Carriacou - kleine Insel, große Folgen (4/8)

in #deutsch11 months ago

So richtig weiß ich gar nicht wo ich mich denn nun melden soll. In der Mittagshitze huschen ein paar Krankenschwestern zwischen den Häusern hin und her und schließlich weißt mir eine den Weg zur „Notaufnahme“. Ein offener Raum mit ein paar Sitzgelegenheiten zum Warten, eine paar einfache Holztüren mit der Aufschrift „Dentist“, „Doctor“ und „Pharmacie“. Ich klopfe bei "Doctor" und eine kleine energische ältere Krankenschwester steckt ihren Kopf aus der Tür und fragt, was ich will. Ich erkläre ihr kurz mein Problem, sie schaut mich streng an, nickt und bedeutet mir zu warten. Also setze ich mich hin, Mücken kreisen um mich herum, kleine Gekos krabbeln die Wände hoch und Kolibris flattern durch die großen Fensteröffnungen ein und aus – insofern ist es ganz beschaulich. Je länger ich jedoch auf die Tür zum Doctor schaue, frage ich mich doch, ob es eine gute Idee war, hierher zu kommen und nicht morgen erst zu Dr. Freddy zu gehen. Ich bin tatsächlich drauf und dran einfach zu verschwinden als die Krankenschwester plötzlich wieder auftaucht, sich neben mich auf die Bank setzt und in einem unglaublich liebenswürdigen, warmherzigen Ton fragt: „Ok my darling, tell me again please, how can we help you?“ Ich zeige ihr den Abszess, sie sieht sicher meine Besorgnis und so tätschelt sie mir das Knie. Ich solle mir keine Sorgen machen, dass bekommen wir schon hin, Dr. Joseph wird sich gleich um mich kümmern. Wenig später öffnet sich die geheimnisvolle Tür zum Doctor und ich bin nicht unbedingt beruhigt. Der Raum ist von unten bis oben mit Material und Geräten vollgestopft, Ameisen huschen über den Boden und es nicht ganz ersichtlich ist, ob hier nur behandelt oder auch gleich noch operiert wird – jedem, der in Deutschland im medizinischen Bereich tätig ist, würden wahrscheinlich die Fussnägel hochrollen. Trotzdem war es gut, hier her zu kommen. Dr. Jospeh könnte fast mein Sohn sein, ich schätze ihn auf höchstens Mitte Zwanzig aber ich fühle mich gut aufgehoben. Er spricht nicht lange um den heißen Brei herum und bestätigt mir, was ich schon befürchtet habe. Aus dem Mückenstich ist ein richtig schöner Abszess geworden, der mit großer Wahrscheinlichkeit operativ entfernt werden muss.

Er will aber noch zwei Tage abwarten und verschreibt mir vorerst Antibiotika. Am Mittwoch soll ich wiederkommen – nicht schön, ist aber nun mal nicht zu ändern. Den Heimweg vom Hospital nach Hillsborought trete ich zu Fuß an und genieße die knapp 4 km endlich wieder laufen zu können. Auch wenn das Bein bei jedem Schritt ein wenig ziept ist es ein wunderbares Gefühl, sich bewegen zu können. Den Berg herunter hat man eine so schöne Aussicht auf die Westküste, die herrlichen Strände vor Sandy Island, Jack A‘Dan und Paradise Beach – was für eine schöne Insel!
Zurück am Boot ist Martin natürlich gar nicht amused, die Aussicht hier das Bein aufschnippeln zu lassen behagt ihm genau so wenig wie mir. Wir verdrängen die Sorgen erstmal auf Mittwoch und genießen unseren ersten Abend in „Freiheit“ in DJ‘s Bar, dem noch viele weiter folgen werden bis… ja bis … aber das ist eine andere Geschichte.

Tagsdrauf wird Selene auf Vordermann gebracht und alles erledigt, was während der Quarantäne nicht möglich war: Einkaufen, Wäsche waschen, Wasser und Diesel auffüllen. Ich mache mir etwas Sorgen, mit der enorm angeschwollenen Eiterblase ins Wasser zu gehen. Andererseits ist die Entzündung nun mal vorhanden, was soll da schon noch Schlimmes passieren können. In der Tyrell Bay gibt es mehrere schöne Ecken zum Schnorcheln und Tauchen, sogar zwei Wracks liegen in der Bucht die man unbedingt erkunden soll. Leider ist das Wasser heute ziemlich trüb und die Sichtweite beträgt vielleicht 15 m. Etwas enttäuscht mache ich mich nach ca. einer Stunde auf den Weg zurück zum Boot als ich aus den Augenwinkeln zwei dunkle Schatten bemerke. Ein wenig erschrocken drehe ich mich um aber nichts ist zu sehen, keine Panik, alles gut, Haie gibts hier ja nicht. Keinen Augenblick später gleiten zwei wunderschöne große Eagle Rays vor mir vorbei, ganz ruhig und elegant schweben sie durchs Wasser. Für ein paar Sekunden kann ich ihnen folgen und dann sind sie auch schon wieder im tiefen Blau verschwunden – unbeschreiblich schön! Hätte ich gewusst, dass dies mein vorerst letzter Ausflug unter Wasser für lange lange Zeit sein wird, wäre ich sicher noch geblieben, aber wie sagt man so schön: „Hätte, hätte … u.s.w.“

Mittwochmorgen hat es meine Beule am Bein inzwischen zu einer beachtlichen Größe geschafft, die OP scheint unausweichlich und ich muss wohl in den sauren Apfel beißen. Aber eine so ausgeprägte Infektion kann zu weitaus schlimmeren Erkrankungen führen und ich will es einfach los sein. Also geht‘s per Bus wieder zuerst nach Hillsborought und dann weiter zum Hospital. Dr. Jospeh ist gar nicht erfreut zu sehen, dass sich die Blase schon geöffnet hat und so wird nicht lange gefackelt. Vorher erklärt er mir jeden Schritt und entschuldigt sich schon im Voraus, dass es schmerzhaft werden wird. Also Augen zu und durch. Während ich bäuchlings auf der Pritsche liege und versuche an irgendetwas schönes zu denken, habe ich ausgiebig Zeit mir den „OP-Saal“ genauer anzuschauen … naja, besser Augen zu und an was anderes denken. Was soll ich sagen, angenehm war es nicht und Dr. Joseph entschuldigt sich auch zwischendurch mehrfach, mir solche Schmerzen zu bereiten aber nach 20 Minuten ist es überstanden.

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