𝗪𝗔𝗥𝗨𝗠 𝗦𝗢𝗟𝗟𝗧𝗘 𝗠𝗔𝗡 𝗦𝗜𝗖𝗛 𝗙Ü𝗥 𝗗𝗘𝗣𝗥𝗘𝗦𝗦𝗜𝗢𝗡𝗘𝗡 𝗦𝗖𝗛Ä𝗠𝗘𝗡?

in #deutsch3 days ago

Gestern Abend, gegen 23 Uhr, schrieb mich eine Frau an. Eigentlich eine Uhrzeit, zu der vernünftige Menschen schlafen. Wir anderen liegen wach, grübeln über unser Leben und überlegen, warum der Kühlschrank nachts eigentlich viel interessanter aussieht als am Tage.

Das Thema unseres Gesprächs waren Depressionen und die Frage, wie man damit umgehen kann.

Zunächst einmal: Depression ist nicht gleich Depression. Es gibt unzählige Formen, Ursachen und Ausprägungen. Deshalb wäre es vollkommen vermessen, nach einem kurzen Gespräch ein Urteil abzugeben oder großartige Ratschläge zu verteilen. Ich bin schließlich kein Psychologe, auch wenn Facebook bekanntlich jeden innerhalb weniger Minuten zum Arzt, Staatsanwalt, Finanzexperten und Bundestrainer ausbildet.

Ich kann nur meine persönliche Sicht schildern.

Die Frau kämpft seit vielen Jahren mit Depressionen. Ausgelöst wurde das Ganze offenbar dadurch, dass ihr Partner sie verlassen und mit einem damals dreijährigen Kind allein zurückgelassen hat. Sie sagte selbst, dass sie das bis heute nicht richtig verarbeitet habe und mit ihrem inzwischen größeren Jungen häufig überfordert sei.

Fast ein Dreivierteljahr wartete sie auf einen Therapieplatz. Danach war sie mehr als zwei Jahre bei einem Psychologen. Ihrer Meinung nach hat ihr das kaum geholfen. Kurze Gespräche, Medikamente und das Gefühl, zwar ruhiger geworden zu sein, aber nicht mehr sie selbst. Sie fühlte sich, wie sie es ausdrückte, ruhiggestellt und wie ein anderer Mensch. Deshalb setzte sie die Medikamente wieder ab.

Das ist ihre persönliche Erfahrung. Andere Menschen machen mit Therapien und Medikamenten ganz andere Erfahrungen. Genau deshalb sollte niemand glauben, dass es für alle dieselbe Lösung aus derselben Schublade gibt. Menschen sind leider komplizierter gebaut als ein IKEA-Regal, obwohl bei beiden am Ende häufig irgendeine Schraube übrig bleibt.

Wie sie ausgerechnet auf mich gekommen ist?

Nun, ich schreibe hier relativ offen darüber, dass auch ich depressive Phasen habe. Manchmal sind sie weniger stark, manchmal liege ich mehrere Tage fast nur im Bett, möchte niemanden sehen, nichts hören und einfach meine Ruhe haben.

Eigentlich lebe ich dafür geradezu luxuriös. Mitten im Thüringer Wald, mit eigenem Bachlauf, viel Natur und kaum Nachbarn. Ein Traum, wäre da nicht diese lästige Erfindung namens Arbeit, die sich auf meinem Grundstück offenbar heimlich vermehrt.

Ich versuche, gegen meine depressiven Phasen anzukämpfen, indem ich mich beschäftige. Oft muss ich mich regelrecht dazu zwingen. Aber Beschäftigung lenkt mich ab. Sie schafft Platz für andere Gedanken und verhindert manchmal, dass sich das Karussell im Kopf immer schneller dreht.

Bei mir sind es oft gesundheitliche Sorgen. Die Angst davor, dass es wieder bergab geht. Der Gedanke, dass mir aufgrund meiner Erkrankungen vielleicht nicht mehr unendlich viel Zeit bleibt. Zukunftsängste, auch finanzieller Art, obwohl ich durch meinen Grundbesitz und einige Rücklagen nicht vollkommen schlecht dastehe. Trotzdem werde ich vermutlich nie eine normale Rente bekommen und muss meine Krankenversicherung bis zum Ende selbst bezahlen. Solche Gedanken sitzen manchmal im Kopf wie ungeladene Gäste, die nicht nur bleiben, sondern auch noch den Kühlschrank leerräumen.

Und dann wäre da noch das Älterwerden.

Im Kopf fühlt man sich häufig noch wie 20 oder 30. Dann versucht man etwas, was früher selbstverständlich war, und der Körper antwortet höflich: „Das kannst du gern versuchen. Ich mache allerdings nicht mit.“

Besonders gemein sind Spiegel. Man läuft ahnungslos vorbei, sieht plötzlich einen älteren Mann und überlegt kurz, wer den hereingelassen hat. Dann stellt man fest: Das bin ja ich. Man selbst merkt das Älterwerden nämlich kaum. Der Spiegel führt darüber allerdings eine sehr gewissenhafte Buchhaltung.

Das sind einige der Dinge, die mich belasten. Bei anderen Menschen sind es Trennungen, Einsamkeit, Krankheit, Geldsorgen, Überforderung, Mobbing, der Verlust eines geliebten Menschen oder Erlebnisse aus der Vergangenheit. Es gibt Millionen mögliche Gründe, und Depressionen können einen Menschen Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahrzehnte begleiten.

Besonders hilfreich sind dann bekanntlich Sätze wie:

„Nun hab dich doch nicht so.“

„Andere haben es viel schlimmer.“

„Du musst einfach positiver denken.“

Damit ist das Problem selbstverständlich sofort gelöst. Ähnlich wirksam wäre es vermutlich, einem Menschen mit gebrochenem Bein zu erklären, er müsse einfach entschlossener auftreten.

Zurück zu der Mutter, mit der ich gestern geschrieben habe. Ich merkte während unseres Gespräches, dass sie immer trauriger wurde. Wer mich kennt, weiß, dass ich vieles mit Sarkasmus und Humor überspiele. Das hilft mir häufig. Aber ich weiß auch, dass Humor in solchen Situationen nicht immer richtig ist und sogar verletzend wirken kann.

Also habe ich diesmal nicht versucht, ihre Depressionen mit irgendeinem schlauen Spruch wegzulachen.

Ich habe sie und ihren Jungen einfach für eine Woche zu mir eingeladen.

Das große Ferienhaus ist in den nächsten Wochen durchgehend vermietet, aber bei mir im Haus gibt es noch ein kleines Apartment. Dort hatte gerade erst Daniel mit seiner kleinen Tochter einige Tage verbracht, während wir in Weimar waren. Ich hoffe jedenfalls, dass die beiden hier eine schöne Zeit hatten und nicht nur erleichtert waren, dass ich gerade nicht da war.

Genau dieses Apartment habe ich nun der Mutter angeboten.

Sie erzählte mir, dass ihr Junge unglaublich viel Energie habe und sie manchmal so überfordert sei, dass sie ihm gegenüber laut werde. Danach tue es ihr leid und sie mache sich noch mehr Vorwürfe. Ein Kreislauf, der vermutlich vielen Eltern bekannt vorkommt, auch wenn die meisten nach außen natürlich weiterhin so tun, als hätten sie ihre Familie vollständig unter Kontrolle. Besonders auf Instagram, wo Kinder niemals schreien und das Frühstück grundsätzlich aus kunstvoll geschnittenen Erdbeeren besteht.

Wenn meine Freundin am Wochenende hier ist, könnten wir uns einige Stunden um den Jungen kümmern. Vielleicht wandern wir mit ihm, gehen ins Freibad, in die Therme oder essen ein Eis. Irgendetwas findet sich immer.

Die Mutter könnte währenddessen einfach einmal ruhig dasitzen, allein spazieren gehen oder ein paar Stunden nichts tun. Ohne schlechtes Gewissen, ohne Termine und ohne ständig das Gefühl zu haben, funktionieren zu müssen.

Vielleicht tankt sie dabei ein wenig Kraft. Vielleicht hilft ihr der Ortswechsel. Vielleicht auch nicht. Wunder kann ich nicht versprechen. Der Thüringer Wald besitzt schließlich noch keine Kassenzulassung.

Aber manchmal kann schon eine andere Umgebung etwas verändern.

Seit drei Jahren kommt beispielsweise regelmäßig eine Mutter mit ihrem autistischen Kind zu uns. Wenn die beiden ankommen, ist das Kind kaum zu bändigen. Es läuft ständig herum, ist unglaublich aktiv und teilweise auch aggressiv.

Doch hier passiert etwas Erstaunliches.

Das Kind setzt sich auf die Wiese am Hang hinter dem Haus und schaut stundenlang in den Wald. Es freut sich, wenn sich ein Ast bewegt, ein Eichhörnchen auftaucht oder irgendein anderes Tier vorbeikommt. In diesem Jahr begann es zum ersten Mal zu malen. Es saß auf dem Hang und fertigte Dutzende kleiner Zeichnungen an.

Manchmal braucht es eben keine Animation, kein Dauerprogramm und keinen Bildschirm. Manchmal reicht ein Wald, ein Stück Wiese und ein Eichhörnchen, das vermutlich nicht einmal ahnt, dass es gerade therapeutische Überstunden macht.

Solche Erlebnisse zeigen mir, dass dieser Ort tatsächlich entschleunigen kann. Vielleicht ist der Thüringer Wald kein Heilmittel, aber für manche Menschen ist er zumindest ein wenig Balsam für die Seele.

Umso mehr ärgert es mich, dass ich das alles nicht dauerhaft weiterführen kann. Ich schaffe die viele Arbeit einfach nicht mehr. Trotzdem nehme ich diese besonderen Momente mit. In den vergangenen sechs oder sieben Jahren ist hier so viel passiert, dass man beinahe ein Buch darüber schreiben könnte.

Aber bringt mich bitte nicht noch auf Ideen. Ich habe bereits genug davon und irgendwo muss auch einmal Schluss sein, bevor ich mit 97 Jahren noch die Druckfahnen korrigiere.

Warum schreibe ich das alles so ausführlich?

Weil Depressionen noch immer viel zu häufig wie ein peinliches Geheimnis behandelt werden. Dabei leiden viel mehr Menschen darunter, als man vermutet. Jugendliche, Erwachsene und alte Menschen. Männer und Frauen. Menschen mit wenig Geld und Menschen, bei denen von außen scheinbar alles perfekt aussieht.

Depressionen sind kein Zeichen von Schwäche. Niemand muss sich dafür schämen, wenn er kleinere, größere oder lang anhaltende depressive Phasen erlebt. Und niemand muss sich gegenüber Verwandten, Freunden oder irgendwelchen selbst ernannten Lebensberatern dafür rechtfertigen.

Ich kann keine Therapie ersetzen und keine allgemeingültigen Ratschläge geben. Gelegentlich kann ich aber ein Gespräch anbieten. Und solange es mir möglich ist, kann ich auch einmal jemanden, dem es nicht gut geht, für ein paar Tage zu mir einladen.

Wenn es eine einzelne Person ist, ist das auch im kleinen Apartment bei mir im Haus möglich. Geld möchte ich dafür nicht. Und wenn ich ohnehin koche, findet sich meistens auch noch ein Teller mehr. Ob mein Essen anschließend die Stimmung hebt oder neue Probleme verursacht, hängt allerdings stark vom jeweiligen Gericht ab.

Ein Ortswechsel löst nicht automatisch alle Probleme. Aber er kann einen Menschen für einige Tage auf andere Gedanken bringen. Vielleicht hilft ein Gespräch. Vielleicht hilft die Ruhe. Vielleicht hilft es einfach, einmal nicht allein zu sein.

Und manchmal muss man auch gar nicht reden.

Manchmal reicht es, auf einer Wiese zu sitzen, in den Wald zu schauen und darauf zu warten, dass sich irgendwo ein Ast bewegt.

Schämt euch nicht für eure Depressionen. Nicht für die leichten Phasen und erst recht nicht für die schweren. Ihr seid damit weder allein noch weniger wert.

Ihr seid Menschen.

Und Menschen funktionieren nun einmal nicht jeden Tag gleich gut. Auch wenn unsere Gesellschaft gern so tut, als müssten wir morgens nur den richtigen Knopf drücken und anschließend störungsfrei bis zum Feierabend laufen.

#lifestyle #depressionen #miteinander


Veröffentlicht mit Welako

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