Ideologie 117 - Anmerkung zu einem Honecker-Zitat

in deutsch •  10 days ago

08. März 2019

Vom ehemaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden (1971-1989) Erich Honecker (1912-1994) [1] ist ein geflügeltes Wort [2] überliefert, zu welchem ich eine ganz kurze Anmerkung veröffentlichen möchte.

Es lautet:

Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.

Honecker äusserte den Satz am 14. August 1989, nachdem es dem Volkseigene Betriebe (VEB) Kombinat Mikroelektronik „Karl Marx“ [3] in Erfurt gelang, einen 32-Bit-Mikroprozessor herzustellen. Auch als ganz kurzen Videoausschnitt kann man den Satz finden [4].

Meine Anmerkung lautet folgendermassen:
Weder Ochsen noch Esel sind angesprochen, den Sozialismus aufzuhalten, einzuschränken, abzuschaffen, noch sonst irgendwie damit zu interagieren. Sozialismus [5] ist eine von Menschen geschaffene Idee, die auf unterschiedliche Art und Weise umzusetzen versucht wurde.

Auch wenn die Tierwelt sicherlich kaum umhin kommt, es zu spüren, wenn ein Menschenvolk ein sozialistisches System in die Tat umzusetzen versucht, hat sie keine Möglichkeit, gestaltend einzugreifen. Den Sozialismus aufzuhalten obliegt also allein den Menschen.

Ob Herrn Honeckers Ausdrucksweise eine gewollte Irreführung, ein Ausdruck politischer Infantilisierung oder einfach nur als Scherzchen gedacht war, ist mir nicht bekannt. Sie scheint jedenfalls nicht besonders intelligent ausgewählt worden zu sein.


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Honecker
https://en.wikipedia.org/wiki/Erich_Honecker
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_geflügelter_Worte/D#Den_Sozialismus_in_seinem_Lauf_hält_weder_Ochs_noch_Esel_auf
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Kombinat_Mikroelektronik_Erfurt
https://en.wikipedia.org/wiki/Kombinat_Mikroelektronik_Erfurt
[4] Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf (Erich Honecker, 1989). metawirt YouTube Kanal, 01. Juni 2010
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialismus
https://en.wikipedia.org/wiki/Socialism


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Mich beschleicht das Zitat im Geiste immer als griffiges Bild dafür, was gerade mit Deutschland passiert. Da scheint er ja voll recht behalten zu haben.

Die Erichs nehmen Rache:

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Danke für den Kommentar!

Erich "Ochs und Esel" und Erich "ich liebe euch alle", welch "sympathische", ehemalige Zeitgenossen. Diese Typen... Das Video ist ein Klassiker! Datierte es nicht von 2011, sondern wesentlich früher, die Fähigkeit zur Prophetie wäre atemberaubend.

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Sozialisten haben eben eine andere Art, ihre Mitmenschen zu lieben. Und die meinen das auch wirklich so, aus ihrer Perspektive. Auch dieses Zitat paßt auf unsere aktuelle DDR 2.0 perfekt. Sogar auf unsere Massenmedien; die wollen ja auch alle nur das Gute.
Eine perfekte Welt, in der wir leben. Man braucht nur die passende Sicht, und der folgt auch sehr willig die Masse, zumindest hierzulande. Müßten alle nun sehr glücklich sein...

Interesting historical figure, but the guy was a dictator and a statist

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For sure he was a statist and a leader in an illegitimate system. I did not portray him positively here. It is about one of his rather immature looking quotes. He said that socialism will neither be stopped by ox or donkey. That is obvious and trivial, it is upon human beings to stop it.

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Ok, my German is very limited but I had a impression that you were just describing him objectively and without glorification. Thanks.

Ein Zitat, das so wie der Genosse Honecker selbst, den meisten Einwohnern wie Satire erschien und dann konnte man ja wenig später auch endlich laut lachen.

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Ich bin zu jung, um ihn bewusst in seiner Funktion erlebt zu haben. Aber er scheint ein recht seltsamer Typ gewesen zu sein, den man in der DDR für 18 Jahre auf den Sockel gehievt hat...

Man vergegenwärtige sich, dass seit ein paar Jahren viele Deutsche über die USA und US-Präsident Trump spotten, der in einem Monat soviel Wachstum hinbekommt wie der Erich in 10 Jahren. Dazu hätten den in Deutschland wohl Ochsen und Esel vom Sockel stossen müssen.

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Dann muss ich dir sagen, dass es in der DDR keine Wahlfreiheit und strikte Verfolgung von Kritikern durch ein perfides Gestaposystem (Stasi) gab.
Honeckers Portraitfoto hing in jeder Kaufhalle, in jedem Klassenzimmer aber der war nur eine Lachnummer, schon von der Stimme her.

Das System alter Männer und treuer Reden auf den Sozialismus und großen Bruder zog sich durch das ganze Land, eine eine Wahl hatte man nicht. Aufmärsche waren erzwungen, das ging auch in der Schule los.
Ich war in der zweiten Klasse beispielsweise Wandzeitungsagitator unserer Klasse (war ich ganz stolz da gewählt zu werden) und durfte u.a. aus Westmagazinen, die mir die Lehrerin gab Skinheadfotos ausschneiden und eine Wandzeitung zum Thema Horror in der BRD durch Nazihorden machen. Zum Glück wurde ich dann nicht mal mehr Thälmannpionier.

Kurz vor der Wende haben sie dann noch Egon Krenz installiert aber den schmierigen Lakaien wollte auch keiner haben.

Weil hier ja alles in grau und grau zusammen gefallen ist (unser Westbesuch von Freunden Ende der 80iger war geschockt von Leipzig),
konnten solche Sprüche auch nur amüsieren und haben sicher auch mit zum Freiheitsdrang der Massen beigetragen.

Meiner Erfahrung und auch jetzigen Meinung nach, darf man diesen Unrechtsstaat DDR aber nicht mit dem hier und jetzt gleich setzten und von selbem Unrecht sprechen.

Ich bin mit vielem nicht einverstanden aber heute kann ich immerhin das Land verlassen und werde nicht sofort abgeholt und eingelocht wenn man ich aufmucke und Scheiß Staat in der Öffentlichkeit rufen sollte. Ein kleiner aber feiner Unterschied. Beste Grüße und schönes Wochenende. noch.

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Danke für die Ergänzung und die Eindrücke aus persönlichen Erlebnissen!

Ja es ist schon speziell.

  • Einerseits strikte Ordnung in den Dingen, die gesagt werden dürfen und welche nicht, inklusive Bespitzelung, geheimes Aktensammeln und Verfolgung von nicht vollständiger Gefolgschaft.
  • Andererseits Führungspersonal, welches so infantil daherschwätzt.

Letztes Jahr war ich ein paar Tage in Sachsen-Anhalt unterwegs, unter anderem auch in Halle an der Saale. Vieles wurde auf Vordermann gebracht und sieht heute schön aus, aber es gibt noch immer einiges, was von dem alten System zeugt. Wenn ich mir vorstelle, dass damals alles so ausgesehen hat und die Politiker gleichzeitig von Sonnenschein, Fortschritt und Sozialismus für immer geschwätzt haben, muss das schon sehr deprimierend gewesen sein. Deprimierend für die, die dort leben und bleiben mussten, schockierend für die, die sich westliche Verhältnisse gewohnt waren.

Heute gibt es zum Glück noch einige Freiheiten, die man dazu nutzen sollte, die eigenen Interessen zu vertreten und eben nicht nur neue staatliche Hilfen zu fordern, sondern auch in einigen Dingen darauf zu bestehen, weiterhin selbst gestalten zu dürfen, ohne dass eingegriffen wird.

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Dann komm mal nach Leipzig, die Innenstadt ist 25 Jahre lang, dank Schneider, in Schuss und auch sonst eine tolle Stadt. Halle kann man nicht vergleichen, das ist wie Dorf oder Gewerbegebiet gegen Kulturstadt von Welt :) (bisl angeben muss sein)