Aloisia Bischof beglückt Naschkatzen und wahrt südburgenländisches Kulturerbe (Bildbericht)

in deutsch •  2 years ago  (edited)

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Vor ein paar Tagen hat mich ein Erlebnis in meiner neuen Heimat, die zugleich die alte Heimat meines Vaters ist, tief berührt. Schon lange kenne ich ihr Lokal in Badersdorf in der Weinidylle, wie man die beliebteste Weinregion im Südburgenland nennt... Aloisia Bischof hat schon längst Geschichte geschrieben und vor kurzem auch ein Buch.

An normal frequentierten Tagen oder gar an den Paradiestagen, wie sich die Tage der offenen Tür, jährlich von zahlreichen regionalen Qualitätsbetrieben organisiert, bleibt keine Zeit für einen längeren Plausch. Nun aber durfte ich Aloisia Bischof besser kennenlernen. Dabei wurde mir bewusst, dass ihre Geschichte weit über die Grenzen unseres Landes hinaus bekannt werden sollte. Hier also meine Eindrücke.

Zu viert führen wir nach einem gemütlichen Familienfeier abends in das ca. eine halbe Fahrtsunde entfernte Badersdorf, um in Aloisias Mehlpeis- und Kaffeestub'n Kaffee und vielleicht etwas Süßes zu genießen. An diesem tiefwinterlichen Abend hatte Frau Aloisia wohl mit keinem Besuch mehr gerechnet und das Personal schon heimgeschickt. Sie öffnete uns ein wenig schlaftrunken, wurde aber sofort hellwach und warf die Kaffeemaschine wieder für uns an. Es war gemütlich warm in der freundlichen Gaststube.

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Mein älterer Sohn, der seiner Freundin die Backstube zeigen wollte, von der er ihr bereits in Wien vorgeschwärmt hatte, eilte gleich in den Verkaufsraum nebenan, wo einige Waren zu sehen waren. Als die beiden zurückkamen, saß Aloisia schon an unserem Tisch und hatte unaufgefordert einen Teller mit einem verführerischen Kekse-Sortiment gebracht.

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Doch damit nicht genug. Frau Bischof zeigte ihre Freude über ihre späten Gäste, indem sie uns kurz erzählte, wie alles begann. Das Mehlspeisbacken sei schon immer ihre Leidenschaft gewesen und ganz besonders die Tradition des Hochzeitsbackens, die im Südburgenland früher ganz stark vertreten war. So habe sie zunächst drüben im alten Haus begonnen und dann nach und nach den Betrieb aufgebaut, in der alten Tradition mit den mehrstöckigen, fantasievoll verzierten Hochzeitstorten und allerlei beliebtem typisch burgenländischen Gebäck, darunter auch Salzgebäck.

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Aloisia sagte: "Es war mir einfach ein Anliegen, diese Tradition zu bewahren, weil es immer weniger Hochzeitsbäckerinnen gab und es nicht mehr wie früher möglich ist, sich Hochzeitsbäckerinnen ins Haus kommen zu lassen. Diese nahmen übrigens auch organisatorische Aufgaben bei den Hochzeiten wahr."

Nun ist ihre modern ausgestattete Manufaktur, ein Unternehmen mit mehreren Angestellten, äußerst gefragt und man muß für Anlässe lange vorbestellen. Auch das gediegene Lokal erfreut sich großer Beliebtheit und wird mit Vorliebe nach Buschenschankbesuchen angesteuert. Diese dürfen keinen Kaffee anbieten, und gerade deshalb kann der Gusto bei Kaffeeliebhabern mächtig werden. So wurde die Konditorei zu einem heimlichen Mittelpunkt, man könnte auch sagen, zum Kontrapunkt zum großen Angebot an Vinotheken und Buschenschenken in der Umgebung.

Aloisia erzählt in ihrer typischen Bescheidenheit, dass sie eines Tages von einem Schreiben überrascht wurde mit der Mitteilung, dass ihr Lokal mit der goldenen Kaffeebohne ausgezeichnet wird. Eine hohe Ehre für Cafétiers. http://www.ein-stueck-vom-paradies.at/detail/article/goldene-kaffeebohne-fuer-aloisias-mehspeiskuchl/

Mit diesen Errungenschaften war es für Aloisia aber noch nicht getan. Wieder und wieder hatte sie ihren Besuchern von den burgenländischen Hochzeitsbräuchen erzählt, bis sie die Idee hatte, ein Hochzeitsmuseum zu eröffnen. Diese ist während der wärmeren Jahreszeit zu besichtigen.

Zufällig fiel mein Blick im Foyer auf einen Flyer, in demauch etwas von einem Buch über Hochzeitsbrauchtum stand.

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"Ach ja, da habe ich dann Material für dieses Buch zusammengetragen, das zusammen mit Ing. Norbert Pingitzer aus Kobersdorf entstand. Er suchte weiteres Fotomaterial für mich zusammen." Ich überlegte nicht lange. Das Buch war schon meins!

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Als ich Aloisia erzählte, dass es meiner Mutter in Kärnten viel bedeuten wird, weil sie mit einem Südburgenländer verheiratet war und seine alte Heimat sehr liebte, signierte sie das Buch für uns nicht nur, sondern es gab ein Schächtelchen Kekse für meine Mutter als Beigabe!

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Wir vier spätabendlichen Besucher wollten die Chefin des Hauses nicht über Gebühr aufhalten. Aber als ich als unermüdliche Kulturlady herauszusprudeln begann, dass ich einen Film vermisse, der das Südburgenland in seiner typischen Eigenart wiedergibt, stand sie auf und meinte sanft: „Ich glaube, da habe ich was für euch. Habt ihr noch ein bisschen Zeit?“

Über die herzliche Aufnahme sehr glücklich, bejahten wir freudig und wurden von Aloisia in einen großen Raum nebenan gebeten.

Erneut fragte sie uns, ob wir wohl bereit seien, und wir nickten. Sie habe auch einen Film über die Produktion und dann einen Film über das Südburgenland, wie es früher einmal war. Die Dokumentation über Aloisias Wirkstätte war mir bereits bekannt, daher drang ich darauf, diesne liebenswürdigen Film anzuschauen. Anbei ersatzweise zwei andere Videos, die ich im Internet fand.

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Dann legte Aloisia eine andere DVD mit einem digitalisierten Schwarzweißfilm von ca. einer halben Stunde Spieldauer ein, die ein Mann aus dem Bezirk Jennersdorf gedreht hatte. Szenen aus den Sechzigerjahren, gefilmt im Dörfchen Kalch im Dreiländereck Österreich - Ungarn – Slowenien. Alltagsszenen, aber auch Aufnahmen von Festen und Bräuchen. Die Aufnahmen wurden gefühlvoll musikalisch unterlegt. Die Filmsequenzen erinnerten mich in ihrer Schlichtheit daran, wie ich das Burgenland in jungen Jahren selbst noch erlebt habe. Es war sehr bewegend, in diesen längst entschwundenen Zeitgeist noch einmal eintauchen zu dürfen. Als wir dankend das so überaus gastliche Haus verließen, hatte es sacht zu schneien begonnen.

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Junge Leute, vergebt mir, aber ich brauche euch in dieser Geschichte!

Leider habe ich mir keine Daten zu diesem Film aufnotiert. Ich möchte auch zu gerne wissen, ob er in Museen und sonstigen Archiven aufbewahrt wird. Ein guter Grund mehr, bald wieder zu Aloisia zu fahren! (Mein Bericht wird damit zu vervollständigt, was möglicherweise nur noch in Form eines Kommentars erfolgen kann.)

Diese Frau hat zur Bewahrung des südburgenländischen Kulturerbes Großartiges geleistet und verdient unseren Dank und Respekt. Sie hat aber auch vorgezeigt, dass es mit einem großen Ziel vor Augen, mit Beharrlichkeit und Begeisterung gelingt, einen Musterbetrieb aufzubauen. Ihr Herz für das südburgenländische Brauchtum hat so manches Rezept und so manche Begebenheit davor gerettet, in Vergessenheit zu geraten.

Hier ein Rezept von Aloisia, gefunden auf ihrer Webseite:

Haferflockenkugeln

250g gemahlene Haferflocken
250g Kristallzucker
250g zerlassene Butter
60g Kaffee
60g Rum
geriebene Schokolade (soviel die Masse annimmt)
Kristallzucker

Eine Masse aus den Zutaten herstellen, Kugeln formen und in Kristallzucker wälzen.

Wenn dir mein Beitrag gefallen hat, lasse es mich bitte wissen, auch ohne Upvote!

Wenn es dich interessiert, dass ich ab und zu über Land und Leute berichte, teile mir das mit.

Danke!

Video: https://www.servus.com/at/p/Burgenl%C3%A4nder-Hochzeitsb%C3%A4ckerei/1340803448907-1665533139/
Video:

Aloisias Webseite http://www.aloisia.at
Goldene Kaffeebohne http://www.ein-stueck-vom-paradies.at/detail/article/goldene-kaffeebohne-fuer-aloisias-mehspeiskuchl/
Hochzeitsmuseum https://www.meinbezirk.at/oberwart/leute/erstes-burgenlaendisches-hochzeitsmuseum-eroeffnet-d1330802.html
Buch https://www.meinbezirk.at/oberwart/leute/aloisia-bischof-aus-badersdorf-stellte-ihr-hochzeitsbraeuche-buch-vor-d1318638.html
Hochzeitsbräuche https://www.meinbezirk.at/oberwart/freizeit/hochzeitsbraeuche-im-burgenland-d1813353.html
Nacht der Museen im Bezirk Oberwart https://www.meinbezirk.at/oberwart/leute/nacht-der-museen-im-bezirk-oberwart-d2274679.html

Weinidylle http://www.weinidylle.at/
Badersdorf http://www.badersdorf.at/
Südburgenland https://www.burgenland.info/de/orte-regionen/suedburgenland.html
Burgenland https://de.wikipedia.org/wiki/Burgenland
Burgenland Bunch (Genealogie-Seite für Auswanderer) http://www.the-burgenland-bunch.org/homepage.htm

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[//]:# (!steemitworldmap 47.197586 lat 16.378169 long (GE Deutsch) Photo Report about Aloisia Bischof and her Wonderful Engagement for Regional Tradition d3scr)

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endlich dazu gekommen, den Beitrag zu lesen :)

Sehr schön geschrieben und auch inspirierend - mit dem Fokus auf und der Liebe für eine Sache hat die Dame sich offenbar wirklich gemacht. Die Burgenländer überraschen einen immer wieder :D

Ja, vorbildlich und erstaunlich. Danke für dein Lob.
Das Burgenland hat sehr viele heimlichen Feinheiten. Allein über dieses Ländchen und seine Leute könnte man hier täglich berichten!

Schöner Beitrag. Toll dass du damit hilfst die Traditionen deiner Heimat zu wahren. War ewig nicht mehr im Burgenland muss mal wieder hinfahren.

Wenn du‘s tust, ist ein Besuch der Steemit Burgenland Academy Pflicht!!! ;)

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  ·  2 years ago Reveal Comment

Danke für deine Anerkennung! Ich habe mich sehr beherrscht, ins Sentimentale abzugleiten. So viel Herzlichkeit sucht man heutzutage oft vergeblich. Unser Besuch war für Aloisia überhaupt kein Geschäft, eher das Gegenteil! :) Wo warst du denn schon im Burgenland! Bitte notiere dir geistig, dass bei mir ein „Steemit-Stützpunkt“ ist! ;)

Ein sehr schöner Artikel, danke. Schade, dass das Burgenland so weit weg von uns ist, hätte sofort große Lust dort hin zu fahren und diese Bäckerei zu besuchen. Lg

Du kommst ja viel herum in der Welt, da führt dich vielleicht mal dein Weg ins Südburgenland! :) Danke dir!

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all pictures are superb .i think this is wedding pictures for someone.bride is so beautiful.i like chocolate or ice cream,i m crazy all kinds of sweets,i want to eat all,my mouth began to water....yummyyyyy. so sweet....there is cake too......ummmm

Oh, dear, the region where I live (you see it in the steemit world map now...) is well known for lots of wedding tradition and especially for the women who went to the house of the bride to bake the most delicious and beautifuly decorates cakes and other sweets. And these women had to produce masses of cookies because the tradition was and still is to give all guests bis packages with cookies and pieces of cakes for taking them home. A couple of yearts ago, one of these women had the idea to preserve the traditon by having her own manufacture and store with a cosy coffeeshop.
That's because the custom to go to the houses to bake in the house of the bride family has almost vanished and young people do not even remember the recipes.
Formerly, however, the bakery was far more intense and the decorations were incredible. They used tons of butter and sugar and chocolate and walnuts and marmalade and the had seemingly endless fantasy for their creations.
Maybe you will tell us about some of your favorite sweets, too (and remember the tag "steemitsisterhood" for themes that are of special interest for us women....).