[DE] Das Geräusch, das die Erde viermal umrundete

in deutsch •  11 days ago

Das Geräusch, das die Erde viermal umrundete


audio-2028515_1280.png


Da es im Folgenden um ein außerordentlich lautes Geräusch gehen soll, sollte ich zunächst vielleicht grob klären, was ein Geräusch im Allgemeinen überhaupt ist.

Geräusche werden durch Schwankungen des Luftdrucks verursacht. Wenn wir zum Beispiel sprechen, singen oder auch nur flüstern, bewegen wir die Luftmoleküle mehrmals pro Sekunde hin und her und ändern so den Luftdruck an der Stelle, an der der Schall auftrifft, und darüber hinaus. Je lauter der Ton, desto stärker sind die Bewegungen und Veränderungen des Luftdrucks und – wie auf Krakatoa eindrucksvoll geschehen – desto weiter werden seine Auswirkungen wahrgenommen.

Aber es gibt eine Grenze, wie laut ein Ton werden kann. Irgendwann sind die Luftdruckschwankungen so groß, dass die Niederdruckbereiche gen Nulldruck – ein Vakuum – sinken. Niedriger als das – unmöglich. Die Grenze liegt bei etwa 194 Dezibel für den Schall in der Erdatmosphäre. Noch lauter, und der Klang strömt nicht mehr nur durch die Luft, sondern presst diese fort und erzeugt eine Druckwelle aus bewegter Luft, die auch als Schockwelle bezeichnet wird.

Nur um ein paar Zahlen zu nennen: Eine Baustelle, samt Presslufthämmern, kann 100 Dezibel Lautstärke erzeugen – wohlgemerkt, für den, der das Werkzeug bedient. Dies macht einen Gehörschutz zur Selbstverständlichkeit. Neben einem Flugzeugtriebwerk stehen? – Schlechte Idee, da man dort 150 Dezibel ausgesetzt wird, viel mehr als jeder Mensch ertragen kann. Die Toleranzgrenze liegt bei etwa 130 Dezibel. Eine Erhöhung um 10 Dezibel wird vom menschlichen Ohr jeweils als etwa doppelt so laut wahrgenommen.

Trennlinie Stacheln.png

Das Ereignis und die Folgen


Am 27. August 1883 brachte die Erde einen Klang hervor, der in Intensität und Wirkung bis heute unübertroffen ist.

Um 10 Uhr Ortszeit drang ein Geräusch aus Krakatoa, einer indonesischen Insel zwischen Java und Sumatra, das derart laut war, dass es sogar noch 4.800 Kilometer entfernt in Rodrigues, gelegen im Indischen Ozean bei Mauritius, gehört werden würde.

Wie das entfernte Gebrüll schwerer Geschütze.

Aber was war passiert? Ein Vulkan war soeben mit solcher Gewalt ausgebrochen, dass er die Insel verwüstete und Krakatoa in Stücke riss. Das Gestein, das aus dem Inneren des Vulkans gespien wurde, übertraf Geschwindigkeiten von über einer halben Meile pro Sekunde – mehr als doppelt so schnell wie Schall.

Die Folgen waren verheerend und für viele sogar tödlich.

Die Norham Castle, ein britisches Schiff, befand sich etwa 65 Kilometer von Krakatoa entfernt, als sich die Katastrophe ereignete.

Die Explosionen sind so heftig, dass die Trommelfelle von mehr als der Hälfte meiner Crew geplatzt sind. Meine letzten Gedanken sind bei meiner lieben Frau. Ich bin überzeugt, dass der Tag des jüngsten Gerichts gekommen ist. (Das Logbuch des Kapitäns)

Darüber hinaus verursachte die Schockwelle einen gewaltigen Tsunami, der zwischen 36.000 und 120.000 (die Schätzungen fallen hier sehr unterschiedlich aus) unglücklichen Seelen das Leben kostete, die damals in den Küstendörfern Indonesiens lebten.

Als sich die Druckwelle vom Vulkan der Insel vorwärts bewegte und Australien und den Indischen Ozean überquerte (die Einheimischen hörten "Schüsse", wie mehrere Quellen verlauten lassen), nahm ihre Intensität ab und nach 4.800 Kilometern war das Geräusch für menschliche Ohren nicht mehr zu hören, wurde aber dennoch von den Instrumenten von rund 50 Wetterstationen auf der ganzen Welt gemessen. Die Welle breitete sich radial in alle Richtungen aus und kollidierte aufgrund ihrer nachhallenden Natur mit sich selbst und verursachte sage und schreibe noch fünf Tage nach der Explosion spürbare Luftdruckspitzen – sich wiederholend in Intervallen von etwa 34 Stunden an jedem betroffenen Ort.

Indien, England und San Francisco erlebten gleichzeitig mit diesen Luftbewegungen einen deutlichen Anstieg der Meereswellen.

Es war ein Geräusch, das nicht mehr zu hören war, das sich aber weiter um die Welt bewegte, ein Phänomen, das die Menschen „die große Luftwelle“ nannten.


Der Vorfall von Krakatoa war etwas Unvergleichliches. Der Vulkanausbruch verursachte ein derart lautes Geräusch, dass die Grenze des für das menschliche Ohr Verkraftbaren weit überschritten wurde. Umgerechnet auf die heutigen Messstandards erreichte der Ausbruch über 172 Dezibel – gemessen 160 Kilometer von der Quelle entfernt. Eine gigantische Schockwelle, die auf der ganzen Welt und gleich mehrfach vernommen wurde.

Das ist so erstaunlich laut, dass es an die Grenzen dessen stößt, was wir als "Klang" definieren.

Trennlinie Stacheln.png

Eine Kostprobe



Ein Vorgeschmack darauf, was ausbrechende Vulkane für den Luftdruck bedeuten. Es lohnt sich, auf die Schockwelle zu warten.


Der Clip oben stammt aus einem Amateurvideo, das von einem Boot aufgenommen wurde, und zeigt einen Vulkanausbruch in Papua-Neuguinea. Als der Ausbruch stattfand, verursachte er einen plötzlichen Anstieg des Luftdrucks. Man kann deutlich erkennen, wie die Luft in Bewegung versetzt und Wasserdampf zu Wolken kondensiert wird. Das Paar, das das Video aufnimmt, hatte das Glück, sich weit genug vom Vulkan entfernt zu befinden – etwa 4,4 Kilometer – sodass die Druckwelle eine Weile benötigte, bis sie ihr Boot erreichte. Die Situation ist der in Krakatoa im Grunde durchaus ähnlich, nur dass der krakatoische „Knall“ nicht drei, sondern 4.800 Kilometer weit gehört wurde.

Trennlinie Stacheln.png

Quellen:


Bild: OpenClipart-Vectors bei Pixabay

Posted using Partiko Android

Authors get paid when people like you upvote their post.
If you enjoyed what you read here, create your account today and start earning FREE STEEM!
Sort Order:  

Ein toller Artikel, danke dafür!

Man sieht wieder mal, was Mutter Natur zu leisten in der Lage ist. Wir kleinen Menschlein mit all unserer Technologie sollten demütiger sein...

·

Danke dir! Und was die Demut betrifft, hast du meine volle Zustimmung

Posted using Partiko Android

·

Vielen Dank für den Resteem :)

Posted using Partiko Android

Wow. Danke. sehr interessant.

Posted using Partiko Android

·

War mir ein Vergnügen ;)

Posted using Partiko Android

Vielen Dank für diesen sehr interessanten Artikel - fachlich fundiert, dennoch für jedermann geschrieben - TOP und daher resteemed.

Im übrigen munkelt man dass auch diverse menschliche Wesen es schon geschafft haben, eine Druckwelle mit Ihren Stimmbändern zu erzeugen! (Kleiner Scherz am Rande, der gerne individuell interpretiert werden darf)😁

·

Ja, ich habe da auch so ein paar Kandidaten im Kopf. ;) Danke sehr!

Posted using Partiko Android

·
·

Gerne, aber verdient :)

Alles richtig gemacht, ab an den Strand...

Du hast ein kleines Upvote vom German-Steem-Bootcamp erhalten.

Du findest uns im Discord unter https://discord.gg/HVh2X9B

Aktueller Kurator ist @don-thomas

Du möchtest keine Upvotes (mehr) von uns erhalten? Eine kurze Mittelung unter diesen Kommentar reicht.
Dem Upvote von uns folgt ein Trail der weitere Upvotes von unseren Unterstützern beinhaltet. Hier kannst du sehen wer diese sind und auch erfahren wie auch du uns und somit die deutschsprachige Community unterstützen kannst.
·

🏖️ Danke! :)

Posted using Partiko Android

Echt spannender und faszinierender Artikel. :)
Gleich mal deine anderen Artikel lesen !

·

Vielen Dank! :)

Congratulations @dennis.bacchus! You have completed the following achievement on the Steem blockchain and have been rewarded with new badge(s) :

Award for the number of upvotes

Click on the badge to view your Board of Honor.
If you no longer want to receive notifications, reply to this comment with the word STOP

Support SteemitBoard's project! Vote for its witness and get one more award!