Wie wird man eigentlich Goth??

in Deutsch Unplugged4 years ago (edited)

Gestern mittag klingelte es an meiner Tür – ich erwartete eine junge koreanische Kunststudentin, die sich über ebay für gesammelte Ausgaben einer Kunstzeitschrift interessiert hat und zur Abholung angemeldet war. Als ich die Tür öffnete, stand da eine ausgewachsene Manga-Animè-Cosplay-Kunstfigur mit rosa-silber gefärbten Haaren, 15cm hohen Plateaus unter den Füßen, riesigen runden Augen hinter einer winzigen Nickelbrille und im karikiert frivolen Schulmädchen-Look.

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Foto: Netzfund

Abgesehen davon, daß diese Art der Selbstdarstellung überhaupt nicht meiner Ästhetik entspricht, war sie perfekt! Ich weiß nicht, ob in der Szene auch bedenkliche Auswüchse der Selbstoptimierung bis hin zur plastischen OP in unnatürlichen Dimensionen üblich sind – ich kenne mich da einfach nicht aus. Ich mag es nicht wegen des grell bunten Stylings, der gewollten Kindlichkeit bei überquellender Erotik – und die Musik, die damit Hand in Hand geht, macht alles noch viel unerträglicher… Aber: das Mädel war wirklich perfekt! Das kann ich durchaus bewundern...

Und schwupps, waren die Überlegungen abgedriftet in eine Szene, in der ich früher selber einige Zeit verbracht habe. Sie wirkt so total entgegengesetzt, nicht fröhlich-bunt, nicht quietschvergnügt. Ist aber letzten Endes auch nur eine Form plakativer Selbstdarstellung:

Wie wird man eigentlich Goth?

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Foto: Netzfund

Alles ist eine Frage der Äußerlichkeiten… (Außer bei denen, die wirklich durchgeknallt sind, siehe oben – die gibt es wohl überall…?)

Auf jeden Fall immer schwarze Sachen tragen! Nur in Ausnahmen ist weiß (als Rüschenhemd) oder blutrot (z. B. als Innenfutter eines Umhangs) gestattet.

Das Outfit an sich sollte entweder aus Lack-Leder, irgendwie à la Mittelalter, vampirähnlich oder sonstwie alt und verstaubt wirken. Bei Männern gelten bevorzugt Ledermäntel, Umhänge und geschnürte Hosen. Die Frauen bitte in (zu) engen Korsagen oder aufreizenden Kleidern. Netzteile oder einfach nur zerrissene Strumpfhosen sind auch nicht schlecht.

Silberschmuck ist absolut erforderlich. Umgedrehte Kreuze, Pentagramme, Ketten, Totenköpfe, Ringe etc. Am besten eignet sich Schmuck, der irgendwie nach SM aussieht - Nietenhalsbänder, Piercingringe und ähnliches. Schuhe müssen entweder spitz und mit Schnallen übersät oder metallbeschlagene Schnürstiefel sein. Bei Frauen sind hochhackige Dominastiefel oder bis zur Taille reichende Schnürschuhe ein Muß. Diese sind dann noch mit Ketten zu verzieren, oder auch mit Glöckchen.

Die Hautfarbe muß immer leichenblaß sein. Notfalls unbedingt mit Make up nachhelfen. Augen schwarz umranden; kunstvolle Verzierungen, die den Piercingschmuck einbeziehen und so den Gesamtgesichtseindruck verstärken, können nie schaden. Es gilt also absolutes Sonnenverbot!! Wenn nicht zu umgehen, dann nur mit Sonnenschirm, Brille und Sonnencreme Lichtschutzfaktor mindestens 375!!!! Haare: Am besten lang - oder ab! Immer schwarz! Nur in Ausnahmen ist rot oder weißblond erlaubt. Ausrasierte Partien sind dabei durchaus gern gesehen.

Wichtig für das Äußere ist natürlich auch Mimik und Gestik. Beim Laufen sollte man sich also einen schlurfenden Gang angewöhnen, mit hängenden Schultern und einem von unten nach oben gleitenden Blick. Dieser sollte „Normalbürgern“ gegenüber immer recht böse sein. Unter Gleichgesinnten ist eine „Ich-trage-das-gesamte-Leid-der-Welt“ Miene angebracht. Dies ist durchaus der schwierigste Teil. Zum Nachahmen empfehle ich die Jesusdarstellungen in katholischen Kirchen (also nur die Szenen, wo er am Kreuz hängt!!!!) und intensives Studium des Films „The Crow“. Brandon Lee trägt als Hauptdarsteller eigentlich die perfekten Gesichtszüge. Zum allgemeinen Auftreten gehört im übrigen auch das absolute LACHVERBOT!!!!

Die Musik ist düster, melancholisch, weltschmerzreich und baßlastig. Es darf aus der Schwermetallecke gewummert werden oder Elektrobeats hageln. Die Texte sind hoffnungslos bis suizidal, resigniert und voller Tragödien.

Getanzt wird in den einschlägigen Clubs IMMER im Kreis. Der Tanz ist langsam und ähnelt den erwähnten Laufbewegungen. Zwei Schritte vor und einen zurück. Das ganze mit hängenden Armen und gesenktem Kopf. Immer schön schleppend. Ansonsten arrogant gucken, sein Umfeld mustern, nie laut werden und ja nicht soviel reden!!!!

Wichtig ist auch, daß man dieses gleiche Erscheinungsbild immer hat!! Auch wenn man so vielleicht erhebliche Schwierigkeiten im normalen Leben bekommt. (Man fliegt bei den Eltern raus, wird vom Chef gekündigt, auf der Straße von Skinheads zusammen geschlagen... Solche Erfahrungen sind vielleicht schmerzvoll, helfen aber auch, den passenden Blick zu bekommen. Und nichts ist schlimmer, als tagsüber im Einkaufscenter von ein paar Diskobekanntschaften erkannt und als „Freizeit-Gruftie“ geoutet zu werden!!!! Damit ist man nämlich definitiv unten durch!!!!)

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Abbildung Katalogfoto Steampunk Lady

Okay, mir ging es damals vor allem um die Musik, die düstere Anmutung der gängigen Locations, in denen entsprechende Events veranstaltet wurden. Die Outfits wirkten in der Masse der Gothics nicht zu einheitlich oder gar uniform, weil es so viele Richtungen gab (Steampunk - Fotobeispiel - war z.B. so ziemlich meins, da durfte man auch Sonnenbräune... ;-)) und trotzdem hat es mich nicht farblich oder stilistisch überfrachtet. Ja, ich fand es cool. Hat drei oder vier Jahre angehalten, dann war ich dessen überdrüssig, weil es eben doch auf die eigene Stimmung schlägt auf Dauer. Man hatte eben doch nicht ganz so viel Distanz zu sich selbst, wie es zunächst schien… Das konnte ich mir schlicht nicht antun.

Ob die kleine Koreanerin in ein paar Jahren amüsiert auf ihre heutige „Inkarnation“ zurückblicken kann…?

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 4 years ago 

Glückwunsch! Super Besuch! Wir bekommen das eigentlich nur im Fernsehen auf die Augen. Wenn mal ein Film über Jugendkult in Japan kommt. Du hast keine Fotos gemacht? Das ist doch erwünscht. Diese Jugend freut sich, wenn man sie fotografiert.

Im Prinzip geht es um Uniformen, in die sich jede Jugend zeitgeistweise kleidet. Ich erinnere mich an Slop- und Shakehosen, bevor Schlabberpulli, Parka, Jeans und Turnschuhe kamen. Je hippiger, desto toller war die Figur

Als Eltern haben wir dann Punk mitmachen dürfen. Mit feuerrotem Hahnenkamm. Anschließend kam Emo mit Halbglatze – auf der anderen Seite die Haare lang. glatt, schwarz. Manche treiben es gerne schrill, was sich immer auch mit einem Gruppengefühl verbindet, dem ein Verhaltenskodex zugrunde liegt. Da kann man eigentlich nichts gegen sagen.

Das ist schon immer so. Seit dem aufrechten Gang. Sogar wer sich „normal“ gibt, erlebt Uniformität , allem Idividuellen zum Trotz. Dass dem „Normalen“ ebenfalls ein Kodex anhaftet, ist klar. Ganz wie bei den Gothics, nunmehr bürgerlich gedeckter Style dem Anlass angemessen.

 4 years ago 

Hihi, #Es war tatsächlich einmal Zeuge einer derartigen BekleiDungsArie , ja , #Es erinnert #Sich .
Also #Es durfte zwar so verliebt sein wie #Es nur konnte und vielleicht auch deswegen willkommen gewesen sein , dabei , aber verstanden hat #Es das nicht .

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 4 years ago 

Auf jeden Fall schön, dass du amüsiert auf deine früheren Jahre zurückblickst ;-))

Schön zu lesen. Allerdings hätte ich ja vermutet, dass man so jemanden in Berlin mittlerweile nicht mehr außergewöhnlich findet...
Wenn hier in der Pampa mach einer mit solchen Erscheinungen konfrontiert wird, ist es wichtig, schon mal die nächste Telefonz... äh... die Notruftaste am Telefon zu suchen ;-)

Ich kann mich gut erinnern, dass in meinen Jugendjahren der Stil auch anzutreffen war. Es gab zwar nicht viele, die sich so kleideten, aber es gab sie auch hier. Sie lebten in ihrer ziemlich eigenen und abgeschotteten Welt, taten aber keiner Fliege was zuleide.


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 4 years ago 

Yo, das mit Berlin mag stimmen: ich gehe hier in der Stadt wirklich nicht gerne vor die Tür und wenn unbedingt nötig, ohne Blick nach links und rechts.

In meiner Jugend gab es Rocker und Punks, aber die waren natürlich ganz üble Gesellschaft ;-)) Später habe ich Grufties miterlebt und Popper, kam auch alles irgendwann wieder.




I once visited a shopping mall and casually ran into people of all ages wearing cosplay clothes.

the question that no one has asked you, have you ever dressed like this?, and if not, would you dress as what character and why?

 4 years ago 

From today's point of view, I see earlier excursions into the "black" scene as disguise. And I can't do anything with that any more, in any form whatsoever. I like to wear muted colours and never jewellery - everything else distracts from my face and personality... In this respect: Carnival would be nothing for me and cosplay... I don't know the current popular characters, but I'm generally not someone who thinks or wishes myself into other roles. It's difficult when I'm supposed to be someone other than myself.

Aus heutiger Sicht empfinde ich frühere Ausflüge in die "schwarze" Szene als Verkleidung. Und mit der, in welcher Form auch immer, kann ich heute nix mehr anfangen. Ich trage gerne gedeckte Farben und niemals Schmuck - alles andere lenkt von Gesicht und Persönlichkeit ab... Insofern: Karneval wäre so gar nichts für mich und Cosplay... Ich kenne nicht die aktuell gängigen Charaktere, aber ich bin generell niemand, der sich in andere Rollen hineindenkt oder -wünscht. Wird schwierig, wenn ich jemand anders sein soll als ich selbst.

 4 years ago 

der gewollten Kindlichkeit bei überquellender Erotik

Ich habe mich immer gefragt was man damit sagen will , wie Du schon sagst es ist abstoßend
VgA

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