Der Enkel / Kurzgeschichte
Gertrude Haselbach, geborene Steiner, denn Namen waren wichtig für sie, suchte ihr Mobiltelefon. Sie war sich sicher, dass der mittlerweile nervige Klingelton aus dem Sofa kam. Dass sie das Ding immer wieder verlegte, lag nicht an ihr, wie sie nie müde wurde zu betonen. Es lag vielmehr an der Unfähigkeit der Hersteller, Telefone zu bauen, die dicker als ein Stück Pappe waren.
Sie wurde schließlich unter dem Tisch fündig. Wer es dort hingeworfen hatte, war Gertrude schleierhaft. Der Anrufer hatte mittlerweile aufgegeben.
Die Augen zusammengekniffen, starrte sie auf das Display. Tatsächlich leuchtete es unter ihrem strengen Blick auf und die Wildecker Herzbuben begannen erneut zu singen.
Lächelnd wischte sie mit ihren von der Arthrose leicht gekrümmten Fingern über das Display.
"Hallooo?" Das o zog sie aus Prinzip lang, da Gertrude der Meinung war, dass die Gesellschaft dies von Frauen jenseits der Achtzig erwartete. Am anderen Ende war ein Rauschen zu hören, dann meldete sich eine raue Stimme.
"Oma? Bist du dran? Ich kann dich so schlecht verstehen." Sie rollte mit den Augen. Die Jugend wollte immer, überall und in jeder Verfassung telefonieren und beschwerte sich dann, dass sie nichts verstand. Vermutlich würden sich die Jungen sogar auf dem Kilimandscharo über den schlechten Empfang beschweren.
"Mirko? Bist du das, mein Junge?" Das mein Junge hatte sie sich ebenfalls angeeignet, um bei der Jugend den Eindruck einer Bilderbuchoma zu erzeugen. Schließlich musste sie ihrem Image gerecht werden.
"Ja, Oma, ich bin es. Wie geht es dir?" Kurz spielte sie mit dem Gedanken, ihm zu sagen, dass ihre Knie im Arsch waren, wie seine Generation es ausdrücken würde. Sie entschied aber, dass es ihm wohl an besagtem Arsch vorbeigehen würde.
"Gut, mein Junge. Und wie geht es dir? Hast du endlich um Karins Hand angehalten?"
"Tja, Oma, genau darüber wollte ich mit dir reden. Ich habe da ein kleines Problem. Du weißt doch bestimmt, dass Karin mich nur heiraten will, wenn ich ihr ein Heim bieten kann.“ Einen Scheiß wusste sie, aber auch das würde sie ihm so niemals sagen. „Ich habe da ein großartiges Angebot für ein kleines Haus mit Garten“ fuhr er fort. „Perfekt, um Kinder aufzuziehen. Aber mit der Banküberweisung ist etwas schief gegangen. Die kommt erst morgen. Jetzt sitze ich hier beim Notar und kann die Anzahlung nicht leisten. Das muss aber noch heute über die Bühne, sonst verfällt meine Reservation und ich muss mich neu um das Haus bewerben. Kannst du mir bitte, bitte, bitte, bis morgen Zehntausend borgen? Morgen wird die Banküberweisung avisiert, dann zahle ich es dir zurück. Ich verspreche es dir.“ Sein Tonfall wurde weinerlich. „Ich würde dich nicht darum Bitten, wenn es kein Notfall wäre." Der Junge hatte kein einziges mal Atem geholt. Gertrude Vermutete, dass er einen famosen Apnoetaucher abgäbe.
„Ach, Junge. Das ist viel Geld, weißt du? Aber für die Familie macht man doch alles. Aber du musst mir helfen, dass Geld aus dem Automaten zu ziehen. Sonst macht das doch immer mein Zivi. Die Augen, du weißt ja...“
„Kannst du denn soviel auf einmal am Automaten abheben, Oma?“ Gertrude lachte rau. Der Junge war wirklich ein ganz niedlicher.
„Ach, Junge. Das hast du doch extra so für mich so eingerichtet, weißt du nicht mehr? Bist du schon so vergesslich wie deine alte Oma?“
Wieder ertönte ein Rauschen in der Leitung, dann lachte der Junge.
„Das hatte ich wirklich vergessen. Dann treffen wir uns vor der Bank? Wann kannst du denn schnellstens da sein?“
„Ach, so in einer halben Stunde. Ich muss mich ja erst noch anziehen. Also, dann vor dem Bankautomaten in der Kasselerstraße. Bis Später, mein Junge.“
„Oma, nein warte. Leg noch nicht auf. Der Notar sagt mir gerade, dass ich hier nicht weg kann. Ich muss wohl noch einiges an Papierkram durchsehen. Er schickt seinen Assistenten vorbei. Der wartet dann vor dem Automaten auf dich. Danke Oma, ich hab dich lieb.“
Der Junge hatte aufgelegt, ehe sie über eine Antwort auch nur nachdenken konnte. Die Jugend, dachte Gertrude. So viel Leben vor sich und so wenig Zeit, es wirklich zu leben.
Beschwingt schloss sie ihre Wohnungstüre hinter sich. Zeitgleich ging die Tür gegenüber auf. Gertrude verkniff sich ein Lachen. Jedes mal, wenn sie ihre Tür schloss, öffnete sich die von Dorothea. Vermutlich zeltete die Gute hinter dem Türspion.
„Trude? Gehst du noch weg?“
„Ja, Liebes. Stell dir vor, eben hatte ich einen Anruf von meinem Enkel. Ich treffe mich gleich mit einem Freund von ihm.“
„Bist du dir sicher, dass das eine gute Idee ist? Man liest doch ständig in der Zeitung, dass reife Damen von jungen Menschen umgebracht, bedroht und ausgeraubt werden.“
„Ach was, in dieser Reihenfolge?“
„Trude, hör bitte auf, wie ein Teenie zu reden. Das bist du nun seit mindestens vorgestern nicht mehr.“
Gertrude lachte laut. „Na, dann benimm dich nicht, als wärst du meine Mutter. Ich treffe den jungen Mann bei der Bank. Ganz furchtbar öffentlich. Außerdem habe ich Joachim eine SMS geschrieben. Du kannst also ganz beruhigt sein, Liebes.“
Gertrude verdrehte die Augen. Natürlich würde die Freundin nicht beruhigt sein. Unter Umständen könnte sie eine besorgte Bürgerin sein. Wenn der Begriff nicht so negativ belegt und Dorothea nicht eine so liebe Nachbarin wäre, versteht sich.
Bis zur Kasselerstraße war es ein ganzes Stück mit dem Bus. Und dann musste Gertrude ja noch einige hundert Meter zu Fuß gehen. Und das mit ihren kaputten Knien. Sie musste wirklich über einen Wechsel der Bank nachdenken.
Der Mann stand bereits wartend vor dem Automaten. Nicht so jung, wie der Anrufer geklungen hatte, aber gut gekleidet. Mit dem akkuraten Haarschnitt sah er aus wie ein Vertreter.
„Halloooo, junger Mann? Hat sie der Notar geschickt?“ Ein strahlendes Lächeln erhellte sein Gesicht.
„Frau Steiner? Mein Name ist Hans Rathgeb. Ihr Enkel Mirko hat mich darum gebeten, die Anzahlung für ihn abzuholen.“
Gertrude lächelte milde. Wie ein Hans sah der Mann nicht gerade aus. Eher wie ein Kevin. „Ich finde es wahnsinnig toll von ihnen, dass sie einen so ausgeprägten Familiensinn haben, Frau Steiner. Das sieht man dieser Tage nicht mehr oft.“ Dieser Tage? Wollte der Junge sie veralbern? Oder eher verarschen, wie ihr Enkel es zu sagen pflegte.
Langsam wurde ihr kalt. Die Spitzenbluse, welche sie immer für solche Anlässe trug, war leider alles andere als wärmend. Da nützte auch der Wollrock nichts mehr.
„Wollen wir dann mal? Ich verpasse sonst meine Nachmittagssendung im ZDF.“ Sagte sie, wobei sie die Buchstaben ZDF betonte, als spräche sie über die Bibel. Noch immer lächelnd wies der Mann ihr mit einer Handbewegung den Weg.
Gertrude kniff ihre Augen zusammen. „Was steht denn da auf dem Zettel? Können sie das lesen? Herrgott, ist das kleingeschrieben.“ Auf einem über das gesamte Display geklebten Din A4 Blatt stand in einer ungelenken Handschrift „Außer Betrieb“. Der Mann fluchte leise.
„Das ist natürlich schlecht. Wo ist denn der nächste Automat?“ Fragte er mit einem gehetzten Unterton. Gertrude lächelte zuckersüß.
„Ach, Herr Falscher!“ Rief sie dem weißen Haarschopf zu, welcher gerade hinter dem jungen Mann aufgetaucht war. „Was machen sie denn hier? Der Automat ist kaputt, wenn sie was abheben wollen, müssen sie in die Ottostraße Gehen.“ Ehe sie geendet hatte, drückte sich der gesetzte Herr unter Einsatz seines gesamten Körpergewichtes an dem jungen Mann vorbei.
„Ach, Frau Steiner, das ist jetzt aber blöd. Waren sie denn schon drinnen, um das zu melden? Ach ne, müssen sie ja nicht, ist ja schon ein Schild dran. Bis in die Ottostraße ist es aber weit. Da geh ich besser gleich los.“ Dies tat er erst, nachdem er dem fremden Mann noch einmal eine kräftige Breitseite verpasst hatte.
„Machen sie sich nichts draus, junger Mann, der Falscher ist immer so.“ Ein tiefer Seufzer entkam ihr. „Bis in die Ottostraße schaffe ich es aber nicht mehr. Meine Knie, sie wissen schon...“ Sie wies auf ihre durch den dicken Wollstoff verdeckten Beine. „Wissen sie was? Ich gebe ihnen einfach meine Karte mit, dann können sie das Geld selber abheben. Und Mirko bringt sie mir später vorbei. Sagen sie ihm, ich mache auch eine schöne Donauwelle für ihn.“ Das Lächeln ihres Gegenübers wurde noch eine Spur breiter. Gertrude hatte sogar den Eindruck, dass es eine Spur echter wurde.
„Das nenne ich doch mal wahre Nächstenliebe, Frau Steiner. Ich bin sicher, ihr Mirko wird sie als erste in das neue Haus einladen.“ Sie lächelte ihr Altweiberlächeln, wie Joachim es immer nannte.
„Da ist die Karte, der Pin steht hinten drauf.“ Schnell zog der Mann die Bankkarte aus ihrem schwachen Griff.
„Na dann, frohes Backen, Frau Steiner.“ Als er ging, schien es, als hätte er Mühe, nicht zu rennen. Sie lächelte schmallippig. Es war aber auch verteufelt kalt.
Vor ihrer Wohnungstüre wartete sie einige Sekunden, aber bei Dorotheas tat sich nichts. Das konnte eigentlich nur bedeuten, dass Joachim schon da war. Das war für ihre Nachbarin normalerweise das Signal, sofort Gertrudes Wohnung zu stürmen. Die Schwärmerei der guten hatte wirklich etwas Pathologisches an sich. Gertrude vermutete, dass sich manche im Alter wieder zu Teenagern zurückentwickelten.
Sie fand die Wohnungstür tatsächlich unverschlossen vor.
Schwerfällig ließ sie sich auf den Hocker im Flur sinken. Als Erstes musste sie die klobigen Schuhe loswerden. Ihre Füße brachten sie sonst noch um.
„Trude? Bist du es?“ Sie erhob sich schwerfällig und schlurfte barfuß ins Wohnzimmer.“
„Wer sollte es sonst sein? Mirko? Oder der Herr Falscher?“ Sie kicherte leise. Zu ihrer Freude hatte Joachim bereits eine Flasche Sekt geköpft und war nun dabei, drei Gläser zu füllen.
„Falscher? Ich dachte, Joachim nennt sich Müller?“ Trude fand, dass Dorothea in ihrer Verwirrung wie das perfekte Opfer für Betrüger aller Art aussah.
„Ach, der Kerl hat sich Rathgeb genannt, da wollte ich nicht eine so langweilige Figur wie einen Herrn Müller in das Spiel einführen.“ Sie nahm das volle Glas von Joachim entgegen. „Hat alles geklappt?“
„Wäre ich sonst hier? Alles bestens. Die Karte liegt auf dem Tisch. Steck sie am besten gleich ein, sonst vergisst du sie am Ende noch.“
Dorothea sah neugierig auf die Bankkarte. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass die nicht echt ist. Wie macht ihr das nur?“
Trude schnaubte undamenhaft. „Die Informationen auf der Karte sind schon echt, nur die Karte selber hat Joachim gebastelt.“
Joachim stieß sein Glas gegen ihres. „Gebastelt klingt so abwertend. Ich sehe das Fälschen von Kreditkarten eher als solides Handwerk an. Erst muss man möglichst nahe an das Zielobjekt herankommen.“ Er nahm einen Schluck aus seinem Glas, ehe er im Tonfall eines Oberlehrers fortfuhr. „Das Lesegerät funktioniert nur auf eine Distanz von wenigen Zentimetern. Dann muss man die Karteninformationen auf eine echt aussehende Blankokarte kopieren. Natürlich ist es wichtig, dass das Logo der Bank nicht verschmiert oder Fehler enthält. Da braucht man schon die richtigen Kontakte.“ Er ließ seine Stimme nun tadelnd klingen. „Und unsere Trude hier spricht von Basteln.“
„Pah, hör nicht auf ihn, Dorothea. Er tut ja gerade so, als wäre sein Anteil an dieser Geschichte größer als meiner. Aber wer muss sich denn in diesen albernen Kleidern und nach Mottenkugeln stinkend nach draußen wagen? Das wäre dann ja wohl ich.“
In Joachims Augen blitzte der Schalk auf. „Die Bluse steht dir aber ausgezeichnet. Sie lässt dich so seriös wirken.“ Sagte er lächelnd. Dorothea prustete in ihren Sekt.
„Wollt ihr beiden nicht langsam mit der Nummer aufhören? Irgendwann kommt euch doch bestimmt mal jemand dahinter?
Joachim stellte sein Glas ab, ehe er antwortete. „Wer sollte das sein? Die Betrüger können uns ja schlecht anzeigen. Wenn sie merken, dass die Kreditkarten, die Trude ihnen gibt, überzogen sind, lassen wir sie schon längst bei einem Gläschen Sekt hochleben.“
Dorothea schüttelte den Kopf. „Ihr seid mir schon zwei. Dann gibst du, Trude, die Kreditkarte von dem heutigen Opfer an das nächste weiter, sobald sie nichts mehr hergibt?“
Gertrude sah sie streng an, während sie zu einer Antwort ansetzte. „Von Opfer würde ich in diesem Zusammenhang nicht sprechen. Immerhin nehmen die gewerbsmäßig Rentner aus. Außerdem schöpft Joachim den Verfügungsrahmen der Karte aus, ehe er den Platz verlässt. Aber ja“ gab sie zu, „das Prinzip stimmt.“ Sie stockte kurz. „Ich habe vergessen, den Zettel vom Automaten abzumachen.“
Joachim schüttelte den Kopf. „Ist doch egal, die merken dass schon irgendwann.“ Mit einem großen Schluck leerte er sein Glas. „Wollt ihr auch noch ein Schlückchen?“
Dorothea schüttelte den Kopf. „Habt ihr denn gar kein schlechtes Gewissen?“
„Nur mit meiner Rente komme ich unmöglich über die Runden. Und denkst du denn, die haben ein Gewissen?“ Fragte Trude. „Nur die harten kommen in den Garten, wie Walter sagen würde.“ Fügte sie mit einem bösen Lächeln an.
Joachim sah sie konsterniert an. „Wer ist Walter?“
Gertrude lachte laut. „Den lernst du vielleicht auch mal kennen. Walter ist mein echter Enkel. Ich sehe ihn zwar nicht so oft wie die Falschen, dafür will er auch nicht so viel Geld von mir. Da drüben, das Foto auf der Kommode, das ist Walter.“
Joachim besah sich das Bild, auf welches Trude gewiesen hatte. „Der hat ja weniger Haare als ich. Für einen Enkel sieht der aber gar alt aus.“
„Kannst du das glauben, Dorothea?“ Fragte Trude. „Der alte Zausel denkt, dass Enkel nicht altern. Ich war auch mal jemandes Enkelin und jetzt bin ich alt.“
Das Gespräch wurde von den Wildecker Herzbuben unterbrochen. Strahlend sah Gertrude in die Runde, ehe sie über das Display wischte.
Joachim sah ihr ebenfalls lächelnd in die Augen. Es wurde wieder einmal Zeit für einen Enkeltrick.
Bilder: Pixabay.com
Wirklich geniale Idee! Hat so ein bisschen was von RED, nur ohne Explosionen.
Danke schön. :) Ich muss gestehen, dass ich mich über RED erst informieren musste. Klingt ja super. Danke für den Tipp. :)
sehr gern :)
Oh ich habe auch den Eindruck, dass dir die Prämisse des Films gefallen dürfte. Und vielen Dank für die lustige Geschichte :D
Danke für den netten Kommentar. :)
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