Um sechs Uhr Hinrichtung

in kurzgeschichte •  2 years ago 

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(Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen wäre rein zufällig.)

Es roch nach scharfen Reinigungsmitteln. Aus manchen Zellen drang leises Wimmern. Ansonsten war der Trakt ungewöhnlich still. Zu anderen Zeiten herrschte pausenlos Lärm. Die Damen versuchten von Zelle zu Zelle miteinander zu reden, Stählerne Türen krachten metallisch in ihre Schlösser, und die Funkgeräte der Aufseher rauschten um die Wette.

Dieser Morgen war anders. Für eine unter ihnen sollte es der letzte sein. Die einst Mächtigen zogen sich dann ganz in sich selbst zurück; sie jammerten und schluchzten, blieben dabei aber leise; kaum dass man etwas vor den Zellentüren zu hören vermochte. Erst wenn das zum Tode verurteilte Individuum den letzten Weg antrat wurde es laut.

Sie besaßen keine Uhren und die Zellen keine Fenster zur Außenwelt. Der Gefängnisrhythmus, das Kommen und Gehen der Aufseher die das Frühstück brachten, ersetzte die Zeiger der Uhr.
An solchen Tagen gingen die Tabletts unberührt zurück. Und jeder wusste, jetzt war es nicht mehr lange hin. Das Frühstück kam um fünf Uhr. Eine Stunde später, das hatten die Damen in den Zellen gelernt, machte das Volk ernst.

An jedem Ende des Zellenganges befand sich eine Tür. Durch die im Süden trat man ein, durch die andere im Norden verabschiedete man sich für immer.
Etwa eine halbe Stunde nach dem Frühstück öffnete sich die südliche Tür. Zwei Männer traten ein. Sie trugen Sturmhauben und Handschuhe, waren ganz in schwarz gekleidet. Niemand hätte sagen können, wer sich unter den Masken verbarg. Mit harten Schritten marschierten sie an den Zellen vorüber und schleppten einen Sarg zum nördlichen Ausgang. Es war eine grobschlächtig gezimmerte Kiste, die nur für das Krematorium zu taugen hatte. Von dort aus ging es in einer Papiertüte auf eine Mülldeponie, die Nord- oder die Ostsee. Wohin genau war geheim. Selbst dieses Gefängnis sollte nach Abschluss der Arbeiten bis auf die Grundmauern niedergerissen werden. Man wollte alten Seilschaften, so es welche gab, keinen Ort der Trauer geben, keine Wand für Messingtafeln und erst recht keine Gelegenheit für weitere Lügen.
Wer durch das vergitterte und mit Plexiglas abgedeckte Fenster in der Tür aus seiner Zelle hinaus sah, dem sträubten sich beim Anblick der rauen Kiste die Nackenhaare.

Es war kurz vor sechs Uhr in der Früh. Draußen dämmerte es schwach. Die südliche Tür öffnete sich mit einem Seufzen. Sechs Aufseher und der Gefängnisdirektor betraten den Trakt.
Der Gang des Todestraktes hatte zehn Zellen, die elfte, direkt vor der nördlichen Tür, war zur Dusche umgebaut. Vor der dritten Zellentür stellten sich die Beamten auf. Das Klimpern eines Schlüsselbunds warf seinen hellen Schatten als Echo an die Wände. Jetzt herrschte absolute Stille.

In der Zelle befand sich ein am Boden fest verschraubtes, stählernes Bettgestell mit dünner Matratze, ein Wachbecken und ein Klo ohne Deckel.
Die Frau in der Zelle mochte wohl über siebzig und einmal blond gewesen sein. Jetzt trug sie die kurz geschorene Haartracht aller Gefangenen. Von den Mundwinkeln ihres durchfurchten Gesichts gingen tiefe Falten aus, die neben dem Kinn endeten. Das gab ihrem Kiefer das Aussehen der Mundöffnung einer Marionette. Tiefe Ringe unter den Augen verrieten lange schlaflose Nächte. Sie wirkte grau wie der Morgen. Weiße Bluse, schwarzer Rock. Haut wie Papier. Schweißflecken unter den Achseln. Der Urin ran ihre Beine hinab und bildete eine Pfütze.

Sie stand im hintersten Winkel der Zelle als sich der Gefängnisdirektor in die Tür stellte. Er begrüßte sie nicht, nannte nur ihren Namen. Dann sprach der Direktor die drei Worte, die bislang jeden aus der Fassung brachten, obwohl sie so alltäglich waren wie die Frage nach der Uhrzeit: „Es ist soweit.“
Als der Direktor anhob das Urteil zu verlesen, stieß sie mit unnatürlich weit aufgerissenen Augen seltsame Geräusche aus. Es war ein in die Länge gezogenes, ungläubiges Nein, das sich hysterisch steigerte und am Ende wie ein endloses Gähnen wirkte.

„...wurden sie wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, versuchtem Völkermord durch Ethnozid, Hochverrat sowie Kollaboration mit feindlichen Mächten zum Tode verurteilt. Wir sind gekommen, um dieses Urteil an ihnen zu vollstrecken. Wenn sie nicht gehen können, werden wir sie tragen. Willigen sie jetzt der Fesselung ein. Anderenfalls wenden wir Gewalt an.“, sagte der Direktor mit harter, schneidender Stimme.
Die Frau atmete schnell, aber schwieg. Sie presste sich mit dem Rücken in den Winkel zwischen Klo und Wand und hielt die Hände schützend vor sich. Der Schweiß stand in dicken Perlen auf ihrer Stirn.

Der Direktor nickte einem der Aufseher zu. Vier von ihnen gingen mit festen Schritten in die Zelle hinein. Die Frau zischte, begann schrill zu kreischen, knurrte affektiert und versuchte sich den eisernen Griffen zu entwinden. Ohne Erfolg. Sie versuchte zu beißen, trat um sich, war aber schließlich in Sekunden überwältigt und an Händen und Füßen mit kurzen Ketten gefesselt. Außerdem stopfte man ihr eine Handvoll Toilettenpapier in den Mund, damit ihr das Plärren und Spucken verging.
So präpariert war die Dame, wenn sie nicht wie beim Sackhüpfen zu springen versuchte, nur zu winzig kleinen Schritten fähig. Außerdem blieb sie, von gepressten, kehligen Vokalen abgesehen, in ihren Äußerungen gedämpft und war darüber hinaus nur noch in der Lage mit den Augen zu rollen.

Die Aufseher trugen sie aus der Zelle heraus und setzten sie ab wie einen Eimer. Jetzt schwoll das leise Flennen in den anderen Zellen zum pandämonischen Geplärr an. Das Grausen hatte sie erfasst. Einige standen an den Fenstern ihrer Zellentüren, andere kauerten in der Stellung von Embryonen auf den Betten und heulten geradeaus vor sich hin.

Eine untersetzte, zugleich jedoch völlig erschlaffte Frau stand am Fenster ihrer Zellentür und kreischte völlig aufgelöst auf den Gang hinaus. Ihr Doppelkinn bebte, die ehemals rotblonden Haare hatten die Farbe von Kartoffelschalen angenommen. Ihre Augen waren gerötet und verklebt von Tränen als habe sie im Reizgas gebadet.
Zwei Zellen weiter sah eine Frau mit seltsam hoher Stirn und einem viereckig wirkenden Mund wie taub auf den Gang hinaus. Sie, die Atheistin, hatte das Beten gelernt und murmelte ununterbrochen den Namen Jesus Christus vor sich hin. Ehedem hatte sie sich eloquent darüber belustigt.

Mit ruhiger Stimme sagte der Direktor: „Gehen wir in den nächsten Raum.“
Die Aufseher setzten sich in Bewegung. Zwei Mann hielten das gefesselte Bündel in ihrer Mitte mit eisenhartem Griff an den Oberarmen. Zunächst versuchte sie, die frühere Dame, zu gehen, in winzigen Schritten mit klirrenden Ketten zwischen den Füßen. Dann ließ sie sich fallen, woraufhin die Aufseher ihren kraftlosen Leib hinter sich her schleiften wie einen Sack Zement.
Während die ehemals einflussreiche Frau ein gepresstes Bellen von sich gab und mit weit aufgerissenen Augen Hilfe suchend Blickkontakt zu den Gefangenen aufnahm, erreichte das jämmerliche Getöse in den Zellen seinen Höhepunkt. Jetzt brüllten sie alle in heller Panik einfach gerade heraus. Pferde, wenn der Stall brennt.

Die nördliche Tür öffnete sich und gab den Blick in einen kleinen, ansonsten unbenutzten Hof frei. Das Morgengrauen tauchte die Szenerie in ein sowohl unwirkliches als auch gespenstisches Licht.
Die Gefesselte hob den Kopf und begann sofort wild zu strampeln. Sie hatte das Unfassbare gesehen.

Die zwei vermummten Männer übernahmen die Frau, die der Fesseln zum Trotz in einen Veitstanz verfallen war. Mit stahlharten Pranken ergriff man sie wie ein wildes Tier. Einer packte sie an den Handschellen, der andere an der Kette zwischen ihren Füßen. Wildes und schmerzerfülltes Knurren war die Folge. Aber jetzt war alles so egal, wie nur etwas egal sein konnte. Die Tür schloss sich mit einem Knall, die Aufseher und der Direktor warteten im Zellengang.

Urplötzlich herrschte vollkommene Stille. Es war der Moment, in dem die Zeit still zu stehen scheint.
Sekunden später durchbrach ein Geräusch das Vakuum des Traktes. Dem Klang nach war es ein schwerer Gegenstand, der auf einer Rutsche der Schwerkraft folgte. Daraufhin, augenblicklich und ohrenbetäubend laut, ein harter, metallischer Schlag, der durch den ganzen Flur und die Zellen hallte.

Ein paar Momente später öffnete sich die nördliche Tür erneut. Der Direktor nahm ein Formular entgegen und dankte den beiden Männern für ihre Arbeit. Zwei Aufseher betraten den kargen Hof und kamen kurz darauf mit der groben Kiste wieder heraus. Darin befand sich die neugeborene Leiche. Ein wenig Blut trat zwischen den Brettern des Sargs hervor und tropfte, längliche Spritzer hinterlassend, auf den Boden des Ganges.

Nachdem der Direktor, die Aufseher und der Scharfrichter mit seinem Gehilfen den Trakt verlassen hatten, waren die Gefangenen für eine Weile sich selbst überlassen. Es blieb still. Niemand sprach. Die Verurteilten befanden sich in der Starre, die dem Entsetzen folgt. Granatschock. Morgen früh würden einige von ihnen aus dem Zittern nicht herauskommen.

Als sich das nächste Mal die südliche Tür öffnete, betrat eine Frau in Gefängniskleidung den Todestrakt. Sie trug einen Eimer mit Mopp und begann den Gang zu reinigen. Sofort roch es nach scharfen Reinigungsmitteln. Vor manchen Türen hielt sie inne und wechselte ein paar Worte mit den reifenden Früchten der Gerechtigkeit.

Eine gute Stunde später betraten zwei Aufseher den Trakt und brachten Nachwuchs für Zelle 3.
Die Neue zitterte am ganzen Leib. Es war eine blonde Frau, einst von hohem Amt und wohl gar nicht hässlich, nun indes verfallen und ausgezehrt.
Man kannte sich. Kaum war die Zellentür krachend hinter ihr ins Schloss gefallen, wurde sie von rechts und links mit tränenreichem Gejammer über die besondere Art ihres neuen Heims unterrichtet. Kein Geplapper mehr. Das verschlug ihr die Sprache.

Viele hier waren naiv genug zu glauben, während der Ausübung ihrer Macht sei das Ende der Geschichte gekommen. Sie fühlten sich unangreifbar und vollkommen sicher. Keine Strafe würde sie jemals erreichen und alle Entscheidungen, alle Machenschaften und Verbrechen seien für die Ewigkeit. So dachten sie wirklich.

Etwa zur selben Zeit betrat ein weiterer Aufseher den Trakt. Geraden Weges hielt er auf Zelle 5 zu, blieb stehen, öffnete den Schlitz, durch den das Essen gereicht wurde, und schob einen Brief hinein. Die blasse Frau darin, sie hatte früher lange rote, krause Haare, ahnte wohl den Inhalt des Briefes und begann hemmungslos zu winseln. Alle wussten, sie war die Nächste.

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