Zum Wind | To the Wind

in Deutsch Unplugged4 years ago (edited)

Zum Wind

Tja, mein lieber Plato, hast du deinen Zuhörerinnen und Lesern da nicht hübsch einen Höhlenbären aufgebunden? Mit deinem sinnreich erfundenen Gleichnis? Ist dem tatsächlich so, dass Menschlein im Stadium der alltäglichen Erkenntnis nur Schatten sehen? Von wirklichen Dingen, die hinter ihnen vorbei getragen werden und vor ihnen bloß Flecken und Formen an die Felswand werfen? Und das lässt du mich vortragen, ausgerechnet mich?

Es ist nämlich so, mein lieber Plato, lass mich das mal als dein einstiger Lehrer – der ich im übrigen nie sein wollte: du und deinesgleichen, ihr seid mir einfach nachgelaufen – so direkt aussprechen: Ein derartiges Gleichnis hätte ich niemals gefunden, denn diejenigen in der Geschichte, die diese Dinge am Feuer vorbei tragen, und jene, in deren Auftrag sie das tun, die sind mir beide sehr suspekt. Fasst das Gleichnis die Fragen, weshalb sie solches tun und wohin sie welche Dinge tragen, woher sie dieselben holen und was sie selber darüber wissen, überhaupt ins Auge?

Lange her, seit du das erzählt hast, und ich war ja auch schon tot. Aber seitdem stelle ich immer noch Fragen, und im Gegensatz zu manchen deiner Dialoge, in denen du mich auftreten lässt, gebe ich nur wenige Antworten. So wenig Antworten, wie es mir nur möglich scheint, ohne allzu eigenbrötlerisch oder sagen wir: antisozial rüber zu kommen.

Du sprichst von Figuren oder Skulpturen oder was auch immer für Dingen, die da getragen werden, am Feuer vorbei, hinter den armen Gefesselten entlang, die nur die Schatten sehen können und zu erraten versuchen, was sie da sehen. Ist da nicht schon übrigens der erste Widerspruch? Wenn ich zeitlebens nur solche Schatten zu Gesicht bekomme, was soll ich dann erraten? Muss ich diese Erscheinungen an der Felswand vor mir dann nicht schlicht für das Gegebene und einzig Wirkliche halten? Ohne mich oder andere zu fragen, ohne erraten zu wollen, wovon es eine Erscheinung, wessen Schatten es sei, was ich sehe? Aber für den Moment egal, mir geht es um andere Fragen.

Mir scheint nämlich – und jetzt magst du gerne einwerfen: „Ah, ‚scheint‘! Du weißt es also nicht und musst raten!“ –, mir scheint nämlich, dass die Tragenden keine kompakten Dinge schleppen, keine Skulpturen oder Objekte wie Tische und Stühle, sondern dass sie Gefäße tragen. Hohlkörper mit was drin. Sagen wir, Schläuche, Amphoren, Kisten, Eimer. So’n Zeug. Und auf die Formen dieser Gefäße kommt es kaum an, sondern auf deren Inhalte. Und die werfen überhaupt keine Schatten, stimmt’s?

Was ist in den Eimern drin?, frage ich dich. Sind es Gold, Silber, Edelsteine? Lebensmittel, Exkremente, Wasser, Sand? Sprengstoffe, giftige Substanzen, Dokumente, Waffen? Was würde ich tun – aber das frage ich mich selbst, nicht dich, mein Gutester –, wenn ich bei den Tragenden wäre und diese Gefäße tragen müsste? Würde ich fraglos schleppen? Würde ich ungeprüft weiter geben, was mir zu transportieren gegeben worden ist?

So lange ich lebte, habe ich nach Traditionen gefragt. Nach Überlieferungen, nach dem Sinn der Weitergabe von Sitten, Gebräuchen. Nach den Methoden des Sammelns und Aufbewahrens, nach der Lebensferne von Regeln. Kann es sein, dass du mich darin missverstanden hattest? Mich für einen Traditionalisten hieltest? Wollte ich nicht vielmehr mit meinem Fragen hinterfragen? Kannst du denn im Ernst stolz sein auf das, was du deinen Schülern – Akademiker! (gestatte mir den Wortwitz) – und der Nachwelt hinterlassen hast? Konntest du voraussagen, was mit den Inhalten aus deinen Gefäßen passieren würde? Ob das Wasser faulig würde, die Lebensmittel ungenießbar, die Sprengstoffe bedrohlich? Konntest du überhaupt unterscheiden, welcher deiner Worte, welche deiner Taten in welcher Kategorie beheimatet sind? Du bist doch der Meister der Ideen.

Wie, du willst mir sagen, was die Nachwelt aus deinen angebotenen Inhalten mache, liege in deren Verantwortung, nicht in deiner? Damit hast du zwar recht, aber nur innerhalb der Höhle. Wer wie du die Höhle zu verlassen und von draußen eine Botschaft des Lichtes zu bringen gedenkt, kann der im Ernst die Generationenfrage offen lassen? Sollten deine Ideen nicht zeitlos gelten?

Weißt du, Plato, mein Lieber, am Ende denke ich: als Abschreiber deiner Werke hätte ich nicht getaugt. Das eine oder andere hätte ich sicherlich von dir angenommen und dann auch gelebt, aber du weißt ja selbst, wie wenig ich niedergeschrieben habe und wie viel ich niedergeschrieben haben wollte von dem, was ich fragend zu erörtern suchte. Gibt eine Hebamme nicht das Kind derjenigen, die es geboren hat? Sollte nicht demjenigen die Erkenntnis gehören und reifen, der durch meine bescheidene Geburtshilfe auf sie gestoßen ist?

Lass mich sein, wie ich war: ich stelle nur Fragen. Und die Antworten, die dürfen andere behalten. Wer von mir nicht das Fragen erlernt hat, sondern meint, Antworten weitergeben zu können, der kann nicht mein Schüler gewesen sein.

Mit herzlichen Grüßen aus dem Hades (wo bleibst du eigentlich so lange?)
Dein S.


https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6hlengleichnis
https://de.wikipedia.org/wiki/Platonische_Akademie

To the wind

Well, my dear Plato, haven't you put a cave bear on your listeners? With your cleverly invented parable? Is it really the case that little people in the stage of everyday knowledge only see shadows? Of real things that are carried past behind them and only cast spots and shapes on the rock face in front of them? And you make me recite this, me of all people?

For it is like this, my dear Plato, let me, as your former teacher - which, by the way, I never wanted to be: you and your kind, you simply followed me - say it so directly: I would never have found such a parable, because those in the story who carry these things past the fire, and those on whose behalf they do so, are both very suspicious to me. Does the parable even address the questions of why they do this and where they carry what things, where they get them from and what they themselves know about them?

It's been a long time since you told that, and I was already dead. But since then I still ask questions, and in contrast to some of your dialogues in which you let me appear, I give few answers. As few answers as it seems possible to give without coming across as too solitary or, let's say, anti-social.

You talk about figures or sculptures or whatever things are carried there, past the fire, along behind the poor bound people who can only see the shadows and try to guess what they are seeing. By the way, isn't that already the first contradiction? If I only get to see such shadows all my life, what am I supposed to guess? Must I not then simply take these appearances on the rock face in front of me for the given and the only real thing? Without asking myself or others, without wanting to guess what it is an apparition of, whose shadow it is that I see? But never mind for the moment, I'm interested in other questions.

For it seems to me - and now you may like to interject: "Ah, 'seems'! So you don't know and have to guess!" -It seems to me that the people carrying things are not carrying compact things, not sculptures or objects like tables and chairs, but that they are carrying vessels. Hollow bodies with something inside. Let's say hoses, amphorae, boxes, buckets. Stuff like that. And it's hardly the shapes of these vessels that matter, but their contents. And they don't cast any shadows at all, right?

What's in the buckets, I ask you? Is it gold, silver, precious stones? Food, excrement, water, sand? Explosives, poisonous substances, documents, weapons? What would I do - but I ask myself, not you, my good one - if I were with the bearers and had to carry these vessels? Would I carry without question? Would I pass on unchecked what I had been given to carry?

As long as I lived, I asked about traditions. About traditions, about the meaning of passing on customs and traditions. About the methods of collecting and preserving, about the life-relevance of rules. Could it be that you misunderstood me? Did you think I was a traditionalist? Didn't I want to question with my questions? Can you seriously be proud of what you teach your students - academics! (allow me the pun) - and of posterity? Could you predict what would happen to the contents of your vessels? Whether the water would become putrid, the food inedible, the explosives threatening? Could you even distinguish which of your words, which of your deeds belong to which category? You are the master of ideas, aren't you?

What do you mean, you want to tell me that what posterity makes of your offered content is their responsibility, not yours? You are right, but only within the cave. Whoever, like you, intends to leave the cave and bring a message of light from outside, can he or she seriously leave the question of generation open? Shouldn't your ideas be timeless?

You know, Plato, my dear, in the end I think: I would not have been good as a copyist of your works. I would certainly have accepted one or two things from you and then lived them, but you know yourself how little I have written down and how much I wanted to have written down of what I sought to discuss in a questioning way. Does not a midwife give the child to the one who gave birth to it? Should not the knowledge belong and mature to the one who came upon it through my humble midwifery?

Let me be as I was: I only ask questions. And the answers, others may keep. Whoever did not learn how to ask questions from me, but thinks he can pass on answers, cannot have been my disciple.

With warm greetings from Hades (where are you staying so long?)
Your S.



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 4 years ago 

Hätte ja auf #DIOGENES , warum auch immer , getippt , aber der war´s nicht.
Ja typische TraumagEsteuerte Logik , hihi ?
Voll luschdig das so fein zu zerpflücken , kommt !man ja so nicht drauf , !man ist ja schließlich das HöhlEnde , genau genau ...

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