𝗠𝘂𝘁𝘁𝗶 𝘄ä𝗿𝗲 𝗵𝗲𝘂𝘁𝗲 𝟵𝟳 𝗴𝗲𝘄𝗼𝗿𝗱𝗲𝗻

in #deutsch2 days ago

𝗛𝗮𝗽𝗽𝘆 𝗕𝗶𝗿𝘁𝗵𝗱𝗮𝘆 𝘁𝗼 𝗛𝗲𝗮𝘃𝗲𝗻 ❤️

Einige, die mir schon länger folgen, wissen, dass ich jedes Jahr am Geburtstag meiner verstorbenen Mutti und auch am Geburtstag meines verstorbenen Bruders Andreas einen Beitrag zur Erinnerung veröffentliche.

Ich möchte damit einfach erreichen, dass der eine oder andere, der meinen Beitrag liest, für einen kleinen Moment an sie denkt. Das würde der Mutti sicherlich gefallen. Sie mochte Menschen, und vermutlich hätte sie auch heute wieder genau wissen wollen, wer hier kommentiert, was derjenige arbeitet und ob er auch ordentlich gegessen hat.

Mutti wurde 1929 geboren und wäre heute 97 Jahre alt geworden. Leider ist sie bereits 2007 verstorben.

Als ich ein jugendlicher Rabauke war, hatte sie es wahrlich nicht leicht mit mir. Ich brach die Schule in der neunten Klasse ab, wobei „abbrechen“ fast übertrieben klingt, denn bereits ab der achten Klasse war ich dort nur noch eine Art seltener Ehrengast. Da Mutti ausgerechnet an derselben Schule Lehrerin und Horterzieherin war, konnte sie einiges geradebiegen. Irgendwie schaffte sie es sogar, dass ich ein ordentliches Abschlusszeugnis bekam. Pädagogisches Wunder, mütterliche Bestechung oder schlichte Verzweiflung – vermutlich eine Mischung aus allem.

In der DDR war es mehr oder weniger verpflichtend, anschließend eine Arbeits- oder Lehrstelle aufzunehmen. Zu meiner ersten Lehre als Brauer ging ich vorsichtshalber gar nicht erst hin. Bei der zweiten Lehre als Maurer hielt ich immerhin eine Woche Theorie durch, bevor ich beschloss, dass auch das nichts für mich sei. Danach schalteten sich die Behörden ein, machten Druck und natürlich bekam vor allem Mutti den Ärger ab. Schließlich begann ich bei der Reichsbahn eine Lehre, die ich tatsächlich abschloss. Vermutlich nur deshalb, weil Mutti inzwischen gelernt hatte, dass man mich nicht fragen durfte, was ich wollte, sondern mir besser direkt sagte, wo ich am nächsten Morgen zu erscheinen hatte.

Sie hat in dieser Zeit unglaublich viel für mich geradegebügelt. Ich weiß bis heute nicht, wie manches ohne sie ausgegangen wäre.

Nach der Grenzöffnung ging ich nach Kassel und holte sie einige Jahre später ebenfalls dorthin. Sie half in den Lokalen mit, die ich damals betrieb, stand morgens häufig hinter dem Tresen und zog dort ihre ganz eigene Stammkundschaft an. Manche Gäste kamen wahrscheinlich weniger wegen des Kaffees als wegen Mutti. Sie konnte freundlich sein, aber eben auf diese sehr direkte mütterliche Art, bei der man anschließend genau wusste, was man im Leben bisher alles falsch gemacht hatte.

Als ich später andere Unternehmen aufbaute, unterstützte ich sie finanziell, ließ ihr immer wieder etwas zukommen und schenkte ihr auch Reisen. Sie blühte noch einmal richtig auf und fand mit über 65 Jahren sogar eine große Liebe. Ich habe mich darüber sehr für sie gefreut. Das Leben hatte ihr schließlich lange genug Arbeit, Sorgen und zwei Söhne zugemutet – da durfte es ruhig noch einmal etwas Schönes nachliefern.

Mit etwa 75 Jahren begann ihre Demenz immer deutlicher zu werden. Es war Alzheimer. Wir holten sie zu uns. Ich besaß damals in Gotha ein Mehrfamilienhaus und ließ eine komplette Wohnung behindertengerecht für sie umbauen. Dort wurde sie bis zuletzt zu Hause gepflegt.

Das letzte Jahr lag sie nur noch im Bett. Bis auf wenige Augenblicke wusste sie nicht mehr, wer wir waren. Es war eine schwere Zeit für uns alle. Wir hatten einen Rundum-Pflegedienst beauftragt. Da ich damals finanziell sehr gut dastand, war es möglich, zusätzlich zu ihrer Rente und dem Pflegegeld jeden Monat noch ungefähr 2.500 Euro für ihre Betreuung aufzubringen.

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich mit dieser Situation trotzdem völlig überfordert war. Geld kann Pflege ermöglichen, aber es nimmt einem weder die Hilflosigkeit noch den Schmerz. Vielleicht ist diese Erfahrung auch ein Grund dafür, warum ich selbst so große Angst davor habe, irgendwann einmal zum Pflegefall zu werden. Ich weiß, wie so ein Ende aussehen kann. Ich habe es jeden Tag gesehen.

Vor zwei Jahren habe ich für Mutti sogar ein Lied geschrieben. https://soundcloud.com/holger-jacob-233410812/das-herz-meiner-mutter

Im Dezember dieses Jahres erscheint mein fiktiver Roman über eine DDR, die bis heute weiterbesteht: „Was wäre, wenn wir geblieben wären“. Darin kommt Mutti in autobiografischen Teilen vor. Ein ganzes Kapitel handelt von ihrer Demenz und letztlich auch von ihrem Sterben.

Auch in meinem Buch über meine Kindheit, „Ich war klein, mein Herz war rein“, taucht sie immer wieder auf. Wie könnte es auch anders sein? Sie war schließlich diejenige, die unseren ganzen familiären Laden irgendwie am Laufen hielt, während Andreas und ich vermutlich täglich neue Gründe lieferten, ihn endgültig zu schließen.

Sie hat es verdient, nicht in Vergessenheit zu geraten. Vielleicht werden von meinen Büchern am Ende nur wenige Exemplare verkauft. Aber möglicherweise hält in 50 Jahren irgendwo ein Mensch eines dieser Bücher in der Hand und liest etwas über Mutti, Andreas, Manuela, Daniel und mich.

Natürlich freue ich mich, wenn meine Geschichten und Bücher gut ankommen. Aber ich möchte mit dem geschriebenen Wort vor allem den Menschen, die zu meinem Leben gehörten, ein kleines Denkmal setzen. Und ganz ehrlich: auch mir selbst.

Ist das eitel?

Vielleicht ein wenig. Aber solange man niemandem eine goldene Reiterstatue von sich selbst in den Vorgarten stellt, darf man wohl darauf hoffen, dass etwas von einem bleibt. Ein Gedanke, eine Geschichte, ein Satz oder einfach nur der Name in einem alten Buch.

Liebe Mutti, ich glaube daran, dass Energie nicht verloren gehen kann. Und du hast aus so viel Liebe und Zuneigung bestanden, dass etwas davon noch immer da sein muss. Irgendwo im Universum, aber auch hier bei uns. In unseren Erinnerungen, in unseren Geschichten und in den Dingen, die du uns mitgegeben hast.

Solange ich, Manuela und dein Enkel Daniel, der dich leider nur bis zu seinem sechsten Lebensjahr kennenlernen durfte, noch da sind, wirst du nicht vergessen. Die Urnen von Andreas und dir stehen bei mir zu Hause. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich an ihnen vorbeigehe, ohne mich an die Zeit zu erinnern, in der wir miteinander gelebt, gestritten, gelacht und uns manchmal gegenseitig auf die Nerven gegangen sind. So, wie es in einer richtigen Familie eben sein muss.

Ich danke dir für eine wunderbare Kindheit. Mir ist heute sehr bewusst, wie schwer es für dich gewesen sein muss, uns beide allein großzuziehen – finanziell, organisatorisch und vermutlich auch nervlich. Trotzdem hast du alles getan, um uns eine schöne Kindheit und Jugend zu ermöglichen.

Vielleicht lese ich heute dir zu Ehren etwas aus meinem neuen Buch vor. Oder eine meiner Kindheitsgeschichten. Mal sehen, was sich richtig anfühlt.

Happy Birthday to Heaven, liebe Mutti. ❤️

Du bist nicht mehr hier. Aber vergessen bist du nicht.


Veröffentlicht mit Welako

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einen wunderschönen gruß in den himmel

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