Manchmal kommt er wie gerufen …

in #steemwiki7 years ago (edited)

… und dann leistet mir der Blues Gesellschaft.



Blues.jpg

Ohne überhaupt einen Gedanken daran verschwendet zu haben, aus dem leidlich geordneten Wirrwarr in meinem Kopf könnte je ein Beitrag entstehen, hing ich fest an der Erkenntnis, auch zu der Sorte Mensch zu gehören, die Gesehenes, Vernommenes oder Geschriebenes in Kategorien einteilen und diese wiederum Ordnern zuteile. Das reicht dann von “ganz in Ordnung”, über “so na ja” bis hin zu “vollendeter Schrott”. Sehr oft kommt es dabei vor, dass ich das Abgespeicherte nochmals unterteile und mit emotionalen Begriffen unterlege, die allesamt der Musik entliehen sind. Rock ‘n’ Roll, Funk, Jazz, Heavy Metal, Klassik oder Blues - und genau in diesen Ordner dürft ihr heute einen Blick riskieren.

Wie ist das eigentlich bei mir mit dem Blues?


Der Blues zwischen den Zeilen

Die alten Fotos liegen vor mir auf dem Tisch.
Doch sie erzählen mir keine Geschichten mehr.
Sie sind so weiß
Haben jegliches Leben verloren.
Ich schalte das Radio ein,
doch kein Laut dringt zu meinem Ohr.
Krampfhaft versuche ich Erinnerungen zu wecken.
Bilder von Freunden in mein Gehirn zu projizieren.
Ich klammere mich an Gedankensprünge.
Rollende Bälle, Tränen, Kinder, die schwere Geburt.
Hin zu Krieg, Gewalt und Tod.
Bäume mit wunderschön schimmernden Blättern.
Ein Sprung zu Banken, schwer bewacht.
Die Wände sind mit Blüten tapeziert.
Plötzlich umgeben von singenden Menschen beim Bier.
Schon wieder diese Kinder.
Doch jetzt mit großen Augen, voller Angst.
Ich kann sie nicht halten.
Die Gedanken rennen mir davon.
Unaufhaltsam rasen sie dahin.
Weit, weit weg.
Verloren für immer.
Die Fotos bleiben weiß.
Meine Ohren taub.
Ich versuche in mich zu blicken.
Doch da ist es leer,
Einfach nur leer.

Auch die Natur liebt den Blues

Es sind leider nicht nur das herbstliche Farbenspiel der Natur, der nicht zu vertreibende Nebel, der Tag für Tag auf den abgeernteten Feldern ruht oder das Gefühl von Abschied, das mit dem langsam verrottenden Laub an den Schuhsohlen klebt, die uns den Blues näher bringen. Es ist auch der unweigerliche Verfall, der Tag für Tag, Monat für Monat und Jahr für Jahr unser Leben begleitet.

Lediglich auf dem Teller, da hat der Blues überhaupt nichts verloren



Wenn der Blues auf dem Porzellan landet, dann bewirkt er bei mir genau das Gegenteil dessen, was ihm so allgemein nachgesagt wird. Ein eher trauriger Anblick auf dem Teller bringt mich eher so richtig zum Kochen. Es genügt mir vollkommen, wenn der Blues neben mir am Tisch sitzt, da braucht er sich nicht auch noch auf die Holzplatte zu setzen.
Hier ein kleines Menü, das ich mit meinem Freund, dem Blues, genießen könnte.

Ein ganz frisches Gazpacho mit Basilikum


Gebackene Auberginen mit jungen Kartoffeln, viel Gemüse und Dips von süß-scharf bis ganz scharf


Frisch ausgebackene Kirsch-Hefe-Pfannkuchen (mit Puderzucker, saurer Sahne oder geschlagener Sahne - ist mir vollkommen wurscht!)

Guten Appetit

Der Blues ganz fest gebunden



Es ist eines der Bücher, in denen ich ganz und gar versinken könnte. Kein Klassiker, kein hochgelobter Kritiker-Diamant, sondern einfach nur eine Schilderung dessen, was Gefühle mit jemandem anrichten können, der sich dafür empfänglich zeigt.

Matt Haig - Ich und die Menschen

In einer regnerischen Freitagnacht wird Andrew Martin, Professor für Mathematik in Cambridge, aufgegriffen, als er nackt eine Autobahn entlangwandert. Professor Martin ist nicht mehr er selbst. Ein Wesen mit überlegener Intelligenz und von einem weit entfernten Stern hat von ihm Besitz ergriffen. Dieser neue Andrew ist nicht begeistert von seiner neuen Existenz. Er hat eine denkbar negative Meinung von den Menschen. Jeder weiß schließlich, dass sie zu Egoismus, übermäßigem Ehrgeiz und Gewalttätigkeit neigen. Doch andererseits: Kann eine Lebensform, die Dinge wie Weißwein und Erdnussbutter erfunden hat, wirklich grundschlecht und böse sein? Und was sind das für seltsame Gefühle, die ihn überkommen, wenn er Debussy hört oder Isobel, der Frau des Professors, in die Augen blickt?

Wenn das Leben mir den Blues auferlegt


Am Ende

Ich fühle an ihrer warmen, weichen Haut. Streichele über ihre Wangen und schaue in die halb geöffneten Augen.
Nein, sie schläft nicht.
Kann sie mich überhaupt hören? Versteht sie, was ich sie frage? Hat sie überhaupt bemerkt, dass ich neben ihr stehe?
Alles ist so still.
Aber vielleicht hat sie momentan auch keine Schmerzen.
Doch lässt mich das Gefühl nicht los, dass der Tod die weitere Fürsorge übernommen hat.
Jetzt nur keine Panik, keine Angst und kein hektisches Umherlaufen. Ich berühre sie nochmals.
Mit den Fingern vom Haaransatz über das Ohr. Wie oft habe ich sie so gestreichelt, um sie zu beruhigen, wenn sie der Meinung war, dass jeden Moment ihr Herz versagt, sie nicht genügend Sauerstoff bekommt oder der Blutzucker ins Bodenlose abrutscht.
Ich bin überhaupt nicht aufgeregt. Ich habe lediglich das Gefühl, dass eine tiefe Trauer von mit Besitz nimmt.
Gerade mal eine Zigarettenlänge ist es her, dass ich an ihrem Bett saß und über Belanglosigkeiten meiner nachmittäglichen Schaffenskraft berichtete. Und wie immer, wenn ich das Gefühl hatte, sie brauche dringend körperliche Nähe, habe ich ihr während meines Geplappers die Hand gehalten.
Denn seit sie nicht mehr aufstehen konnte und damit selbst bemerkte, dass die Zügel des Familiengespannes nicht mehr fest in ihrer Hand waren, gewann die kurze Zeit am frühen Abend ein Vielfaches an Bedeutung. Dann, wenn ich ihr berichtete, was auf ihrem Land an diesem Tag geleistet wurde.
Heute Morgen habe ich schon bemerkt, dass ihre Fingerspitzen blau eingefärbt waren. Dieser Anblick hinterließ bei mir das Gefühl, als hätte jemand ihre Hand in ein Fass voller Tinte getaucht. Und jede Stunde ein oder zwei Zentimeter tiefer.
Natürlich galt mein erster Gedanke dem Wasser, das sich schon seit Monaten in ihren Beinen staut. Tabletten, Tabletten, Insulin und nochmals Tabletten. Garantiert hat Mama in den letzten Wochen ihren Mund öfter zur Einnahmen von Medikamenten geöffnet, anstatt für die Zufuhr von Flüssigkeit und aufbauender Nahrung.
Und jetzt?
Einfach so tot?
Ohne ein Wort, ohne eine Geste?
Aber sie ist doch noch ganz warm!
Langsam und vorsichtig lege ich nochmals meine Hand auf ihr ergrautes und in den letzten Monaten sehr schütter gewordenes Haar. Ich nähere mich mit meinen Wangen ihrem Gesicht, um vielleicht doch noch den Hauch ihres Atems spüren zu können.
Spürbar hat sich die Trauer auf den ganzen Raum gelegt.
Den Raum, das Zimmer, das in den letzten Monaten zu ihrem Gefängnis wurde.
Welche Gefühle sind jetzt in mir?
Bin ich traurig?
Wie spürt man diese Traurigkeit?
Ich glaube, dass es nicht die Traurigkeit ist, die ich jetzt in mir trage, wo wir die Stufen hinab in die Küche beschreiten, die seit immer und ewig ihr geheiligtes Revier war.
Nein, es ist eher eine Art Erleichterung.
Ja, bestimmt Erleichterung.
Erleichterung gepaart mit einer unendlichen Leere.
Wo ist ihre Stimme?
Was tue ich ohne ihre Fragen?
Wer erteilt mir Ratschläge, nach denen ich oft gebeten hatte.
Wer verbreitet jetzt die Heiterkeit, die Lust auf Weihnachten?
Wer drängt darauf die Ostereier zu färben?
Wenn ich jetzt dieses Zimmer verlasse, dann ist es ein Abschied für immer.

Sich gesucht und gefunden - der Blues und die Musik

Der Blues scheint mir so etwas wie die Urform der Musik zu sein. Wann entstehen die emotionalsten Lieder? Immer wenn du das Gefühl hast ganz alleine gegen das Schicksal, die Welt und all das, was sich sonst noch gegen dich zu verschwören sucht, dich ergeben oder ankämpfen willst. Dann fließen sie beinahe wie fast von ganz alleine, die Worte, die sich vor lauter Traurigkeit kaum auf den Beinen halten können. Aber es müssen nicht immer Worte sein. Manchmal reicht eine Melodie vollkommen aus.

SUE FOLEY - MEDITERRANEAN BREAKFAST

Sue Foley ist eine vielfach preisgekrönte Musikerin und eine der renommiertesten Blues & Roots-Künstlerinnen der heutigen Zeit. Im Alter von 21 Jahren lebte sie bereits in Austin, Texas, und hatte einen Plattenvertrag bei Antone’s, dem berühmten Plattenlabel und legendären Bluesclub, in dem schon Stevie Ray Vaughans Karriere begonnen hatte. Schon ihr Debütablum Young Girl Blues präsentierte ihre einzigartige Kombination von Talenten – überzeugende Bluesgitarristin, innovative Songwriterin und faszinierende Sängerin. 2001 erhielt sie für ihre CD Love Coming Down den renommierten Juno Award, das kanadische Äquivalent zum Grammy.
2016 kehrte Foley wieder nach Austin zurück und begann, erneut mit alten Freunden und vielen texanischen Musikgrößen wie Jimmie Vaughan und Billy Gibbons (ZZ Top) zusammenzuspielen. Sie ist das einzige weibliche Mitglied der legendären »Jungle Show« zu der unter anderem auch Gibbons, Vaughan, der B3-Virtuose Mike Flanigin und Chris »Whipper« Layton gehören (ex-Steve Ray Vaughan and Double Trouble). Die »Jungle Show« war ein Muss für alle Bluesfans in Austin. Nach dem Ende der Konzertreihe ging Sue Foley im Dezember 2016 mit ihren texanischen Mitstreitern ins Studio und nahm dort die Songs für The Ice Queen auf – ohne Zweifel ihr bisher bestes und erfolgreichstes Album.

Hinweise auf lesens- und hörenswerte Beiträge:

Der Wegweiser für alle, die das für sie Wichtige suchen: steemwiki
Wer interessiert am Jazz ist, der findet hier was: #jazzfriday
Soll es was ganz Leckeres für den Magen sein: #w74-rezepte
Kurzgeschichten oder Ausflüge in die deutsche Sprache, dann wird man sicher fündig unter: #ganzwenigtext
Alte Ausgaben des Wochenrückblickes liegen hier: #wochenrueckblick
Mahnende Worte von der Kanzel herab (oder von wo auch immer): #sonntagspredigt
Nicht zu vergessen: BRenNgLAS

Sort:  

Danke dir für diesen Artikel - ich hatte insgeheim gehofft von deinen "Musikkategorien" mehrere kenn zu lernen. Die Idee ist einfach genial - wie auch die Umsetzung!

Posted using Partiko Android

Hallo Kadna,

ich bin jedenfalls froh darüber, den Blues auf das Abstellgleis geschoben zu haben.
Außerdem wäre ich wirklich froh eine Idee zu haben. In Wirklichkeit ist es jedoch so, dass mir plötzlich ein Stachel im Fleisch steckt, der sich erst lösen lässt, wenn ich seine Geschichte in Worte gefasst habe.

Liebe Grüße
Wolfram

Da hast du ja besonderes Glück, dass du mit Worten virtuos umgehen kannst! ;-) Lieben Gruß Kadna

Guten Abend Wolfram,
Sehr sehr schönen Artikel haste hier rausgehauen!
Super Arbeit und schön weiter so machen!

Lieben Gruß
Stefan

Danke für deinen schönen Artikel.
Manchmal schleichen sich in den Blues aber doch
ermutigende Töne ein.
Der "Mempfhis Blues" hat in seinen Stücken viele
Elemente von Lebensfreude enthalten.
Hier zeigt sich, dass Blues und Freude einander
abwechseln können.
Viele Grüße.

Begleite im tiefen Süden eine Beerdigung. Dann versteht jeder wie viele Gesichter der Blues haben darf.

Beste Grüße
Wolfram

Du hast ein Upvote von mir erhalten. Ich bin ein automatischer VotingBot und veröffentliche einmal am Tag einen Post in dem alle Votes zu finden sind.
Der @curationvoter wünscht Dir und deinen Lieben eine tolle Zeit.
Vorallem mit viel Sonne.

Euer Curationvoter

Bis denne

Mir fehlen die Worte, was in diesem Fall als Kompliment für deinen Beitrag stehen soll. 😎

Hauptsache der Blues überfällt dich nicht von hinten und ohne Vorwarnung! :-)

Hallo ich bin Mikrobi,

dein Beitrag hat mir sehr gut gefallen und du bekommst von mir Upvote.

Ich bin ein Testbot, wenn ich alles richtig gemacht habe, findest du deinen Beitrag in meinem Report wieder.

LG

Mikrobi

Coin Marketplace

STEEM 0.04
TRX 0.32
JST 0.098
BTC 62929.55
ETH 1832.80
USDT 1.00
SBD 0.38