Bis zum Kampfsport

in #deutsch8 years ago (edited)

Als ich drei Jahre alt war, wurde ich in meine erste Ballettklasse geschickt. Zuerst durften wir noch herumspringen und fröhlich zur Musik umhertanzen. Wir lernten theatralischen Ausdruck und was auf der Bühne was bedeutet. Wir kräftigten und dehnten die Muskeln und wussten, dass man auf der Bühne immer lächeln muss. Die unzähligen Ballettklassen, die ich über 12 Jahre lang besuchte habe ich so in Erinnerung: Aufwärmen, an die Barre, zur Klaviermusik eine Übung auf der einen Seite machen, dann auf der anderen. Dann in die Mitte gehen für Formationen, für Sprünge und Drehungen. Was habe ich gelernt? Beim Ballett lernt man, was Schmerz bedeutet. Die körperlich anstrengendsten Übungen werden militärisch exerziert, nur darf man dabei keinen Mucks von sich geben und muss gleichzeitig so viel Expression und Pathos zeigen, sodass es auch die letzten Ränge im Theater mitfühlen. Irgendwann mit 10 Jahren, kamen die Spitzenschuhe zum Einsatz. Man steht tatsächlich mit der Fußspitze auf Holz, dazwischen ist nur eine hauchdünne Gummischicht. Das eigene Körpergewicht wird von den zwei großen Zehen getragen und wieder muss man minutenlang grazil Balance halten, magisch lächeln, während die Beine schnell beginnen, wie Espenlaub zu zittern. Aber jedes Jahr, wenn wir dann endlich vortanzen durften, war ich unglaublich stolz, trotz des Leides. Wir tanzten die großen Ballette von Petipa mit der bezaubernden Musik Tschaikowskys. Ich vermisse es. Was viele nicht verstehen: Ballett ist Ästhetik, Sport und Kunst zugleich und ist mit keinem anderen Tanzstil vergleichbar. Mein Gang war immer aufrecht, meine Schultern, meine Arme und mein Rücken und meine Beine stark. Ich konnte knapp einen Meter hoch springen und war sehr dehnbar. Ich habe die ganze Arbeit um den Tanz sehr geliebt und vermisse sie jetzt.

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Hebung in einem Pas de Deux, Tänzer des Chicago Ballet (dancersaretheathletesofgod.tumblr.com)

"Tänzer sind die Athleten Gottes."
Albert Einstein

Ein Streit mit meiner Ballettlehrerin und der Fakt, dass ich mal etwas Neues probieren wollte haben mich zum Kampfsport gebracht. Begonnen habe ich mit Muay Thai, was absurd anstrengend war. Jeden Mittwoch Training, jede Woche Muskelkater bis zum Freitag. In der Zwischenzeit habe ich mich auch begonnen für Selbstverteidigung zu interessieren und nun ja, Thaiboxen kann man nicht unbedingt Selbstverteidugung nennen. In vielen Kampfsportarten wird in Gewichtsklassen getrennt gekämpft. Das hat den einfachen Grund, dass das Gewicht, den Kampf maßgeblich entscheidet. Damals habe ich vielleicht 55 kg gewogen und keiner hätte sich getraut, mich als gleichberechtigten Partner zu behandeln.

Irgendwann habe ich Krav Maga kennengelernt. Krav Maga ist hebräisch und bedeutet Kontaktkampf. Ein Jude hat in den 30er Jahren die modernsten und effektivsten Techniken aus den verschiedensten Kampfsportarten kombiniert und sie anderen Juden beigebracht, damit sie sich gegen antisemitische Angriffe wehren konnten. Die Grundbedingungen dafür: Die Techniken müssen rasch erlernbar und auch gegen besser gebaute und schwerere Gegner anwendbar sein. Mit Krav Maga hat auch eine Frau eine realistische Chance gegen einen 90 kg schweren Angreifer. Besonders im Fokus von Krav Maga liegt auch die Abwehr bewaffneter Angriffe.

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Die israelische Armee beim Krav Maga (timesofisrael.com)

Es gibt immer mehr Geiselnahmen, Messerangriffe und (bewaffnete) Gewalt auf den Straßen Europas. Kampfkunst ist schön und gut, aber nichts anderes als Ballett auch: Ästhetik, Kunst und Sport. Beim Taekwondo zum Beispiel, werden die Beine ständig zwei Meter in die Höhe geschleudert, was natürlich niemand machen würde, wenn er denn in einen Kampf auf der Straße geraten sollte. Darum erachtete ich Kampfkunst als unzweckmäßig zur Selbstverteidigung und empfehle MMA oder Krav Maga, letzteres besonders für Frauen.

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Avivit Cohen, bekannte Instruktorin, benutzt den Gewehrkolben als Waffe (kravmaga-ikmf.com)

Heute ist Krav Maga Pflicht bei den IDF und ist in Israel auch im zivilen Bereich weit verbreitet. In Europa ist diese Sportart leider noch nicht gut bekannt.

Warum ich Kampfsport mache?
Ich schätze den Kampfsport sehr, weil er kräftigt und uns unsere Schmerzgrenzen aufweist. Mir persönlich, hat das Trainieren von Boxen und Krav Maga zu mehr Selbstvertrauen geholfen.

Was haben Ballett und Krav Maga gemein?
Disziplin, Konzentration, mentale und physische Kraft, sowie Koordination.

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Hey, ich teile deine Auffassung was Kampfkunst / Kampfsport bezüglich Selbstverteidigung angeht und freue mich, hier einen solchen Artikel zu finden! Ich habe früher Wing Tsun trainiert - das hat mir unglaublich viel gegeben und ich vermisse es hin und wieder. Ich war in meinem Verband jedoch nicht glücklich und habe auch keinen anderen gefunden, in dem ich mich gut aufgehoben gefühlt habe. Habe dann auch eher Wege zur realistischen Selbstverteidigung gesucht. Ich weiß ja nicht, wie es den anderen hier geht, aber ich würde mich über Artikel dazu freuen! :-)

Interessant. Wenn ich mich recht entsinne enthält Wing Tsun viel Armtechnik, richtig? Ja, es wird finde ich, leider oft nicht genug angesprochen und auch gar nicht von den Verbänden explizite gewarnt, dass manche Kampfkunstarten leider nicht zur Selbstverteidigung geeignet sind, obwohl diese ein wichtigeres Thema geworden ist. Machst du jetzt noch einen Sport? :)

Hallo @melange. Ich hab es sogar so erlebt, dass bestimmte Kampfkunsttechniken als Selbstverteidigungsnonplusultra gelehrt wurden. Besonders die Art und Weise, wie man diese dann trainiert, könnte nicht weiter weg sein von Alltagssituationen auf der Straße. Beim Training hat man bequeme Kleidung an. Du weißt genau, welche Technik grad trainiert wird und auf welche Weise der Angriff durchgeführt wird. Du hast keine angstbedingten Adrenalinschübe, bist schön aufgewärmt. Wenn dich auf der Straße jemand angreift, ist das was komplett anderes. Bist du schonmal in die Situation gekommen, dich verteidigen zu müssen?

Zu deinen Fragen: Ja, Wing Tsun enthält viel Armtechnik.
Ich mache zur Zeit nur wenig Sport. 1-2 mal pro Woche Yoga und zeitweise fahre ich fast täglich Mountainbike - empfinde beides jedoch gar nicht als Sport weil der Antrieb dahinter Entspannung und Abschalten lautet, und nicht körperliche Betätigung. :-)

Ja, stimmt! Zu diesem Zwecke dürfen wir im Training auch oft Strassenkleidung tragen.
Ja, ich bin mal in die Situation gekommen auf der Straße bedrängt zu werden, aber Gott sei Dank noch nie in einen Kampf.

Coole Sache. Komme selber aus dem Kampfsport und weiß die Vorteile dessen zu schätzen. Vor allem die aus dem Kontaktsport. Falls du die Möglichkeit hast, versuche mal einem Luta Livre Training beizuwohnen. Diese Erfahrung wird dich sicherlich bereichern und begeistern.

Weiter so!

Danke für den Tipp. Schau ich mir mal an!

Die Medaille hat immer zwei Seiten...
Die Kunst des kampfes beherrschen wenige und schwubs haben wir das was physalis so schön anspricht..!
Hugs out

Ja, Sport kann Drill sein, war zu DDR-Zeiten nicht anders, daher habe ich mich recht schnell vom Fechten und Judo verabschiedet.

Krav Maga sollte für Mädchen und Frauen gratis sein, die Handgriffe die man dort lernt könnten unter Umständen Leben retten. Aber soll wohl nicht sein...

Wir waren schon einmal weiter, was solls, heute regt es kaum mehr jemand auf wenn Frauen mit einem Strick am Hals hinter einem Auto her geschleift werden oder mit Säure überschüttet werden oder mit Benzin und angezündet werden - mitten in der Öffentlichkeit; glaube den Fensterwurf, die durchschnittenen Kehlen, die vergewaltigten Joggerinnen usw. usf. habe ich auch noch vergessen....

Kaum jemand will es lesen, diskutieren schon gar nicht und trotzdem scheint das Unwohlsein zuzunehmen; wie üblich, wenn es uns nicht betrifft verdrängen wir lieber und hoffen nicht die Nächste zu sein.

Habe lange in einem Job gearbeitet in dem man oft die Ergebnisse von solchen verrohten Menschen begutachten "durfte" und nicht selten folgt solchen Verbrechen nur eine kurze Bewährungsstrafe...

Danke für den Kommentar! Ich gebe dir völlig Recht. Ich mache Selbstverteidigung sehr gerne, aber trotzdem finde ich es schlimm, dass es so weit kommen musste, dass wir Selbstvertwidigung überhaupt brauchen. Die unzähligen Fälle an importierter Gewalt, die von den ach so tollen selbsternannten „Frauenrechtlern“ und „Feministen“ verschwiegen werden sind auch Grund warum ich heute kein Ballett mache, sondern Selbtverteidigung. Wir erleben plötzlich Verbrechen in Europa, die von so einer verrohten Bestialität fast zeugen und ein Justizsystem und eine Rechtssprechung die diese Abartigkeiten nicht einmal beantworten können, weil sie bis vor ein paar Jahren noch unbekannt waren. #dankemerkel

Leider und es hört ja nicht bei den offensichtlichen Themen auf; Beschneidung von Mädchen und Jungen; jede Religion die das vorsieht begeht Missbrauch an einem kleinen Lebewesen. Kinderehen, die nächste Perversion. Die ganzen Pädophilen in der der Kirche und außerhalb; boah; nicht zum aushalten!

Früher ging mir z.B. Alice Schwarzer echt auf die Nerven; heute scheinbar als Rentnerin eine der wenigen die sich noch traut Klartext zu reden und genau dass ist so bezeichnend für unsere Gesellschaft. Scheinbar befinden die "modernen Feministinnen" Frühsexualisierung und das dritte Geschlecht für Kinder wichtiger als Rechte von Kindern und Frauen zu schützen.

Selbst die LGBT Szene bekommt das Maul nicht auf wenn ihre Mitglieder zunehmend Opfer werden. Was ist denn mit denen los, passt es ihnen nicht in den Kram dass die Täter keine Neonazis waren; ist das die einzige Antwort? Zum heulen...

Beschneidung von Mädchen und Jungen; jede Religion die das vorsieht begeht Missbrauch an einem kleinen Lebewesen.

Endlich mal Klartext! Viel mehr Menschen müssten sich den Perversionen der Religionen entgegenstellen. Das erfordert Mut. Du hast ihn.

Mit diesem Artikel zeigst du uns eine weitere Seite deiner Persönlichkeit. Ich finde es sehr beeindruckend, wie du deine körperlichen Fähigkeiten mit viel Disziplin und Willenskraft erweiterst. Mens sana in corpore sano, sagt der Lateiner. Und: Fortes fortuna adiuvat. (Ich hoffe, du weißt, was ich meine ...)

Danke! Wo der Römer Recht hat, hat er Recht. Ich denke, Bewegung ist sehr wichtig. Ich wünschte ich hätte wie du mehr Zeit für Wanderungen.

Hallo melange,
Deinen Weg vom Ballett zum Krav Maga finde ich sehr lehrreich.
Mittlerweile ist es sehr wichtig, neben den normalen beruflichen
Grundfertigkeiten und der Allgemeinbildung auch Selbstverteidigung
zu lernen.
In Deiner Geschichte kann man sehr gut nachvollziehen, wie Du zum
Krav Maga gekommen bist. Da bist Du sicher ein großes Vorbild für
andere, die sich mit dem gleichen Thema beschäftigen.
Mich beschleicht dabei der Gedanke:
Wer ist wohl gefährlicher, die Ballettlehrerin oder der Krav Maga-Trainer?

Prima Artikel.
Viele Grüße

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Hallo melange, ich habe deinen Artikel sehr interessiert gelesen. Eine Frage die sich mir nach dem Lesen des Artikels stellt ist: Du scheinst zwischen Kampfkunst und Kampfsport klar zu unterscheiden. Das finde ich gut und das tue ich auch, allerdings frage ich mich was deiner Meinung nach Einteilungskriterien sind - also nach welchen Gesichtspunkten unterscheidest du zwischen Kampfkunst und Kampfsport? Würde mich sehr über eine Antwort freuen :)

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