"Die Autofahrt" (originale Kurzgeschichte)
Es war eine eigenartige Situation. Nun ist es schon beinahe zwei Wochen her und doch erinnere ich mich noch so einwandfrei klar daran, als wäre ich erst vor wenigen Minuten aus dem Wagen ausgestiegen. Ihr fragt euch wohl, was so besonderes an einer Autofahrt gewesen sein kann, zumal sich doch heutzutage ein beträchtlicher Teil unseres Lebens in diesen motorbetriebenen Metallbüchsen abspielt. Nun um ehrlich zu sein, ich weiß selbst nicht, warum gerade diese Erinnerungen mich jetzt noch in solchem Maße beschäftigen, dass ich euch davon berichte. Mit höchster Wahrscheinlichkeit sind ähnliche Momente, wie die, von welchen ich euch nun erzähle, in den Gedanken der meisten von euch irgendwo verloren gegangen- ohne, dass jemals auch nur ein Minute mit Grübeln an sie verschwendet wurde.
Es war der Freitag vorletzte Woche und natürlich war ich nicht ohne Grund in das Auto eingestiegen- tatsächlich hatte ich die Wagentür mit einem wohligen Gefühl der Vorfreude auf den kommenden Abend geöffnet und mich völlig entspannt auf den Rücksitz plumpsen lassen. Drei meiner Mitreisenden waren Menschen, die ich sehr gut kenne und schätze, doch selbst der zugegebenermaßen sehr merkwürdige 5. im Bunde, ein eigenartiger Junge mit dessen Schwester ich im Kindergarten befreundet gewesen war und den ich seit diesen Tagen nicht mehr gesehen hatte, konnte meine Euphorie nicht dämpfen, denn schließlich war Resident Evil IV in 3D nicht irgendein Kinobesuch- es war für mich das bedeutendste Filmereignis dieses Sommers.
An dieser Stelle könnte sich so mancher Leser die Frage stellen, ob mein Gefühl der Beunruhigung vielleicht mit einem schlechtem Autofahrer zusammengehangen hatte. Diese Vermutung kann ich mit einem klaren „Nein“ beantworten, denn tatsächlich sind mir während der ganzen Fahrt keine Mängel in seiner Führung des Fahrzeuges aufgefallen.
Ich kann nur vermuten, dass mein Unbehagen mit der Urangst des Menschen vor der Dunkelheit zusammenhing, denn es war dunkel! Wer sich nun eine rabenschwarze Nacht vorstellt und auf eine gruselige Horror-Schock-Geschichte mit Zombies und derlei Geschöpfen hofft, den muss ich jedoch enttäuschen. Es war zwar dunkel, doch es war noch Tag, als wir losfuhren und die Dunkelheit rührte vom Wetter her.
Es war einer jener Tage, an denen der graue Himmel alle Farbe aus der Welt zu saugen scheint und die Landschaft wohin man auch blickt trist und deprimierend wirken lässt. Außerdem schüttete es wie aus Kübeln. Natürlich hätte meine Bekommenheit daher rühren können, dass mich das Wetter und die Welt in ihrer Farblosigkeit bedrückte- das wäre dann durchaus nicht die erste Situation gewesen, in der mir derartiges Wetter die Laune verdorben hatte- und doch scheint mir diese simple Erklärung meiner Gefühle unzureichend. Es mag wohl so sein, dass mit dem Wetter mein Geist sensibel für alle abnormen Geschehnisse in meinem Umfeld geworden war, doch einen dauerhaften Eindruck hätte dies nicht hinterlassen. Tatsache war, dass noch einige andere Wahrnehmungen zu den verworrenen Empfindungen geführt haben, mit welchen ich mich seither beschäftige.
Auf der Autobahn hatte ich dann zum ersten Mal an diesem Abend wirklich das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war und in der Tat machte ich diesen Eindruck zunächst am Wetter fest. Wen würde ein solches Sauwetter nicht bedrücken? Eine Weile starrte ich geistesabwesend aus dem Fenster und beobachtete die Regentropfen, die sich wie gewalttätige Wasser-Würmer auf die Kleineren ihrer Art stürzen, um sie im Nu zu verschlingen und auf diese Weise am Fenster entlang jagten bis einige von ihnen den Tod durch eine Bombe fanden, die in Form eines besonders großen Wassertropfens dazwischenklatschte und die Großen, wie die Kleinen Tropfen zersprengte. Dann fragte mich mein Freund, dessen Stimme durch den um uns dröhnenden Speed-Metal zum Großteil verschluckt wurde, ob es mir gut ginge und ich antwortete mit erhobener Stimme, dass mir vom Autofahren nur ein bisschen Übel sei. Das stimmte auch: Autofahren ist grässlich- bei solchem Wetter im Besondern! Das ist vermutlich auch der Grund, warum ich mich so eingehend mit dem Krieg der Regenwürmer an den Fensterscheiben beschäftigte- ich versuche mich von der Übelkeit abzulenken.
Als ich mich nun aber umwandte und nicht nur das Gesicht meines Freundes, sondern auch die der andern Mitreisenden erblickte, erfasste mein Inneres eine Unruhe, denn die ganze Atmosphäre wirkte nicht real. Es war wie im Traum: Die Gesichter der Anderen schimmerten alle fahl-grün und ihren Mundbewegungen konnte ich entnehmen, dass sie miteinander redeten. Sie sprachen miteinander, doch nur ein Rauschen drang bis zu mir vor und nicht einmal durch starkes Konzentrieren konnte ich ihre Stimmen, die Musik oder das Peitschen des Regens vernehmen. Meine Ohren waren von einem Rauschen erfüllt, dass ich nur mit den Tönen vergleichen kann, die man unter Wasser wahrnimmt- einerseits fühlt man eine totale Ruhe und Ausgeglichenheit und andererseits ist da ein stetiger Ton, der dem Geräusch eines startenden Flugzeuges gleicht. Und je mehr ich mich mühte in den Gesichtern meiner Mitreisenden die bekannte Wärme meiner Freunde zu finden, desto stärker verschwammen ihre Züge und wurden zu schrecklichen Fratzen, die gleich Dämonen auf mich zudrängten und mich einzuengen suchten. Hilflos und nach einem Halt suchend presste ich meine Wange gegen das Glas des Fensters und dieser kalte, fast klebrige Gefährte im Kampf gegen die Schattenwesen, die unablässig näher zu rücken schienen diesem Moment traf mich die Erkenntnis, wie unwirklich das ganze Leben doch war- selbst in einer alltäglichen Situation wie einer Autofahrt kann man von außergewöhnlichen Sinnestäuschungen noch überrascht werden und in jedem noch so banalen Moment kann einen die Empfindung einer Traumwelt übermannen. De-ja-vues und dergleichen werfen einen immer aus der Bahn, denn dann gerät die Wirklichkeit, die wir uns selbst geschaffen haben aus den Fugen und wir verlieren den Boden unter den Füßen. Denn alle Sicherheit, die wir uns selbst vorspiegeln, ist letztlich eine Illusion und in Wirklichkeit sind wir so verloren und ahnungslos wie Schlafende.
Ich habe heute ein bisschen in meiner externen Festplatte gestöbert und bereits eine andere Geschichte, die ich in meiner Schulzeit verfasst habe geteilt. Den Post findet ihr hier. Diese Geschichte haber ich gerade eben gefunden. Ich erinnere mich, dass mein Lehrer den literarischen Stil dieser Geschichte weit mehr kritisiert hat, als den der Anderen. Ich persönlich kann mich in dieser hier immernoch besser wiederfinden. Na gut, hier bin ja auch ich der Hauptcharakter und keine fiktive Gestalt. Was meint ihr? Welche gefällt euch besser? Das Bild habe ich übrigens in der selben Zeit irgendwann geschossen. Spiegelungen faszinieren mich noch immer sehr...

Du schreibst wundervoll! Ich hatte zwei nahtod Erfahrungen die letzten 6 Jahre! Ist garnicht so dramatisch ...;-) wenn man reinen Herzens bereit ist zu gehen, ist man eher genervt noch hier zu sein...;-) kali Durga namo namaha
Ja, das mit dem bereit sein zu gehen ist bei mir noch nicht ganz so weit, auch wenn ich bereits meine Erfahrungen "on the edge" gemacht habe. Mal schaun wie sich das entwickelt, aber diese Geschichte ist ja auch schon 6 Jahre alt. Seither bin ich jemand ganz anders ;)
good job.resteem and upvote you. follow @cryptomaker
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Mich hat diese Geschichte noch mehr gepackt.
Ich war quasie dabei - wie in einem Film.
Was Kritiker sagen, sollte man sich nicht allzu sehr zu Herzen nehmen.
Man kann manchmal durchaus etwas sinnvolles für sich aus einer Kritik herausziehen - es ist die Kunst zu lernen, was an einer Kritik für einen selbst etwas bringt.
Mein Kollege Mike sagt immer: Wenn 100 Leute eine Platte hören, hast Du 100 verschiedene Meinungen.
Da hat er Recht.
Und das beste ist, man schreibt (oder komponiert) so, daß es einem selbst auch gefällt. Dann ist es wenigstens authentisch.
Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich denke auch, dass Meinungen sich immer unterscheiden und das auch sollten. Als ich jünger war habe ich mir Kritik immer sehr zu Herzen genommen was auch zu einer längeren Schreibblockade geführt hat, die mich emotional richtig fertig gemacht hat. Ich bin froh, dass mich die steeemit community auf dem Weg meiner kreativen Entfaltung begleitet. Das macht es viel leichter und nimmt mir den Druck, den ich mir mache, wenn ich ganz allein meine Arbeiten bewerte.
Ich habe mir Kritik früher auch mehr zu Herzen genommen - das kenne ich.
Zum Glück habe ich mich aber nicht blockieren lassen.
Allerdings würde ich auch sagen, daß ich mich ein paar mal auf eine falsche Fährte habe bringen lassen.
Leider ist Kritik eben oft nicht konstruktiv, sondern reine Geschmackspiegelung auf andere - wenn ich das mal so formulieren darf.
Ich bin gespannt, was ich noch so in meinen Archiven an Geschreibsel finde. Vor und Nach der Schreibblockade und wie dder Stil sich geewandelt hat -oder auch nicht? Ja, das mit dem Geschmack ist echt ein Problem an der Vergebung von Noten in der Schule. Noten gehören verboten! Nicht nur im Deutschunterricht...
A crazy ride, a story from school days. Paradoxical words have a focus on driving - a rainy day, a horror movie - I'm left without a word. This is a story-poetry, words have fire in themselves, drops of pure water, free soul @yoganarchista
Thank you very much <3 <3 <3 It means a lot coming from such an amazing writer <3
You are amazing writer @yoganarchista
I can't understand this language, so what I comment sorry. But follow ND support always.
Thank you for your support and follow :) I follow back ;)
It's my pleasure thanks a lot.