"Die Schwierigkeiten wachsen, je näher man dem Ziele kommt"

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Wäre ich ein Römer, dann würde ich nachforschen, ob irgendwo in der Familie nicht noch ein paar Münzen aus der Vergangenheit herumliegen. Die Römer kannten bereits das Kreditwesen. Im Zwölftafelgesetz war eine Zinsgrenze von 12 Prozent vorgeschrieben. Der gute Kaiser Augustus hätte doch nun wirklich einige Denare erübrigen und sie zu lediglich drei Prozent anlegen können. Sagen wir, die Denare hätten einen Wert von 1000 Euro gehabt. Wenn er sie vergessen hätte und ich sie heute auf dem Dachboden fände, dann hätten sie mitsamt Zinseszinsen .... 114000000000000000000000000 Euro wert. Krass!
Dabei gibt es auf der ganzen Welt bloss 7 Trillionen Euro, das sind 7000000000000000000, viel weniger, als ich auf dem Dachboden finden sollte. Mein Dachboden hätte mittlerweile also alles Geld der Welt angezogen, wie ein Magnet! Die Bank, die des Kaisers Geld verwaltet, wäre nicht darum herum gekommen, den Zins kontinuierlich zu senken, um nicht alles Geld auf meinen Dachboden schleppen zu müssen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb die Banken heute keinen Zins mehr geben: weil irgendwo einer ein altes Vermögen gefunden hat!

Grenzen des Wachstums


Aus dieser haarsträubenden Geschichte lernen wir etwas sehr Wichtiges: es gibt kein ungebremstes Wachstum. Ungebremstes Wachstum ist eine Mär, die leider immer wieder beschwört wird. Je mehr eine Ressource angewachsen ist, desto mehr bremst sie ihr eigenes Wachstum aus! Während sie zuerst exponentiell wächst, kehrt sich die Wachstumskurve alsbald um und flacht ab. Das nennt sich Grenzen des Wachstums . Die berühmte Umweltstudie des Club of Rome aus den 70er Jahren hatte diesen Titel (vermutlich, weil schon einer vor mir in Rom nach einem vergessenen Kapital gesucht hat). Die Studie basiert auf dem Stock-Flow-Model World3 von Jay W. Forrester, dem Erfinder der System Dynamics.

Das Modell hat mehrere aufschaukelnde und zielsuchende Kreise. Je ein paar ergibt den gleichnamigen Archetypus. Der aufschaukelnde Kreis wirkt schnell und ist für anfängliches Wachstum verantwortlich. Sein Erfolg begünstigt Kräfte, die das Wachstum in einem zielsuchenden Kreis hemmen. Man könnte sagen, dass zielsuchende Kreise Bremsen der aufschaukelnden Kreise sind. Zwei zielsuchende Kreise bremsen sich gegenseitig im Bremsen aus. Das ist die Erklärung dafür, weshalb der Archetyp "Escalation" aus zwei zielsuchenden Kreisen besteht!

Grenzen_des_Wachstums.JPG

Der Rest, der bleibt, macht es aus


Haben Sie schon einmal in den Spülkasten eines WC geschaut? Am Ventil der Zuflussleitung ist ein Schwimmkörper angebracht. Je mehr Wasser im Kasten, desto höher steigt der Schwimmkörper und dreht das Ventil immer mehr zu. Zu Beginn, direkt nach der Spülung, fliesst das Wasser ungehindert ein und der Wasserstand steigt rapid. Dann greift der Einfluss des Schwimmkörpers: je kleiner der Abstand der Wasseroberfläche zum Deckel des Kastens, desto mehr wird der Zufluss ausgebremst.

Das ist allgemein so: je kleiner der Abstand vom aktuellen Niveau zu einem gegebenen Maximum, desto schwerer ist das weitere Wachstum. Oft wird dieses Phänomen in eine 80-20-Regel gefasst: die ersten 80 Prozent benötigen 20 Prozent des Aufwandes. Die restlichen 20 Prozent benötigen 80 Prozent des Aufwandes. Das ist, was Johann Wolfgang Goethe meinte, als er in den Wahlverwandtschaften dichtete: "Die Schwierigkeiten wachsen, je näher man dem Ziele kommt".

Marktanteile vermehren


Wenn Sie beispielsweise den Marktanteil eines Produkts erhöhen wollen, dann mag das zunächst flott gehen. Ein paar Marketinganstrengungen genügen. Je höher aber der erreichte Marktanteil, desto schwieriger wird es, noch mehr zu schaffen, weil sich z.B. die Konkurrenz regt oder weil der erforderliche Kundensupport alle Ressourcen aufzehrt und dann Mängel auftreten, die die Kunden wieder verscheuchen, etc.
Das könnte z.B. so aussehen:

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Der Marktanteil wächst zunächst exponentiell an, stagniert dann aber zusehends und flacht gegen das Maximum ab, ohne dieses jemals zu erreichen. Das nennt sich logistisches Wachstum und ist das einzig natürliche Wachstum, das es gibt.

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Ist das anfängliche Wachstum allzu stürmisch - das ist meistens dann der Fall, wenn die Wachstumsanstrengungen sehr erfolgreich sind - kann es auch zu einem Überschiessen mit anschliessendem Kollaps kommen.

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Natürlich ist das nicht in jedem Fall möglich. Wenn das Maximum absolut ist, kann es nicht durchbrochen werden. Aber wir können das Überschiessen mitunter in sportlichen Wettkämpfen beobachten, wenn einer wie eine Rakete davonschiesst und das Feld weit hinter sich lässt, dann aber seine Leistung zusammenbricht und er zusehen muss, wie das Feld an ihm vorbeizieht, so dass er sich nur noch in den hinteren Rängen positionieren kann.
"Grenzen des Wachstums" ist die Basis für die zwei noch verbleibenden Archetypen, die wir hier nächstens noch studieren wollen.

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