Das große Schweigen
Das große Schweigen
Züngelnd erfasste die Python ihre Beute. Dem Geruch folgend reckte sie vorsichtig den Kopf, um die Entfernung zu verringern.
Mittwoch Morgen. Der Berufsverkehr flutete die Straßen. Fußgänger warteten an den Ampeln. Unter ihnen ein Mann mit besonderem Ziel. Er wartete zunächst auf grünes Licht und schlenderte dann in Richtung Volksfestplatz. Die Leute um ihn herum gingen zur Arbeit, warteten auf den Bus oder die Fahrgemeinschaft, und schienen in den kommenden Arbeitstag vertieft. Eine junge Frau führte ein plärrendes Kind an der Hand, ein alter Mann spuckte aus und junge Leute rauchten Zigaretten.
Der Mann wich entgegenkommenden Fußgängern aus und war schneller unterwegs als die anderen.
Es waren nur noch hundert Meter bis zum Festplatz, doch schon kurz vor der Autobahnauffahrt blieb er direkt unter der Brücke stehen. Jetzt war es ihm nicht mehr eilig. Er steckte sich eine Zigarette an, blickte auf sein Telefon, und lehnte sich an die Wand aus Beton.
Zur selben Zeit näherte sich eine junge Frau aus entgegengesetzter Richtung dem Festplatz. Auch sie war zu Fuß unterwegs. Mit ihrem Rucksack, den Jeans, dem karierten Hemd und dem festen Schuhwerk wirkte sie wie ein Tramper. Die Einfahrt zum Festplatz ließ sie rechts liegen. Unter der Brücke angekommen blieb sie stehen, warf ihren Rucksack auf den Boden und machte es sich darauf bequem.
Busse kamen und gingen von überall her. Leute stiegen aus und verteilten sich in alle Richtungen. Es fiel niemanden auf, dass einige davon zielstrebig zur Brücke gingen und dort einfach stehen blieben. Niemand sprach ein Wort.
Auf dem Streifen zwischen den Brückenpfeilern hielt ein Auto. Ein junger Kerl stieg aus und bedankte sich fürs Mitnehmen. Er drehte sich um und überquerte den Radweg unter der Brücke, wobei sein Blick über die Leute wanderte, die dort bereits warteten. Dann lehnte er sich an die Betonwand und befasste sich mit einem Spiel auf seinem Telefon.
Mittlerweile hatten sich unter der Brücke gut vier bis fünf Dutzend Leute versammelt. Mancher mochte denken, sie warteten auf einen Werksbus, wären zur Arbeit unterwegs und würden jeden Moment abgeholt. Andere glaubten, es handle sich womöglich um eine Demonstration, die jeden Moment beginnen konnte. In dieser unruhigen Zeit war das kein abwegiger Gedanke. Aber so genau man die Leute auch musterte, es gab keine Anzeichen dafür. Niemand trug ein Transparent, niemand ein Parteiabzeichen. Auch sprachen sie nicht miteinander. Somit konnte man davon ausgehen, dass sie sich untereinander so wenig kannten wie die Autofahrer, die sich im Verkehrschaos begegneten, im Stau vor den Ampeln der Kreuzung warteten oder sich von der Autobahn in die Innenstadt quälten. Selbst die Beamten in jenem Streifenwagen, den der Stau mit sich schwemmte wie ein Stück Treibholz, beachteten die Gruppe kaum. Und bedenkt man, wie viele Leute die Kamerafunktion ihrer klugen Telefone auf geradezu lästige Weise nutzen, dann versteht man auch, warum die wild in der Gegend herum filmenden Frauen und Männer abseits der Gruppe keinerlei Aufmerksamkeit erregten.
Pünktlich um 7 Uhr 30 klingelten alle Telefone der Leute gleichzeitig. Es waren keine Anrufe, sondern die Wecker. Wie auf ein Kommando verteilten sie sich. Etwa ein Dutzend ging zur Autobahnauffahrt und tat das Unglaubliche: Sie setzten sich alle gleichzeitig mitten auf die Fahrbahn und blockierten sie. Die junge Frau benutzte ihren Rucksack wieder als Sitzkissen.
Andere warteten pflichtgemäß auf die Grünphase der Ampel, gingen los und setzten sich auf die Straße. Der junge Kerl nahm im Schneidersitz Platz und zog wieder sein Telefon aus der Tasche, um sogleich sein Spiel fortzusetzen als sei natürlicher nichts auf der Welt.
Nach kaum zwei Minuten war die Kreuzung komplett blockiert. Und es war die größte und wichtigste der kleinen Stadt.
Manche lagen wie im Bett auf der Seite und blätterten durch Zeitungen. Andere schienen zu meditieren. Einer nutzte die Gunst der Stunde tatsächlich zu einem Nickerchen. Manche Leute können einfach alles. Und soweit es die Leute auf der Kreuzung betraf, war alles in bester Ordnung. Kein Geschrei, keine Parolen, es wurde nicht einmal gesprochen. Alle schwiegen.
Das Erstaunen der Autofahrer wich nur langsam. Was immer da vorging, der Verkehr war vollkommen zum Erliegen gekommen.
Die ersten Autofahrer spielten mit den Hupen. Allmählich wurde wütend aus den Fenstern gebrüllt und mit Fäusten gedroht.
Auf der Autobahn staute sich der Verkehr an der Ausfahrt in Windeseile mehrere Kilometer. Die Innenstadt quoll geradezu über, die Landstraßen waren zu wie eine Bierdose und wer auf Schleichwege zu flüchten versuchte bemerkte schnell, dass auch andere auf diese Idee gekommen waren.
Es war nur eine Kleinstadt. Das Chaos aber verbreitete sich auch am Land recht schnell.
Unterdessen versuchten manche Autofahrer die auf den Straßen sitzenden Müßiggänger zu umfahren. Sie scheiterten an deren löblich-taktischer Verteilung. Diese Versuche steigerten die Verworrenheit der Situation noch einmal. Die junge Frau, die immer noch auf ihrem Rucksack saß und ein mitgebrachtes Butterbrot zu sich nahm, kicherte leise vor sich hin.
Aus weiter Ferne ertönte ein einsames Martinshorn. Die Polizisten sahen sich jedoch mit denselben Schwierigkeiten konfrontiert wie alle anderen Autofahrer – sie standen im Stau. Im Normalfall hätte man brav eine Gasse gebildet. Dieses Tohuwabohu allerdings war zu schnell und vollkommen unerwartet über die Stadt hereingebrochen, sodass selbst mitten auf der Kreuzung Autos die Kreuz und die Quer herum standen. Im Abbiegen begriffen musste man Fußgängern, die schließlich grün hatten und sofort los marschierten, den Vorrang lassen. Und genau in diesem Moment hatte es sich ein ganzer Pulk auf der Straße schweigend gemütlich gemacht.
Das Staunen war dem Ärger gewichen. Manche Autofahrer stiegen aus. Die einen, um sich den Grund für das Paradoxon stehenden Verkehrs anzusehen, die anderen, um genau diesen Punkt zu bereinigen. Bevor Handfestes ins Werk gesetzt werden konnte erschien die Polizei.
Zwei Beamte hatten die Ursache des Wirbels entdeckt und waren bis zu dessen Zentrum vorgestoßen. Zu Fuß.
Die beiden Polizisten waren außer Atem, schnauften, wischten sich den Schweiß von der Stirn und einer von ihnen erhob den Zeigefinger. „Erster!“
Die Fahrer all der Autos, Lkws und Busse überfielen die Polizisten mit Vorwürfen. Tausend Mal habe man angerufen und niemand sei gekommen. Schlimmer noch, eine Tochter sei zur Schule zu bringen, ein Bus mit Touristen in einem Kurort abzuliefern und wichtige Termine drohten versäumt zu werden. Ein Asteroidentreffer war ein Vogelschiss dagegen.
Einer der Beamten, es war der Zweite, wandte sich dem schweigenden Pulk zu, der die Autobahnauffahrt seelenruhig mit den Leibern blockierte. Sein Haar war schlohweiß. Der Mann machte weniger Überstunden als Überjahrzehnte. Verblüffend war nur, dass er sich nicht im Rollstuhl zum Dienst schieben ließ.
Alle seine Versuche mit den Schweigsamen ins Gespräch zu kommen scheiterten kläglich. Einer blätterte in der Tageszeitung und ignorierte den Alten. Direkt neben ihm saß eine ausgesprochen damenhaft wirkende Frau und meditierte in der Lotusstellung.
Ein Typ in Bluejeans, er mochte um die dreißig Jahre alt sein, saß auf der Straße wie zum Picknick. Nur für diese bezaubernde Frau neben sich hatte er Augen. Sein Mund stand vor Bewunderung offen, sein Blick wirkte verträumt und abwesend.
Die Frau neben ihm, sie war genau in seinem Alter, hatte lange rote Haare mit Dauerwelle. Schlank war sie. Ihre Beine schienen gar nicht aufhören zu wollen. Im Vergleich zu ihr war Pretty Woman eine alter, verrosteter Lkw. Irgendwann trafen sich die Blicke. Sie lächelte zurück.
Der Polizist ging von einem zum anderen und erhielt keine einzige Antwort. Was die Schweigenden betraf, so herrschte - - schweigen.
Nun trafen sich beide Beamten zur Beratung des merkwürdigen Phänomens. Einen Rat wussten sie sich nicht zu geben und so beschlossen beide auf Verstärkung zu warten. Das war nicht nur das Beste was ihnen einfiel; es war das Einzige.
Und in der Tat, eine ganze Reihe von Streifenwagen hatte sich bis zur Kreuzung vorgekämpft. Man zauderte nicht lange. Jeder wurde angesprochen, ob man so freundlich sein könne sich zu erheben und die Kreuzung zu räumen. Als keine Antwort erfolgte wurde einer nach dem anderen an Schultern und Knöcheln ergriffen und von der Straße auf den Bürgersteig getragen.
Der junge Kerl war leicht und schnell weggetragen. Als sich die Polizisten dem nächsten Kunden zu wandten stand er auf und setzte sich wieder auf die Kreuzung. Erneut wurde er ergriffen, diesmal schon ganz ohne Rücksicht auf Schmerzen, und auf dem Bürgersteig abgelegt. Jetzt waren die Kabelbinder an der Reihe.
Andere taten es dem Kerl gleich und nahmen ohne zögern wieder auf der Straße Platz. Verblüfft stellten die Beamten fest, dass sich der junge Kerl, obschon an Händen und Füßen gefesselt, auf der Seite wieder zurück auf die Kreuzung robbte. Er kam nicht weit und diesmal wurden er und andere, die es ihm nach taten, an den eisernen Stangen der Verkehrsschilder gefesselt.
Irgendwo trug man einen Typ in Bluejeans und eine Frau mit langen roten Haaren von der Straße. Sie schwiegen, aber sahen sich in die Augen und lächelten.
Derweil hatten sich zahllose Schaulustige eingefunden. Sie säumten die Straßen und beobachteten von den Fenstern ihrer Wohnungen die seltsamen Geschehnisse. Das war nichts Besonderes. Bei solchen Gelegenheiten gab es immer Zuschauer, denn das Volk liebt den Skandal.
Einige unter den Schaulustigen zeigten sich jedoch an den Geschehnissen überhaupt nicht interessiert. Eine Frau, sie war gewiss über sechzig Jahre alt, ging in Richtung Volksfestplatz. In ihrer linken Hand trug sie ein Sitzkissen.
Ein Mann in Latzhose, dem Aussehen nach ein zünftiger Handwerker, bewegte sich geschmeidig durch die Zuschauermenge. Manchmal schob er sanft im Weg stehende Schaulustige mit freundlichem Lächeln zu Seite und nickte höflich. Er hielt geradewegs auf die Brücke zu. Niemandem war es aufgefallen: dort hatten sich mehrere Dutzend Leute versammelt.
Der Verkehrsfunk beschränkte sich unterdessen auf Meldungen über eine großräumige Verkehrsstörung aufgrund einer Demonstration.
Kapitel II
Dann biss das Reptil pfeilschnell zu, glitt zugleich vom Ast herab, und umschlang das pelzige Tier. Es strampelte. Es quiekte. Es hatte keine Chance. In engen Windungen legte sich die Python um ihr Opfer. Die Schuppen ihrer Haut schienen zu wandern. Dabei zog sie sich zusammen und presste das Leben aus der Beute.
Es wurde Mittag, bis sich das Chaos aufgelöst hatte. Der Verkehr lief wieder störungsfrei.
Die schweigenden Müßiggänger befanden sich auf der Polizeiwache. Der Laden war gerammelt voll.
Man befragte sie zur Sache. Einzeln. Aber keiner wusste Bescheid. Der eine war müde und gab sich dem Schlummer hin. Der andere hatte Zeit und wollte sich ausruhen. Eine junge Frau war weit zu Fuß gegangen und rastete. Es ergab sich kein Zusammenhang aus den über fünf Dutzend Aussagen. Untereinander kannten sie sich nicht. Sie schworen Stein und Bein, dass man die anderen noch nie gesehen hatte.
Nur zwei, ein Typ in Bluejeans und eine Frau mit roten langen Haaren, schienen sich seit Ewigkeiten zu kennen. Sie grinsten sich an und sprachen kein Wort.
Die Beamten bemühten sich redlich. Doch wo es keinen Zusammenhang gab, konnten selbst sie keinen erfinden. Aus dem reinen Schweigen, Sitzen und Ausruhen ließ sich – verdammt noch mal - nicht einmal etwas Politisches backen.
Um 13 Uhr weckten Telefone ihre fast hundert Besitzer, die unter der Brücke und in der nächsten Umgebung gewartet hatten.
Grünphase. Auf die Kreuzung gehen. Platznehmen. Entspannen.
Dieses Mal allerdings betraf es nicht nur diese eine Kleinstadt. Die Städte an der Autobahn wurden im Umkreis von gut hundert Kilometern totgeschwiegen und ausgesessen. Außerdem wurde emsig gefilmt und hochgeladen, damit sich der neue Entspannungstrend möglichst weit verbreitete.
Das wunderbare Chaos überforderte die Polizei nun tatsächlich wie ein Asteroidentreffer.
Tauchten die Beamten an einer Stelle auf, häuften sich anderswo wieder zahllose Müßiggänger.
Das Phänomen war ein Novum. Motive und Ursachen beschäftigten bereits zu diesem frühen Zeitpunkt des großen Schweigens die Polizeipsychologen. Die Antworten bestanden aus einer geschwollenen Anhäufung von lateinischen Fachbegriffen für: Ich habe keine Ahnung.
Ein Staatssekretär, der sich eilends aufgedrängt hatte um sich wichtig zu machen, warf voller Verzweiflung über das möglicherweise bevorstehende Unheil eine für alle Zuhörer erstaunliche Prämisse in den Raum. Stotternd und hustend, um seine Unsicherheit auf ein Missverständnis schieben zu können, brachte er hervor, dass vielleicht doch etwas dran sei, an den Chemtrails. Und damit nicht genug, über den Daumen gepeilt könnte etwas drin sein, wenn etwas dran war. Auch ein bislang unbekanntes Naturphänomen stünde im Raume; etwa wie in dem Film 'The Happening'.
Ein ehrenwerter Bürgermeister einer der heimgesuchten Kleinstädte setzte seine Kaffeetasse ab ohne daran zu schlürfen und schüttelte kraftlos den Kopf. Andere Zuhörer wandten sich ab, ganz so als habe der Staatssekretär einen fahren lassen.
Ein Vertreter des LKA, der von seiner Krawatte beinahe erdrosselt wurde, hob an seine enormen Erkenntnisse mit der politischen Unterschicht zu teilen. Und das ging recht schnell: „Keine Verbindungen zu Facebook. Keine Verbindungen zu Twitter. Keine Hinweise auf Verabredungen zu Flash mobs.“ Er setzte sich und zog seine Krawatte enger.
Der Bürgermeister der größten betroffenen Kleinstadt schenkte sich noch ein Bier ein. Auf dem Tisch vor sich hatte er bereits acht leere Flaschen stehen. Und er sorgte dafür, dass sie wie Soldaten in Reih und Glied standen. Leise und mit schwerer Zunge murmelte er etwas vor sich hin.
Der Bürgermeister der kleinsten betroffenen Kleinstadt stieß ihn mit dem Ellenbogen an und lallte, dass man ihn nicht verstünde, wenn er so leise lallte.
Der Bürgermeister der größten betroffenen Kleinstadt nahm einen ordentlichen Schluck aus der Flasche und sagte frei heraus: „Ich muss dauernd an den Film 'Chicken run' denken. Irgendwer sagte darin, die hecken was aus...“
Es wurde Nachmittag. Wenn der Berufsverkehr einsetzte, konnte man sich auf etwas gefasst machen. Es war mit weiterem Schweigen und Aussitzen zu rechnen. Zur Zeit war etwa die Hälfte des vorübergehend grenzenlosen Freistaates Bayern stillgelegt. Der Verkehrsfunk gab immer noch dieselben Ratschläge aus, nur nahmen die Hinweise mittlerweile bisher ungeahnt viel Sendezeit in Anspruch. Man war fast soweit Waldwege als Umleitungen zu empfehlen.
Die Nachrichten wussten noch nichts. Weder im Hörfunk noch im Fernsehen vernahm man auch nur ein einziges Wort über Zigtausende, die schweigend mitten auf den Straßen entspannten. Das war für alle Zuschauer merkwürdig, denn das Netz brannte lichterloh. Auf zahllosen Plattformen erschienen Videos und Berichte über Schweigeblockaden, gefilmt von Frauen und Männern, die, - selbstverständlich völlig zufällig – zugegen waren.
Der Berufsverkehr erlag schweigenden Müßiggängern; war ohne Feindeinwirkung gefallen. Ja, für manche war es äußerst unangenehm. Sie wollten nach Hause, zur lieben Frau und den lieben Kindern. Manche waren mit verderblicher Fracht unterwegs, andere mit Fernbussen und ihren Reisenden. Aber: Wat mutt dat mutt.
Als Folge dessen setzte die Bahn Sonderzüge ein, die aber nur einen Bruchteil der Reisenden mit Heimweh aufnehmen konnten.
Die Nacht war ruhig, die Autobahnen frei. Der Verkehr floss als sei nichts geschehen.
Währenddessen schmiedete die Polizei konspirativ Pläne, um den nächsten Tag von Störungen freizuhalten.
Aber schon gegen sechs Uhr in der Früh fielen sie in sich zusammen wie Kartenhäuser. Schweigende Entspannung durchkreuzte alle Pläne wie das Geräusch einer Gabel auf dem Porzellanteller.
Der Damm Brach, als die ersten Müßiggänger einer Kleinstadt in Thüringen eine für die Region unverzichtbare Kreuzung zum Ort besinnlicher Entspannung auswählten.
Der Verkehr kam schnell zum Erliegen. Aber niemand rebellierte. Niemand drohte mit der Faust. Im Gegenteil, einige Autofahrer stiegen aus, setzten sich unter die Schweigenden und taten es ihnen nach.
Sie saßen im Schneidersitz, hielten sich an den Händen, und blickten zu Boden. Jeder mit seinem eigenen Grund im Herzen. Man kann so viel sagen ohne ein Wort zu sprechen. Das ließ politische Grenzen und Feindschaften einstürzen wie Gebäude 7.
Jetzt blieb den Polizeikräften nichts anderes übrig als endgültig zu kapitulieren. Da waren ungarische Lkw-Fahrer, deren Sattelzüge weiß Gott welche Fracht geladen hatten, die sich schweigend unter die Deutschen setzten. Man reichte sich die Hände und schwieg.
Ein Fernbus aus Kopenhagen, in dem Reisende nach München unterwegs waren, steckte einige hundert Meter vor der Autobahnausfahrt im Stau. Die Reisenden verließen den Bus, machten sich auf den Weg zur Ausfahrt, sprachen mit anderen Autofahrern so gut sie es konnten, nahmen sie mit, und setzten sich sich auf die Straßen ohne zu fragen, ohne zu zweifeln. Manche murmelten Gebete. Anderen standen Tränen in den Augen.
Der Dammbruch setzte sich in ganz Deutschland fort. Die Bundesländer fielen wie Dominosteine dem Schweigen und Aussitzen zum Opfer.
Wie man Feuer mit Feuer bekämpft, so durchbrach das Schweigen die Schweigespirale. So einfach konnte es sein. Was man zu Hause auf dem Sofa tat, konnte auf der Straße ungeahnte Wirkung zeigen. Wer hätte das gedacht?
Kapitel III
Das Tier öffnete den Mund weit und versuchte mit der Zunge Luft herbei zu lecken. Die Augen traten aus den Höhlen hervor. Dann wurde der Blick starr. Die Python lockerte den Griff noch nicht. Erst als sie sicher sein konnte, dass der Tod eingetreten war, löste sie sich und nahm ihre Mahlzeit ein.
Der Verkehrsfunk hatte sich längst auf Floskeln geeinigt. Es war von unvorhergesehenen Störungen die Rede. Umleitungen gab es nicht mehr. Dafür flötete eine süße, weibliche Stimme den Rat, einfach zu Hause zu bleiben und zu entspannen. Aber niemand befolgte den Rat. Entspannen, ja, aber keineswegs daheim.
Die Politik und ihre Medien konnten das Phänomen nicht mehr verschweigen. Da kam man zwar dem Verkehrsfunk in die Quere, aber das war den Entscheidungsträgern völlig gleichgültig. Natürlich.
Mittlerweile war die Polizei in ihrer Bewegungsfreiheit auf die Parkplätze und Tiefgaragen ihrer Wachen beschränkt. Eines war ganz besonders seltsam: Polizeibeamte baten das schweigende deutsche Volk darum, wenn es irgendwie möglich wäre und nicht zu viele Umstände machte, vielleicht mit dem Streifenwagen den Parkplatz verlassen zu dürfen.
Wenn es ein Krankenwagen gewesen wäre, ganz klar ja. Aber aufgrund fehlender Bewegung im Verkehr schieden Unfälle als Ursache für hektische Polizeieinsätze aus. Und für einen Überfall fehlte es – jenseits aller begründeten Zweifel – an Fluchtwegen. So lächelte man verschmitzt und schüttelte den Kopf.
Versuche des sterbenden Regimes die Bundeswehr mit hinein zu ziehen versagten kläglich. Gegen wen sollte man kämpfen? Unbewaffnete Leute, die einfach auf den Straßen entspannten, waren Ziele wie das Geröll am Fuße des Mount Everest. Nein, dafür wollte man nicht einmal einen Unteroffizier im Telefondienst mobilisieren.
Die Gesichter um einen großen Tisch herum wurden aschfahl. Tiananmen blieb aus.
Die unausweichliche Folge war die vollständige Paralyse der Politik. Und die wiederum rechnete nicht mit den Berlinern.
In der Hauptstadt ging es keineswegs hoch her. Es war still. So still, dass es in den Ohren schmerzte. Das Schweigen beherrschte die Stadt. Und die Lähmung.
Spätaussiedler schenkten in aller Stille Vodka aus. Ganze Stadtteile versanken leise in wohliger Seligkeit. Wo sich Widerstand gegen das Schweigen formierte, stand man brüllend gegen Massen, die im Schneidersitz ihre Zeitungen ins Licht der Straßenlaternen hielten und nicht reagierten. Das Schweigen war lauter, es konnte das Trommelfell zerreißen. An zahlenmäßig weit überlegener Stille prallte der Gegner ab; er war alleine und zog sich zurück.
Das Schweigen gebar Gerede. Gewisse Formate im Fernsehen nahmen sich des Themas an. Und wie erwartet fiel die Antwort auf das Schweigen, das mittlerweile auch eine ganze Reihe Nachbarstaaten erfasst hatte, hysterisch und moralisierend aus.
Eine bekannte Politikerin, deren Pony nur einmal von Tränengas beiseite geweht wurde, ereiferte sich von Angst zu sprechen. Tatsächlich lösten schweigende Menschen, die nur sitzend, kauernd, schlafend oder lesend auf den Straßen saßen, bei ihr die helle Panik aus. Das war so glaubwürdig wie jener Ausweis im Schutt zweier eingestürzter Türme.
Ein Polizeisprecher beklagte die gruselige Atmosphäre, als seine Leute bei der Blockade des Frankfurter Kreuzes, einer totalen Abschottung von Flughafen, Autobahn und jeder anderen Art von Verkehr, wehrlos tausenden vollkommen stillen Menschen gegenüber standen. Man hätte heulen können. Das Schweigen am Ruhrschnellweg brachte ihn zur Verzweiflung. Das war etwas absolut Furchtbares. Seine Polizisten erreichten nicht einmal die Orte der Schweigeblockaden. Und der Gipfel war der Umstand, dass die Polizisten in Massen schwiegen; dass sie sich sogar setzten und der grausamen Stille anschlossen.
Wörter flogen durch den Raum wie Gepäck von der Hutablage bei einem Unfall. Rechtspopulisten machte die Runde, das Pack, der Mob, und der verkleinerte Magen knurrte etwas von Nazis. Die schlanke Blonde, die wie üblich im Managerstil auftrat, schlug die Beine übereinander und fragte in die Runde: „Weil sie schweigen?“
Da auf der Straße niemand etwas sagte, blieb alles reine Phantasie. Aber das war unerheblich. Nur noch Bettlägrige und Säuglinge waren nicht zum Schweigen auf der Straße. Und genau für die, für Vergangenheit und Zukunft, setzte man das Ganze schließlich ins Werk.
Als sich Hunderttausende vor Reichstag und Kanzleramt versammelten, gab es keine Scherze mehr. „Jetzt ist Schluss mit lustig!“, sagte ein Regierungssprecher.
Durch das Visier eines Scharfschützen sieht die Welt jedoch anders aus. Da war eine alte Dame. Sie saß auf dem gemähten Rasen und strickte. Jugendliche waren in ihre Handy-Spiele vertieft. Man konnte sie gut erkennen, weil ihre Gesichter von den Displays der Telefone in zuckendes Licht gehüllt wurden.
Ein Mann mittleren Alters trug eine Kopflampe. Im hellen Licht der LEDs las er ein Buch.
Es waren so viele Deutsche versammelt, dass sich der Boden zu bewegen schien. Und so wusste keiner der auf den Dächern postierten Scharfschützen, auf wen zu zielen oder wer gar zu erschießen sei. Bedrohlich war absolut nichts dort unten. Und dennoch herrschte unter den Mächtigen das absolute Grausen.
Obgleich in Ermangelung eines Themas schon rein formell keine Demonstration angemeldet werden konnte, hieß die gängige und zugleich schräge Definition des Schweigephänomens „Unangemeldete Demonstration“.
Es gab keine Transparente, keine Parteiabzeichen, keine Forderungen und keine Reden, so konnte man nichts als Hass auslegen.
Die stählernen Zäune des Kanzleramtes boten gegen das Schweigen keinen Schutz. Leise, fast wie bei einem Einbruch, überwand man das geschlossene Tor mit herbeigeschafften Leitern. Stille Wellen schwappten über das Tor. Man verteilte sich, nahm Platz und schwieg.
Perfektion wäre zu viel verlangt. Man grillte und trank Bier. Direkt vor dem Reichstag und dem satanischen Kanzleramt. Dennoch beherrschte die Stille ganz Deutschland. Schweden, Großbritannien, Frankreich, ach was – ganz Europa hatte sich angeschlossen. Das war wie der Mauerfall.
Die hellen Lichter am Horizont entpuppten sich als Hubschrauber. Er drehte über dem Kanzleramt seine Kreise. Zuweilen kam er dem Erdboden bedenklich nahe und es sah ganz so aus, als wollte der Pilot landen. Allerdings – er fand keinen Platz zwischen den Menschenmassen. So zog er unverrichteter Dinge ab wie er gekommen war und tauchte nicht mehr auf. Irgendjemand in diesem pandämonischen Kasten würde jetzt wie in einem Gruselfilm im langen weißen Gewand und hellem Entsetzen hysterisch plärrend von Fenster zu Fenster rennen.
Wie einst die letzten US-Amerikaner in Saigon hätten einige das Gebäude mit Strickleitern über die Dächer verlassen können. Diese größtenteils beleibten und in die Jahre gekommenen Herrschaften indes waren nicht für einen solchen Stunt gebaut. Und über dies hinaus wäre jeder Helikopter mit dem Gewicht überfordert gewesen.
So gab es für die Machtlosen keine Flucht. Zu eng saßen sie beieinander.
Ganz Europa schwieg mittlerweile. Unter einem Dach würden sich die Europäer aber nie wieder zusammenpferchen lassen. Es es ist angenehm im Angesicht der Zukunft auf eine überwundene Vergangenheit zurück zu blicken.
Die weiteren Ereignisse waren eine Reminiszenz an die letzte Szene aus Hitchcocks Vögel. Die Entmachteten stiegen vorsichtig und leise in ihre gepanzerten Limousinen. Zwischen den schweigenden Massen blieb nur ein schmaler Korridor und der führte zur JVA Moabit und nach Hohenschönhausen in ein ehemaliges Museum. Dort gab es einen schweigenden Empfang. In der Tat, niemand verhandelte. Den Rest besorgte die Justiz.
Das Schweigen hielt noch eine Weile an. Insbesondere die Medien blieben still. Wortlos verschwanden Redakteure im Ruhestand. Sie wurden auf den Parkplätzen der Sender schweigend empfangen und nach Hause begleitet. Dort blieben sie.
Ganz langsam erwachte das Leben. Es war wie nach einer langen Dürre. Man trat nicht vor die Tür und umarmte seinen Nachbarn, mit dem man sich leidenschaftlich gestritten hatte. Das wäre zu viel verlangt und reiner Kitsch. Aber man sprach miteinander. Zuerst waren es nur wenige Worte. Nach ein paar Tagen indes war es eine Sache wie der 11.September. Man erinnerte sich daran wo man gewesen, wo man geschwiegen und wo man auf der Straße gesessen hatte. Gemeinsames erwachte, die Zukunft wurde zum breiten Grinsen.
Die EU war schweigend zerstört, damit Europa – in all seiner endlosen Vielfalt – leben konnte.
Europa verhielt sich wie Schopenhauers Stachelschweine; nahe genug um nicht zu frieren, weit genug entfernt um sich nicht zu stechen. Es gab kein gigantisches Fest, denn – man kennt sich ohnehin seit Jahrtausenden.
Fünf Jahre später.
In einem kleinen Zimmer stand eine Frau. Das winzige Fenster war sorgfältig vergittert. Sie grämte sich wegen der Alternativlosigkeit ihrer neuen Unterkunft. Auf dem kleinen Tisch lagen die Kugelschreiber, die sie heute zusammengesetzt hatte. Die Arbeit machte ihr Freude.
Mit stumpfem Blick, wie man sie kannte, sah sie zum Fenster hinaus. Auch auf der anderen Seite bestimmten stählerne Gitter die Aussicht.
Drüben stand ein kleiner Mann mit übergroßem Kopf hinter seinem vergitterten Fenster. Er wäre zu gerne abgehauen. Man hatte es beiden so oft angeboten. Früher konnten sie und wollten nicht. Heute war es umgekehrt.
Jeden Abend zur selben Zeit winkten sie sich zu und dachten an vergangene Tage.
Mit einem Mal öffnete sich die Tür und die alte Frau sah sich um. Es war die uniformierte Beamtin, die jeden Abend die Kugelschreiber abholte. Wie alle anderen Beamtinnen verrichtete sie ihre Arbeit schweigend. Bei den Männern war es genauso.
Und irgendwo in einer deutschen Kleinstadt nahm ein Typ in Bluejeans seine vierjährige Tochter auf den Arm. Seine Frau lächelte ihn an. Sie hatte rote lange Haare und, weil er es so sehr an ihr mochte, immer noch diese Dauerwelle. In der Wiege lag ihr Sohn. Die beiden schwiegen nicht immer. Aber Worte brauchten sie selten.
Unter der Brücke, unter der alles begonnen hatte, saßen zwei Männer. Sie trugen neben der heruntergekommenen Kleidung wohl auch ein paar Läuse mit sich herum. Nachdem Deutschland von der großen Belastung befreit war, gab es kaum noch Obdachlose. Außer – man war an den Entscheidungen … „beteiligt“. Sah man genauer hin, erkannte man sie. Es war der Bürgermeister der kleinsten neben dem Bürgermeister der größten betroffenen Kleinstadt. Letzterer nahm einen großen Schluck Bauernfreund zu sich und sagte: „... ich hab dir ja gesagt, die hecken was aus!“