𝗗𝗶𝗲 𝗗𝗲𝘂𝘁𝘀𝗰𝗵𝗲𝗻 – 𝗱𝗮𝘀 𝘀𝗰𝗵𝗲𝗶𝗻𝗵𝗲𝗶𝗹𝗶𝗴𝘀𝘁𝗲 𝗩𝗼𝗹𝗸 𝗱𝗶𝗲𝘀𝗲𝗿 𝗘𝗿𝗱𝗲?
𝗠𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗚𝗲𝗱𝗮𝗻𝗸𝗲𝗻 𝘇𝘂𝗺 𝗦𝗽𝗮𝗵𝗻-𝗥ü𝗰𝗸𝘁𝗿𝗶𝘁𝘁
5,9 Milliarden Euro für Masken ausgeben, von denen ein riesiger Teil niemals gebraucht wurde? Politisch überlebbar.
Gemeinsam mit seinem Ehemann mithilfe einer Leihmutter Vater werden? Rücktritt „richtig und unvermeidlich“.
Willkommen in Deutschland, wo der moralische Kompass offenbar nicht nach Milliarden, sondern nach der jeweiligen Schlagzeile ausschlägt.
In den vergangenen Tagen gab es eine riesige Aufregung, weil Jens Spahn und sein Ehemann Daniel Funke mithilfe einer Leihmutter in den USA Eltern geworden sind. In Deutschland ist die Vermittlung und medizinische Durchführung einer Leihmutterschaft verboten. Für Wunscheltern ist es jedoch nicht verboten, ein im Ausland durch Leihmutterschaft geborenes Kind nach Deutschland zu bringen und hier großzuziehen.
Man kann zu Leihmutterschaften unterschiedliche Meinungen haben. Ich persönlich sehe nichts grundsätzlich Verwerfliches daran, wenn eine erwachsene Frau freiwillig, umfassend aufgeklärt und unter klaren rechtlichen sowie medizinischen Bedingungen ein Kind für andere Menschen austrägt. Dabei ist es für mich unerheblich, ob der Kinderwunsch von einem Mann und einer Frau, zwei Männern, zwei Frauen oder einer alleinstehenden Person kommt. Entscheidend sind Freiwilligkeit, Schutz vor Ausbeutung, medizinische Sicherheit und vor allem das spätere Wohl des Kindes.
Dass Jens Spahn nun Doppelmoral vorgeworfen wird, kommt allerdings nicht aus dem luftleeren Raum. Er hatte sich als Gesundheitsminister selbst gegen eine Legalisierung der Leihmutterschaft ausgesprochen und nutzte anschließend genau diese Möglichkeit im Ausland. Diesen Widerspruch kann und darf man kritisieren. Trotzdem bleibt die Frage, ob deshalb ein Mann sein politisches Amt verlieren muss, während bei ganz anderen Vorgängen erstaunlich großzügig über Milliardenbeträge hinweggesehen wurde.
Denn nun kommen wir zu den Dingen, bei denen die deutsche Empörungsmaschine auffällig leise schnurrte.

𝗘𝗶𝗻 𝗽𝗮𝗮𝗿 𝗿𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗙𝗮𝗸𝘁𝗲𝗻 𝘇𝘂𝗿 𝗠𝗮𝘀𝗸𝗲𝗻𝗯𝗲𝘀𝗰𝗵𝗮𝗳𝗳𝘂𝗻𝗴:
Unter der Verantwortung des damaligen Bundesgesundheitsministers Jens Spahn beschaffte der Bund ungefähr 5,8 Milliarden Masken für rund 5,9 Milliarden Euro. Das ergibt rechnerisch einen Durchschnittspreis von etwas mehr als einem Euro pro Maske, wobei hier einfache OP-Masken und teurere FFP-Masken zusammengerechnet werden. Nur rund 1,7 Milliarden der beschafften Masken wurden tatsächlich verteilt. Mehr als die Hälfte wurde bereits vernichtet oder war zur Vernichtung vorgesehen.
Einen einzigen „wirklichen Wert“ einer Maske gab es 2020 nicht, weil Maskentyp, Qualität, Lieferzeitpunkt und die damalige weltweite Mangellage eine Rolle spielten. Es gab zu Beginn der Pandemie tatsächlich einen akuten Mangel. Das ist unbestritten. Interessant wird es aber beim Vergleich der Preise, die innerhalb der Beschaffung des Bundes gezahlt wurden.
Im sogenannten Open-House-Verfahren garantierte Spahns Ministerium jedem Anbieter, der die Bedingungen erfüllte, einen festen Nettopreis von 4,50 Euro für eine FFP2-Maske und 60 Cent für eine OP-Maske. Eine Begrenzung der Gesamtmenge gab es zunächst nicht. Das Ergebnis war überraschend wie ein Sonnenaufgang: Bei einem garantierten hohen Preis wollten plötzlich sehr viele Händler sehr viele Masken liefern. Es gingen etwa zehnmal mehr Lieferzusagen ein als kalkuliert.
Bei einem anderen Beschaffungsweg über das Unternehmen Fiege lagen die tatsächlich realisierten Durchschnittspreise dagegen bei 2,93 Euro für eine FFP-Maske und 41 Cent für eine OP-Maske. Allein bei den FFP-Masken betrug der Unterschied zum Open-House-Preis damit 1,57 Euro pro Stück. Bei einigen Direktverträgen wurden allerdings noch höhere Preise bezahlt. Beim Schweizer Unternehmen Emix lag der durchschnittliche Preis für 150 Millionen FFP2- und KN95-Masken beispielsweise bei 5,58 Euro pro Stück.
Und dann gab es noch die Burda GmbH.
Im April 2020 kaufte das von Jens Spahn geführte Bundesgesundheitsministerium 570.000 FFP2-Masken von der Burda GmbH. Daniel Funke, Spahns Ehemann, war zu dieser Zeit Lobbyist und Leiter der Berliner Burda-Repräsentanz. Die Rechnung betrug genau 909.451,86 Euro, also rechnerisch knapp 1,60 Euro pro Maske.
Burda erklärte dazu, die Masken seien über ein Unternehmen in Singapur beschafft und zum Selbstkostenpreis weitergegeben worden. Der angegebene Einkaufspreis betrug 1,736 US-Dollar pro Stück. Nach Angaben von Burda war Daniel Funke weder informiert noch an dem Geschäft beteiligt, und es wurde keine Provision an Mitarbeiter gezahlt. Das Bundesgesundheitsministerium erklärte, der Vertrag sei in einem standardisierten Verfahren zu marktüblichen Preisen geschlossen worden. Das sind die vollständigen bekannten Fakten. Die Gedanken dazu darf sich jeder selbst machen.
Ebenfalls ein Fakt: Jens Spahn war bereits von 2006 bis 2010 über eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts mit genau 25 Prozent indirekt an der Lobby- und Beratungsagentur Politas beteiligt. Politas beriet unter anderem Kunden aus der Pharma- und Medizinbranche. Gleichzeitig war Spahn Mitglied des Gesundheitsausschusses des Bundestages und von 2005 bis 2009 Obmann der CDU/CSU in diesem Ausschuss. Im Jahr 2010 beendete er seine Beteiligung.
Auch zur Wahrheit gehört: Eine persönliche Bereicherung Jens Spahns durch die Maskengeschäfte ist bis heute nicht nachgewiesen. Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin stellte die Prüfung der gegen ihn gerichteten Strafanzeigen im März 2026 ein, weil sie keine ausreichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für eine Straftat sah. Politische Verantwortung und eine strafrechtlich nachweisbare persönliche Bereicherung sind nun einmal zwei verschiedene Dinge, auch wenn das für eine Facebook-Schlagzeile furchtbar unpraktisch ist.
Trotzdem bleibt dieses Gesamtbild: Milliarden wurden ausgegeben, Milliarden Masken wurden zu viel gekauft, riesige Bestände wurden vernichtet, und bis heute laufen Rechtsstreitigkeiten mit einem Gesamtstreitwert in Milliardenhöhe. Dazu kommen frühere Verbindungen zu einer Lobbyagentur aus dem Medizin- und Pharmabereich sowie ein Maskenkauf beim damaligen Arbeitgeber des eigenen Ehemanns.
Darüber regten sich zwar einige Menschen auf. Aber seien wir ehrlich: Wenn ein Politiker Milliarden Euro Steuergeld in den Sand setzt, ist das für einen großen Teil der Bevölkerung ungefähr so interessant wie die dritte Wiederholung einer Haushaltsdebatte im Bundestag. Da wird kurz geschimpft, einmal mit dem Kopf geschüttelt und anschließend wieder nachgesehen, welcher Prominente angeblich im Urlaub fünf Kilo zugenommen hat.
Aber wehe, zwei Männer wünschen sich ein Kind und erfüllen sich diesen Wunsch mithilfe einer Frau in den USA. Dann erwacht das moralische Deutschland plötzlich aus seinem Tiefschlaf, zieht die Sonntagsjacke an und erklärt mit bebender Stimme, dass nun wirklich sämtliche Grenzen des Anstands überschritten seien.
Und dann meldete sich auch noch unser allseits beliebter Bundeskanzler Friedrich Merz zu Wort. Er bezeichnete Spahns Rücktritt als „richtig und unvermeidlich“ und erklärte, Glaubwürdigkeit sei in der Politik das höchste Gut. Ausgerechnet Friedrich Merz entdeckt die Glaubwürdigkeit. Man muss solche historischen Momente genießen, solange sie noch nicht mit einer zusätzlichen Sonderabgabe belegt werden.
Mir würde jedenfalls noch jemand einfallen, dessen Rücktritt Millionen Bundesbürger vermutlich ebenfalls als „richtig und unvermeidlich“ bezeichnen würden. Aber selbstverständlich meine ich damit niemand Bestimmten. Man möchte sich schließlich nicht an der plötzlichen Glaubwürdigkeit unseres Bundeskanzlers verschlucken.
Jens Spahn ist nicht wegen der milliardenschweren Maskenbeschaffung, nicht wegen der massiven Überbestellungen und nicht wegen der bis heute bestehenden finanziellen Folgen zurückgetreten. Er trat als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zurück, weil er gemeinsam mit seinem Ehemann einen Kinderwunsch verwirklichte, dabei eine im Ausland legale Möglichkeit nutzte und damit gleichzeitig seiner früheren politischen Haltung widersprach.
Diesen Widerspruch darf man kritisieren. Aber wer bei Milliardenverschwendung die Schultern zuckt und beim Kinderwunsch zweier Männer plötzlich den Untergang des Abendlandes erkennt, sollte vielleicht nicht als Erstes über Jens Spahns Moral nachdenken, sondern über seine eigene.
Veröffentlicht mit Welako