Dominika Teil 6 - Unvergesslich! (13/16)

in #deutsch2 months ago

Und was machen wir mit meinem Geburtstag? Kann ja schnell nach hinten losgehen. Die Planung wollte ich Martin überlassen (ja, ich liebe Überraschungspartys, obwohl ich selbst noch nie eine hatte) aber ich merke schon vorher, dass ihm das große Sorgen bereitet, Angst ist wohl der bessere Ausdruck. Wir wissen ja nun, dass wir uns gehörig in die Nesseln setzen werden, egal wo, wie und mit wem wir feiern. Teuer darf es auch nicht sein aber das muss es ja auch gar nicht, um trotzdem besonders zu werden. Zwei Tage vorher ist nichts geplant. Wie es der Zufall will hat Andy von der Bamba Maru am selben Tag wie ich Geburtstag. Bei gerade noch 4 verbliebenen Yachten und den selben Kontakten an Land, ist schnell klar, dass wir das zusammen machen. Noch dazu ist seine Idee sehr charmant und vor allem günstig mit einem Minimum an Aufwand: Man besorgt ein oder zwei Flaschen Rum, setzt sich an den Strand, macht ein Feuer an und wartet einfach. Hat wohl so schon mehrmals gut funktioniert. Gesagt, getan, noch ein paar Fingerfoods und Stockbrotteig gemacht, Rum besorgt und Eismaschine eingepackt. Die Frage ist nur noch wo? Der Strand ist ja lang und er gehört auch keinem. Aus Andys Erfahrung spielt es theoretisch keine Rolle, denn alle umliegenden Bars profitieren im besten Fall davon. Wer vorbeikommen möchte kauft sich ein Bier oder zwei, schlendert entspannt ans Feuer und wenn das Getränk alle ist, holt sich jeder Nachschub … denkste! Kish hatte schon vorher von der Sache Wind bekommen und kurzerhand ein eigenes privates BBQ für die Crews von Bliss und Matriarch organisiert. Leider, leider könne sie das nun nicht mehr absagen, gleiches höre ich von der kanadischen und amerikanischen Crew. Sie hätte das auch gerne für uns arrangiert, aber wir wollen ja lieber am Strand vor PAYS und nicht vor ihrem Laden feiern … gut, da liegen unglaubliche 300 m dazwischen. Wir kümmern uns nicht weiter darum, denn jetzt muss erstmal Holz besorgt werden. Andy, Martin und Kenny, der hier gleich um die Ecke bei einem Baustoffhandel arbeitet, schichten einen großen Stapel Paletten, Bretter und Äste aufeinander. Schon gibt‘s das nächste Problem. Homti, der hier gleich am Strand lebt und enorm naturverbunden ist, bemängelt den Zustand des Lagerfeuers. Besonders die schädliche Rauchentwicklung beim Verbrennen der Paletten kann er gar nicht gutheißen, es wird ein zweiter Haufen aufgeschüttet. Eigentlich geht‘s darum, dass die Paletten Kenny besorgt hat und die beiden nicht gerade beste Freunde sind. Kenny grummelt, Homti hustet, Bonti möchte ne persönliche Einladung und Spesh ist auch mal wieder vex (verärgert). Es geht also richtig gut los, so wie man das vielleicht manchmal von daheim und dem Klein-Klein unter den Freunden/Familie/Bekannten kennt. Es kommen mehr und mehr Leute, Edison mit seiner deutschen Frau, Jan und Meggi, dazu einige Locals. Die meisten kenne ich und wenn nicht, dann sagt meist einer „das ist mein Cousin“. Der Rum löst die Stimmung, das Essen die verkrampften Mägen und als Andy und ich endlich das Bonfire anzünden haben sich fast alle lieb. Kenny darf Musik machen, Homti dreht die Box immer mal wieder rum, weils ihm zu laut ist und Spesh nimmt sich endlich auch was zu essen ohne dass man ihm das mehrmals aufdrängen muss. Die Sache mit dem Stockbrot scheint die richtige Ablenkung zu sein. Man kennt das hier nicht und so sind fast alle mit dem Verbrennen des Teigs beschäftigt. Andy hatte absolut recht behalten, der Abend war unglaublich schön, entspannt und lustig, besser als manches tagelang präzise geplante Event. Wir saßen beschwippst am Strand unterm Sternenhimmel, hatten Sand zwischen den Fußzehen, hörten das Rauschen der Wellen, das Säuseln des Windes, das Wogen der Palmen und das Knistern des Feuers, dazwischen Musik und viel Lachen von einer handvoll Leuten, die zum Ende unserer Zeit in Dominika für uns zu echten Freunden geworden sind.

Eigentlich könnte ich jetzt aufhören, der Abend war schon fast der perfekte Abschluss. Bis zur Abreise sind es aber noch 14 Tage und die waren alles andere als ereignislos. Da war zum Beispiel Kennys Einladung zum Essen. Er hatte den Abend mit uns am Feuer wohl auch so genossen wie wir, dass es ihm ein Anliegen, war für Joanna und Andy, Martin und mich und ein paar Freunde zu kochen. Chicken creol klingt sehr, sehr lecker und Mr. Link, wie er sich gerne nennt, hat sich mächtig ins Zeug gelegt. Bei solchen Einladungen, besonders wenn sie mich zu den Menschen in ihr zu Hause bringen, interessiert mich ja vor allem deren Hintergrund, ihre Geschichte. Kenny ist für mich eine absolute Ausnahmeerscheinung in Portsmouth. Zum einen ist er einer der wenigen, der so etwas wie eine Festanstellung hat und damit Steuern bezahlt. 80% aller Geschäfte laufen hier gegen Cash, also an der Steuer vorbei. Er hat vier Söhne, die er alleine großzieht. Von seiner ersten Frau ist er geschieden, die Mutter der zwei jüngeren ist kurze Zeit nach der Geburt gestorben. Ohne das Werten zu wollen aber für einen Großteil der männlichen Bevölkerung liegt deren Anteil an der Familiengründung im Wesentlichen beim Zeugen und das möglichst breit gefächert. Das Aufziehen wird dann meist den Frauen, auch mal der eigenen Mutter, Schwester, Cousine überlassen. Viele Kinder zu haben bedeutet für Männer Ansehen, für Frauen großen Kummer. Kenny ist da jedenfalls anders, drei seiner Jungs leben bei ihm, der vierte studiert in Kuba. Seine Wohnung, die er vom Staat bekommen hat, liegt gleich hinter dem Strand in einem brandneuen Wohnkomplex. Aber auch das ruft wieder Neider hervor, die sagen ein richtiger Mann hat Land und baut für seine Familie ein Haus ohne den Staat. Bei derlei Aussagen offenbart sich für mich die große Schwierigkeit, die in der Entwicklung von Staaten wie Dominika liegen. Einerseits wollen die Menschen ein Mindestmaß an staatlicher Fürsorge (Schulen, Straßen, Medizinische Versorgung, Katastrophenschutz, soziale Hilfen), auf der anderen Seite besteht ein unglaublich tiefes Misstrauen in staatliche Strukturen (Regierung, Wahlen, Steuersystem) und jeder Vorstoß zur Regulierung eines gemeinschaftlichen, solidarischen Zusammenlebens wird als massiver Eingriff in die Verwirklichung des eigenen Lebensideals gewertet (Rastkultur, nur Bares ist Wahres). Ich habe das Gefühl, es schmeichelt Kenny wohl am meisten, dass die beiden weißen Ladys so an seinen Kochkünsten interessiert sind und er es genießt so im Mittelpunkt zu stehen. Mal ganz davon abgesehen, ist seine Wohnung samt Einrichtung weit über dem Standard, den wir bisher gesehen haben. Irgendwann ist das Chicken fertig, es duftet unglaublich gut und seine drei Jungs kommen aus ihren Zimmern gekrochen. Aber zuerst müssen sich seine Gäste, also wir vier Deutschen, setzen. Am Tisch sind leider auch nur 4 Plätze vorhanden und Kenny will par tout nicht dazu kommen, obwohl wir alle zusammen rücken. Und dann wird es für mich ein wenig skurill, nee eigentlich tut mir unser Gastgeber ganz schrecklich leid. Anders als bei uns isst hier der Koch als letztes, so zu sagen das was übrig ist, wenn denn was übrig ist. Die Menge an Hühnchen, Reis und Kochbananen schien für 20 Personen zu reichen. Nachdem wir uns gut aufgetan hatten kamen seine Buben, packten sich die Teller randvoll und verschwanden wieder in ihren Zimmern. Gerade versichern wir Kenny, dass es ausgezeichnet war und wir wirklich, wirklich pappsatt sind kommen seine Freunde Edison und Jackson hereingeschneit. Ohne auch nur "Hallo" oder "Wie gehts" zu fragen, machen sie sich über den Rest her und ich sehe Kenny an, wie ihm der Zahn tropfte und der Magen knurrt. Mir ist das so so unangenehm und ich weiß gar nicht wie ich mich entschuldigen soll. Außer mich scheint das aber niemanden zu stören. Wir haben eh keine Zeit um Trübsal zu blasen, heute Abend hat seit Beginn der Corona-Krise endlich wieder das Paryboot geöffnet, alle Restriktionen sind aufgehoben, es darf wieder bis zum Morgengrauen getanzt und gefeiert werden.

Ob dies nun ein schöner Abend war der nicht, darüber gehen Martins und meine Meinung weit auseinander. Joanna und ich stürzen uns mit Kenny, Jackson und gefühlt weiteren hundert Leuten auf die winizig Tanzfläche im inneren des umgebauten Fischerbootes. Martin und Andy passen derweil für Stunden auf unsere Taschen auf – soweit ist eigentlich alles wie in Deutschland. Drinnen tanzen die Mädels, draußen drehen die Jungs Däumchen. Ok, ich gebe zu die Musik war laut, sehr laut, Krach trifft es wohl am Besten. Auch die Art zu tanzen ist … naja … gewöhnungsbedürftig. Im Wesentlichen geht es darum, dass die Damen ihren überwiegend gut ausgeprägten Popitz in ausladenden, oder sollte ich besser sagen einladenden, Bewegungen möglichst dicht und auf Höhe des Genitalbereichs ihres Tanzpartners bewegen, Tempo und Rhythmus nach Gusto. Die Herren bewegen sich dabei möglichst wenig und dirigieren das dargebotene Hinterteil nur ab und zu mit den Händen. Alter Falter, wo sind wir denn hier gelandet. Unseren tanzwütigen Begleitern gefällt das offensichtlich ganz gut, Joanna und ich zucken nur mit den Schultern. Man muss ja nicht jeden Quatsch mit machen und so sind wir wohl so was wie die Exoten auf der Tanzfläche. Aber mal ehrlich, auch wenn ich weit weg von Modelmaßen bin, habe ich nicht mal ansatzweise so einen ausgeprägten Booty (Hintern), um anständig Twerken zu können. Geshakert und geflirtet wird trotzdem wie wild, und meist auch gar nicht lange um den heißen Brei herum geredet (hier eher geschrien). So komme ich am Ende des Abends auf drei Heiratsangebote und könnte damit stolze Besitzerin von ca. 25.000 m² Land auf Dominika sein… erinnert mich ein wenig an Israel. Der Abend endet dann auch ziemlich aprupt und wie man das von jeder guten Dorfdisko kennt mit einer kleinen Schlägerei, Zeit nach Hause zu gehen.

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geile story :-)
schmunzel......lg euch

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