zog. Dann schien alles gleichzeitig zu passieren. Ihre Finger lösten sich und durch den Schwung fiel sie schwer nach hinten. Im selben Moment erklang ein ohrenbetäubender Knall und reflexartig ließ auch er los. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf die auf dem Boden liegende Pistole.
Ein Gedanke durchzuckte ihn. Heiß und schreckerfüllt. Panisch krabbelte er zu seiner Schwester, die noch immer auf dem Rücken lag. Seine Finger schlossen sich um ihr dünnes Handgelenk, während er ihren Namen wisperte. Er wollte schreien, doch seine Lungen schienen keine Luft entlassen zu wollen. Vielleicht hatten sie gar keine. Atmete er? Atmete sie?
Beinahe hätte er angefangen zu weinen, als sie sich ruckartig aufsetzte. In ihren Augen las er den Widerhall seiner eigenen Furcht.
„Papa wird uns umbringen.“ Ihre Stimme klang schrill und er schlang seine Arme um sie.
„Ist doch egal. Ist doch alles egal.“
„Papa bringt uns um.“ Wiederholte sie, während er ihren zitternden Körper an sich presste. Seine Augen brannten und er spürte eine seltsame Mischung aus Erleichterung und Angst.
„Ich dachte, du hättest dir was getan.“
„Mir gehts gut, aber wenn Papa...“
„Ich rede mit Papa. Du hast nichts gemacht. Es war meine Schuld. Nur meine Schuld.“
Während er auf den strubbeligen Kopf seiner Schwester hinunter sah, schwor Matthias sich, nie wieder eine Waffe anzufassen.

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Bilder: Pixabay.com

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Ich finde diese kleine Geschichte sehr gut,daraus könnte noch etwas Grösseres werden..

Danke für deine nette Antwort. Ich versuche mich gerade im Genre des leichten Krimis mit Lokalkolorit. Der erwachsene Matthias wird mein ermittelnder Protagonist. Mal sehen, ob ich mich in dem Genre wohlfühle...

Oh man, ich entschuldige mich gleich vorweg! Aber ganz am Anfang hat mich das ganze Szenario richtig an Donald Ray Pollock erinnert. Nur das du einfach netter bist, Dieser "das kann der Autor doch nicht Machen Moment war auf alle fälle da". Bei Pollock hätte die kleine Schwester die Kugel im Gesicht gehabt :-/

Danke für deinen Kommentar. Ich hätte wirklich Lust, mal was richtig böses zu schreiben. Aber ich brauche die Figur des Mathias später noch unbeschädigt. 😉

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